Ein Landhaus in England, ein belgischer Flüchtling, ein plötzlicher Tod, der sich als Mord erweist: Diese Zutaten bilden die Grundlage für Agatha Christies ersten Kriminalroman „The Mysterious Affair at Styles“ (deutsch: „Das geheimnisvolle Verbrechen in Styles“) von 1920. Das Debüt der am 15. September 1890 im englischen Devon geborenen Autorin verwendete bereits die Elemente, die zum Kanon des „Goldenen Zeitalters“ des Kriminalromans wurden: abgelegene Landhäuser, ein enger Kreis Verdächtiger mit Geheimnissen, raffinierte Ablenkungen und unerwartete Wendungen.
Der Roman markierte auch die Geburtsstunde einer der berühmtesten Figuren der Kriminalliteratur: Der „belgische Flüchtling“ ist Hercule Poirot, ein pedantischer, eitler, hochpräziser Detektiv, der Indizien sortiert, jedoch besonderen Wert auf die menschliche Psychologie legt. Captain Hastings, der Ich-Erzähler, vermittelt das staunende Auge des Publikums und zeigt, wie Christies Pointe entsteht: Das Rätsel resultiert aus Alltagshandlungen und Gewohnheiten. In „Curtain“ („Vorhang“), Christies 1975 erschienenem letzten Poirot-Roman, kehrt der Detektiv bewusst nach Styles zurück – der Kreis schließt sich am Ort seines ersten Falles.
Die meistübersetzte Autorin der Welt
Insgesamt schrieb Christie, die am 12. Januar 1976 verstarb, 66 Detektivromane, 14 Kurzgeschichten sowie Theaterstücke und Sachbücher. Ihre Bücher verkauften sich weltweit in Milliardenauflage; laut UNESCO gilt sie als die meistübersetzte Autorin. Neben Poirot schuf sie Miss Marple, erstmals 1930 in „The Murder at the Vicarage“, und das Ehepaar Tommy und Tuppence Beresford, das 1922 in „The Secret Adversary“ debütierte.
Christies bekanntestes Theaterstück, „The Mousetrap“ („Die Mausefalle“), läuft seit seiner Premiere am 25. November 1952 im Londoner West End und gilt als das am längsten gespielte Stück der Welt. Die Aufführungsreihe wurde nur durch die COVID-19-Pandemie unterbrochen. Aus Rücksicht auf den Bühnenerfolg wurde das Stück nie verfilmt.
Zahlreiche Werke wurden jedoch adaptiert. 1961 kam „16 Uhr 50 ab Paddington“ mit Margaret Rutherford als Miss Marple ins Kino. Von 2004 bis 2013 wurde die Serie „Agatha Christie’s Marple“ im Fernsehen ausgestrahlt. Poirots Fälle erreichten die Leinwand 1965 mit der Verfilmung „Die Morde des Herrn ABC“ („The Alphabet Murders“). Der erste Höhepunkt folgte in den Siebzigern, beginnend mit Sidney Lumets „Mord im Orient-Express“ (1974); Peter Ustinov prägte die Figur des Poirot in Filmen wie „Tod auf dem Nil“ (1978) oder „Rendezvous mit einer Leiche“ (1988).

Das Ehepaar Beresford wurde in einer britischen Serie der 1980er-Jahre adaptiert, die in Deutschland als „Detektei Blunt“ ausgestrahlt wurde. 2015 produzierte die BBC anlässlich von Christies 125. Geburtstag eine neue Miniserie nach den ersten beiden Beresford-Romanen.
Filmemacher greifen immer wieder ihre Erzählweise auf
Aktuell verkörpert der britische Schauspieler Kenneth Branagh den belgischen Privatermittler. Nach „Mord im Orient Express“ (2017) und „Tod auf dem Nil“ (2022) erschien „A Haunting in Venice“ (2023), basierend auf Christies 60. Roman „Die Schneewittchen-Party“ („Hallowe’en Party“, 1969).

