Esra, manche Muslime haben während des Ramadans Angst, aus Versehen einen Regentropfen zu verschlucken. Wie streng hältst du das Fasten?
Wenn ich faste, dann passe ich schon gut auf, bin aber auch nicht extrem. Manche Muslime duschen noch nicht einmal zwischen Sonnenaufgang und -untergang, eben damit sie keine Wassertropfen trinken könnten. Das sehe ich lockerer. Ich beschränke mich darauf, auf Essen und Trinken zu verzichten, kein Kaugummi zu kauen und keine Zigaretten zu rauchen. Wenn man einen Partner hat, sind das Küssen und andere körperliche Nähe verboten. Auch faste ich nicht jeden Tag. Als Lehrerin würde ich das aufgrund der hohen Stimmbelastung nicht durchhalten, darum verzichte ich nur an den weniger anstrengenden Tagen auf Essen und Trinken. Den ganzen Monat über trinke ich keinen Alkohol.
Es besteht die Theorie, während des Ramadans nähmen die Muslime mehr Nahrung zu sich als sonst, weil sie nachts zu viel essen. Kannst du das bestätigen?
Ich kenne tatsächlich Familien, die da übertreiben und abends ein riesiges Buffet auftischen. Meine Familie ist, was das betrifft, eher bescheiden, wir essen insgesamt weniger. Zwar hat man den ganzen Tag Hunger, doch abends machen einen schon die ersten Bissen satt.
Außerdem sollte man auch ausreichend trinken, dadurch bleibt weniger Platz fürs Essen. Ich versuche, während der Nacht zwei Liter Wasser zu mir zu nehmen. Der Prophet lehrt, den Magen nicht zu überfüllen. Man sollte ihn zu einem Drittel mit fester Nahrung, zu einem Drittel mit Flüssigkeit und zu einem Drittel mit Luft füllen.
In einigen muslimischen Familien gibt es bereits in den frühen Morgenstunden ein nahrhaftes Frühstück. Danach schlafen sie weiter. Hast du so früh schon Hunger?
Wenn ich vor Sonnenaufgang frühstücke, dann nie besonders viel. Ich kann mir um die Uhrzeit nicht den Magen vollschlagen. Meistens esse ich Milch mit Haferflocken, Nüssen und Datteln. Das sättigt, gibt Energie für den Tag und gleichzeitig kriegt man davon keinen Durst. Je nachdem, um wie viel Uhr die Sonne aufgeht, lege ich mich nach dem Frühstück wieder hin.
Und was isst du abends?
Eine ganz normale warme Mahlzeit, wie ich es sonst auch tun würde.
Was ist am Fasten das Anstrengendste?
Das Anstrengendste ist nicht, zu hungern oder zu dursten. Sondern, dass der Schlafrhythmus durcheinandergerät. Trotz der nächtlichen Mahlzeiten muss ich ja um sechs Uhr wieder zum Arbeiten aufstehen. Ansonsten ist der Hunger schlimmer als der Durst, finde ich.
Manche Muslime zwingen ihre Kinder angeblich zum Fasten. Stimmt das?
Da kenne ich niemanden in meinem Bekanntenkreis, der so etwas macht. Allerdings habe ich auch miterlebt, dass Bekannte sich unter Druck gesetzt fühlen. Wenn Familie und Freunde fasten, dann machen sie mit, obwohl sie es gar nicht möchten.
Wie hast du als Kind gefastet?
Wir haben klein angefangen, das wollten unsere Eltern so. Bis ich zwölf Jahre alt war, sollte ich nicht fasten. Als ich älter war, durfte ich dann bis zum Nachmittag fasten und an den Wochenenden den ganzen Tag über. Während der Schulzeit haben meine Eltern es nicht gerne gesehen. Sie wollten nicht, dass ich mich wegen Hunger und Durst schlechter konzentrieren kann. Ab der Oberstufe haben mein Bruder und ich aus eigener Entscheidung außerhalb der Prüfungsphasen gefastet.
Aus welcher Überzeugung heraus fastest du?
Es gehört zu den fünf Säulen des Islams, darum ist es eine Pflicht. Außerdem ist es wissenschaftlich bewiesen, dass es den Körper reinigt, über längere Zeiträume auf Nahrung zu verzichten. Es ist gesund, weil der Körper seine Zellen erneuern kann. Gleichzeitig erinnert das Fasten mich daran, wie dankbar ich sein kann, Essen und Trinken zu haben. Das ist für uns in Deutschland etwas Alltägliches. Aber ganz vielen Menschen geht es anders.
Manchmal vergesse ich, dass ich faste. Dann mache ich den Kühlschrank auf und schnell wieder zu, weil mir einfällt, ich darf nichts essen. In dem Moment wird mir klar, ich könnte theoretisch immer essen, habe das Privileg dazu, und andere Menschen eben nicht.
Was hat Gott mit dem Fasten zu tun?
Der Ramadan ist allgemein eine Zeit, um in sich zu kehren und zu Gott zu finden. Außerdem ein Gefühl der Gemeinschaft, wenn man dann abends mit der Familie das Fasten bricht. Es ist eine heilige Zeit. Man verzichtet dann auf andere Sachen und versucht, wieder mehr zum Glauben zu finden.
Wie reagiert dein Umfeld?
Unterschiedlich. So richtig diskriminiert wurde ich nie. Fragen, wie zum Beispiel „Auch kein Wasser?“, sind nicht böse gemeint, sondern kommen aus Neugierde. Ich sage es aber auch nicht jedem. In der Schule erlebe ich als Lehrerin, wie schön es muslimische Kinder finden, mich fasten zu sehen. Sie freuen sich und erzählen stolz, dass sie auch fasten.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










