Ein Kilo Fleisch, und zwar pro Tag: Rind, Schwein, Geflügel; von Steak, Hackfleisch, Knochenbrühe und Burger-Pattys bis hin zu den Innereien. Alternativ auch Fisch, Meeresfrüchte, Eier und zur Abwechslung manchmal Butter und Käse. Was sich anhört wie ein Ernährungsplan für einen Deutschen Schäferhund im harten Polizeidienst, ist in Wirklichkeit der Speisezettel ganz normaler Menschen. „Carnivore-Diät“ heißt das Programm: Verboten sind Kohlenhydrate, Ballaststoffe und Vitamine. Kein Obst, kein Gemüse, kein Getreide, keine Hülsenfrüchte. Praktisch das Gegenteil vom Veganismus. Oder dramatischer gedeutet: Veganer essen dem Essen der Carnivoren das Essen weg.
Auch der kanadische Psychologe und Bestsellerautor Jordan Peterson ernährt sich so. Und fiel dabei vom Fleisch: 60 englische Pfund hätte er abgenommen (circa 27 kg). Außerdem sei er nun weniger ängstlich und depressiv, erzählte er im US-amerikanischen „Joe Rogan Experience Podcast“. Bei seiner Tochter Mikahaila Peterson, die ihn zur Carnivore-Diät brachte, habe sich das Kurzzeitgedächtnis verbessert, stellte sie vor rund acht Jahren fest. Handynummern könne sie – ihrer Meinung nach dank des Fleischs – wieder auf Anhieb wiederholen.
Raum für Tiere statt für Getreide?
Nach dem Vorbild Petersons ernähren sich Tomas und Gabriele aus Telsiai in Litauen seit dem 15. August 2024 carnivor. Den Startzeitpunkt – das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel – hätte das engagierte katholische Ehepaar bewusst gewählt, erzählt Gabriele im Gespräch mit der „Tagespost“. Auslöser sei ihr Zuckerkonsum gewesen, der zunehmend zur Belastung wurde: „Man möchte immer mehr Zucker und wird davon nie satt. Wir waren irgendwie zuckerabhängig, müde und energielos. Obwohl unter 30, fühlten wir uns alt und ausgebrannt.“ Dass Gummibärchen nicht Bärenkräfte bedeuten und ein Riegel Mars mehr müde macht als fit: keine ganz unbekannte Tatsache.

Tatsächlich verschwanden die Schlappheitssymptome, seit die beiden nur noch Fleisch essen. „Und ich habe auch nicht mehr so viel Angst wie früher“, berichtet Gabriele begeistert. „Gewisse Ängste habe ich automatisch mit Süßigkeiten kompensiert. Das machte aber alles nur noch schlimmer“, erzählt die 32-Jährige von ihrem früheren Leben. Außerdem könne sie nun klarere Gedanken fassen. „Mein Kopf fühlte sich früher an, als wären darin 100 Registerkarten auf einmal geöffnet. Seitdem ich nur noch Fleisch esse, sind es maximal zwei.“ Auch kämpfte sie lange mit Stimmungsschwankungen, die verschwunden seien. Ihr Körper sei nicht mehr so aufgeschwemmt wie früher, als sie noch Kohlenhydrate aß. Diese banden, so ihre Diagnose, das Wasser im Körper. „Wir wünschen uns seit Jahren Kinder. Mit der carnivoren Diät fühle ich mich viel gesünder und vielleicht klappt es dadurch eines Tages“, sagt sie hoffnungsvoll.
Ihr Mann Tomas fühle sich „stärker und fitter als mit Anfang 20“, berichtet die Litauerin. „Letztes Jahr ist er spontan einen Halbmarathon gelaufen. Das hat ihm nichts ausgemacht, obwohl er nicht regelmäßig joggen geht.“ Er habe in weniger als einem Jahr 30 Kilo verloren – von 100 auf 70 Kilo. Gabriele nahm acht Kilo ab. Noch mehr wäre in ihrem Fall nicht gesund gewesen. „Ich bin jetzt mehr ich selber und fühle mich wohler in meinem Körper“, sagt sie.
