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Miss Marples schöne, kleine Schwester

„Seven Dials“: Krimi und Spionage-Thriller als stilvoll-rasante Reverenz an Agatha Christie.
Eine junge Amateurdetektivin trägt die Handlung in Seven Dials: Lady Eileen „Bundle“ Brent (Mia McKenna-Bruce)
Foto: dpa | Eine junge Amateurdetektivin trägt die Handlung in Seven Dials: Lady Eileen „Bundle“ Brent (Mia McKenna-Bruce)

Agatha Christie ist vor allem für zwei Detektivfiguren bekannt: Hercule Poirot und Miss Marple. Zwei Jahre vor Miss Marple präsentierte die Grande Dame des Kriminalromans jedoch eine andere Heldin. Lady Eileen „Bundle“ Brent debütierte als Amateurdetektivin in The Secret of Chimneys (1925) und trat 1929 in The Seven Dials Mystery ein zweites und letztes Mal auf. Auf diese Geschichte konzentriert sich nun die Netflix-Miniserie Agatha Christie’s Seven Dials.

Die zweite Hauptfigur dieser Krimiserie ist ein Profi: Superintendent Battle (Martin Freeman), der höflich-grimmige Scotland-Yard-Mann. Doch nicht er, sondern Bundle (Mia McKenna-Bruce), die dem Stoff jene Mischung aus Trotz, Witz und Trauer verleiht, prägt die Serie.

Die dreiteilige Anlage hat Stärken und Schwächen. Das Drehbuch von Chris Chibnall (bekannt geworden mit der Serie Broadchurch) hält das Tempo hoch: Vom Tod Gerry Wades nach einer Landhausparty – ein „Scherz“ mit acht Weckern kippt ins Morbide – an tickt die Handlung buchstäblich. Allerdings beruht Seven Dials auf einem Agatha-Christie-Roman, der nicht zu ihren schärfsten zählt. Die Autorin experimentierte über die klassische Formel des Krimis mit Mord im verschlossenen Raum hinaus und wagte sich in das Genre der Spionageliteratur vor – mit begrenztem Erfolg. In der Adaption spürt der Zuschauer gelegentlich, dass hier ein Rätsel von internationalem Ausmaß behauptet wird, während die innere Spannung nicht immer mithält.

Uhren schaffen Stimmungen

Regisseur Chris Sweeney inszeniert die Jazz-Ära als glänzendes Versprechen und als drohende Müdigkeit zugleich: Landhauspracht, verrauchte Klubs, glitzernde Oberflächen, unter denen es bereits bröckelt. Produktionsdesignerin Sarah Hauldren liefert viele Details, ohne die Serie in eine Museumsführung zu verwandeln. Besonders gelungen: Das Uhrenmotiv ist nicht nur Dekor, sondern Stimmungsträger. Das stete Ticken erinnert daran, dass in den „Roaring Twenties“ etwas verrinnt – Unschuld, Gewissheit, die Illusion, Kriegstraumata mit Festen übertönen zu können. Im Zentrum steht Bundles Trauer – der klügste Einfall der Serie. Der Mord ist nicht nur Anlass eines Rätsels, sondern ein Verlust, der eine junge Frau aus der aristokratischen Komfortzone zwingt. McKenna-Bruce spielt diese Bewegung mit Entschlossenheit: Sie lässt sich nicht abdrängen, nicht beruhigen, nicht mit bequemen Erklärungen abspeisen. Wenn sie dabei manchmal zu unvorsichtig wirkt, ist das weniger Logikfehler als bewusste Charakterzeichnung: Bundle öffnet keine Türen – sie stößt sie auf.

Eine weitere Stärke der Serie liegt in der Familienebene. Dass Bundle nicht primär vom Vater geprägt, sondern von einer enttäuschten Lady Caterham aufgezogen wird, ist dramaturgisch ein Gewinn. Helena Bonham Carter spielt sie mit jener exzentrischen Schärfe, die jederzeit zwischen Komik und Müdigkeit kippen kann. Ihre Wortgefechte mit Bundle sind das Herzstück der Serie: pointiert, warm, gelegentlich schmerzhaft – und gerade deshalb glaubwürdig. So wirken auch die Aussagen über Kriegslasten, weibliche Autonomie und die Verhärtungen der Trauer selten aufgesetzt.

Auch der Rest des Ensembles überzeugt: Edward Bluemel als Jimmy Thesiger bringt charmante Zwielichtigkeit ein; die Nebenrollen im Außenministerium geben dem Plot den nötigen Schub Richtung Spionage. Martin Freeman als Superintendent Battle bleibt ein angenehm altmodischer Gegenspieler: Er bremst, warnt, beobachtet – und entwickelt mit Bundle eine Dynamik, die der Serie Eleganz verleiht. Je näher jedoch das Finale rückt, desto stärker wirkt die Konstruktion überdreht: Uhren, Masken, Geheimgesellschaft, Ministerium, Erfindung, globaler Einsatz. Wo Christie im besten Fall mit klaren Linien täuscht, wird hier manches zu verworren; statt Aha-Momenten häufen sich Erklärungen. Hinzu kommt ein Ton, der nicht immer sauber austariert ist: Die Serie liebt den schnellen Witz, will aber zugleich Bedrohung und Melancholie erzeugen. Meist gelingt das, bisweilen wirkt der Wechsel zwischen Komödie und Krimi jedoch unausgegoren.

Dennoch: Seven Dials ist eine solide Netflix-Miniserie, die nicht ins selbstgefällige Augenzwinkern kippt. Sie wird von einer Hauptdarstellerin getragen, die aus der literarischen Vorlage eine neue Detektivfigur kreiert. Offenbar denkt Netflix schon über eine Fortsetzung nach.

Agatha Christie’s Seven Dials. Großbritannien 2026. Schöpfer: Chris Chibnall; Regie: Chris Sweeney. Miniserie mit drei Folgen à 52–56 Minuten. Auf Netflix. 


Der Autor schreibt aus Berlin zu Film- und Fernsehkultur.

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