Immer wieder greifen Filmemacher Christies Erzählweise auf. Ihr Roman „Das krumme Haus“ (1949) wurde 2018 von Gilles Paquet-Brenner verfilmt. Rian Johnson nennt Christie einen prägenden Einfluss für seine „Knives Out“-Reihe (2019–2025), die das klassische Whodunit ins Moderne überträgt. In der Netflix-Serie „The Residence“ ermittelt eine exzentrische Detektivin unter 150 Verdächtigen – eine klare Hommage an Poirot und Miss Marple. Christies Einfluss zeigt sich auch im Produktionsdesign heutiger Stoffe, insbesondere in dem Film „Gosford Park“ (2001) mit ihrem „Christie-artigen“ Ambiente, während die Serie „Only Murders in the Building“ (ab 2021) das abgeschlossene Tatortmotiv aufgreift.
Der Spielfilm „See How They Run“ (Tom George, 2022) geht noch einen Schritt weiter und nimmt direkt Bezug auf die Autorin: Während der 100. Aufführung des Theaterstücks „Die Mausefalle“ reisen Hollywood-Produzenten nach London, um eine Verfilmung vorzubereiten; als einer von ihnen ermordet wird, verdoppelt sich der Kriminalfall – auf der Bühne und in der „Film-Realität“.
Das Moralische sitzt im Detail
Agatha Christie – und mit ihr viele Nachfolger und Nachahmer – ist weniger eine „Puzzle-Maschine“ als eine Erzählerin von Ordnung. Schuld, Motiv und soziale Masken führen bei ihr zu einer Wahrheit, die am Ende mit der Auflösung im Kreis der Verdächtigen verhandelt wird. In ihren Werken sind Tatorte oft abgeschlossene Systeme: Landhäuser, Zugabteile und Hotels, in denen soziale Regeln vorherrschen.
Das Moralische offenbart sich im Detail: Die entscheidenden Hinweise sind selten große Geständnisse, sondern kleine Handlungen von Bedeutung. Poirot und Miss Marple sind nicht nur Logiker, sondern auch Kenner menschlicher Schwächen, die ihre Moralwelten in die Geschichten einbringen. Poirot, der belgische Katholik, denkt in Kategorien von Schuld und Gewissen und vertraut darauf, dass Wahrheit eine beschädigte innere Ordnung heilen kann. Miss Marple ist tief im anglikanischen Dorfmilieu verwurzelt, wo Kirche, Pfarrhaus und Nachbarschaft ein dichtes soziales Netz bilden.
Paul VI. und der „Agatha-Christie-Indult“
Dass Christie religiöse Tradition nicht nur als Kulisse sah, zeigt eine Episode von 1971. Damals unterzeichnete sie eine Petition an Papst Paul VI., die eine begrenzte Weiterzulassung der tridentinischen Messe in England und Wales erbat. Gemeinsam mit anderen Kulturschaffenden verteidigte sie den Ritus auch als geistiges und kulturelles Erbe. Als der Brief Papst überreicht wurde und er ihren Namen entdeckte, soll Paul VI. ausgerufen haben: „Ah, Agatha Christie!“ – und der Bitte umgehend entsprochen haben. Das entsprechende Indult ging später als „Agatha-Christie-Indult“ in die Geschichte ein.
Christie selbst blieb eine stille, hochkirchliche Anglikanerin. Nach der Scheidung von Archibald Christie 1928, mit dem sie seit 1914 verheiratet war, prägten Verlusterfahrungen und Umbrüche ihren Glaubensalltag; eine Ausgabe der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempen hielt sie zeitlebens griffbereit am Bett. 1930 heiratete sie den katholischen Archäologen Max Mallowan. Er besuchte weiterhin die Messe, verzichtete jedoch aufgrund der Ehe mit einer Geschiedenen auf den Empfang der Kommunion.
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