Steak in der Tupperdose
Bei all den guten Erfahrungen, die das ernährungsbewusste Ehepaar gemacht hat, warnen Kritiker jedoch: vor Mangelerscheinungen, Verdauungsproblemen, dem Risiko von Herz-Kreislauf-Problemen, erhöhten Werten des „Low Density Lipoproteins“ (des schlechten Cholesterins) und einem gesteigerten Krebsrisiko. Klimaschützer haben mit den exzessiven Fleischkonsumenten sowieso ein Hühnchen zu rupfen: Denn würden alle Menschen nur tierische Produkte zu sich nehmen, gäbe es nicht genug Platz auf der Erde für die damit verbundene Tierhaltung, argumentieren sie. „Würden wir weniger Getreide anbauen, hätten wir massig Platz für Tiere“, will Gabriele das Argument entkräften.
„Günstig zu beurteilen ist lediglich der Verzicht auf Zucker, Softdrinks, alkoholische Getränke, Fast Food und andere industriell verarbeitete Lebensmittel, vor allem Convenience-Food und Fertiglebensmittel“, bezieht Silke Restemeyer, die Pressereferentin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), auf Anfrage der „Tagespost“ eine klar kritische Position – gegen den Lifestyle-Trend. „Die zunehmende Beliebtheit der carnivoren Ernährung ist größtenteils sicherlich auf den starken Einfluss der sozialen Medien zurückzuführen, insbesondere von Plattformen wie TikTok, auf denen sich Trends schnell verbreiten“, so Restemeyer. Auch auf Instagram mangelt es nicht an Accounts rund um das Thema. Zum Beispiel „agirleatingsteak“, hinter dem sich die Medizinstudentin Valeria Uslar verbirgt. Mehr als 100.000 Follower schauen zu, wie sie vor laufender Kamera im ICE ein kaltes Steak aus der geöffneten Brotdose zieht. Die junge Frau erklärt dann, dass die jahrelange vegane Ernährung ihrem Körper geschadet habe und wie Fleisch und andere tierische Produkte ihn nach und nach wieder aufbauen.

Kochen ist nun ziemlich einfach
Zurück zu Gabriele, die auch selbst Nachteile bei ihrer Ernährungsform einräumt: „Es ist etwas langweilig. Wir essen immer das Gleiche und alles hat eine ähnliche Konsistenz. Es gibt zum Glück Schweinespeck-Chips, die sorgen für Abwechslung.“ Eine Mahlzeit am Tag genügt ihr und ihrem Ehemann meistens. Zum Beispiel besteht diese aus einem in Butter gebratenen Steak, ein paar Speckstreifen und dazu fünf Eiern für jeden. Gewürzt wird maximal mit Salz. Kräuter, Chili und andere Gewürze sind verboten, genauso Pfeffer, der aus Samen hergestellt wird. Ab und zu konsumieren die Carnivoren Käse oder Milch, doch das sollte die Ausnahme bleiben. „Kochen ist nun ziemlich einfach, wir müssen schließlich nicht mehr schälen oder schneiden“, sagt Gabriele. Schwierig sei es hingegen, sich mit Freunden zum Essen zu treffen. „In seltenen Fällen machen wir Ausnahmen, zuletzt an Weihnachten. Doch das ist nicht gut, denn dann kommt der alte Stress zurück in den Körper. Die Entzündungen entstehen wieder, ausgelöst durch Zucker und Kohlenhydrate.“ Was sie zum Durchhalten motiviere, sei die Erinnerung daran, wie schlecht es ihr vor der carnivoren Ernährung ging. „Da möchten wir nicht hin zurück.“
Weitere Informationen finden sich auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Ernährung www.dge.de.
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