Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Feuilleton

Die Hirnforschung und der freie Wille

Der Mensch ist frei – und damit für sein Handeln verantwortlich. Daran ändern auch die interessanten Vorstöße der Hirnforschung nichts. Von Josef Bordat
Willensfreiheit
Foto: dpa | Neuronen oder Gründe: Was lässt uns handeln?

Gibt es ihn, den freien Willen? Die uralte Menschheitsfrage bekommt durch die Naturwissenschaft neue Antworten. Die neue Frage lautet: Wie relevant sind diese für das Handeln des Menschen? Neuronen oder Gründe: Was lässt uns handeln?

Die Hirnforschung bestreitet den freien Willen

Forschungsresultate aus diesem Bereich der Neurowissenschaften scheinen zu zeigen, dass der freie Wille eine Illusion ist. Das jedoch ist er nur, wenn er als „absolut“ frei gedacht wird. Dass es darum aber nicht geht, zeigt ein Essay über Willensfreiheit und Verantwortung, der den Freiheitsbegriff pragmatisch fasst.

Neuronenfeuer – Früher sagte man: Vernunft

Demnach lassen sich starker und schwacher Determinismus unterscheiden. Der starke Determinismus scheitert schon an der Wirklichkeit, weil wir in dieser gar nichts von dem bemerken, was jener beinhaltet – wen kümmern schon seine Neuronen, wenn es um Handlungen aus Gründen geht? Er beschreibt – auf physikalischer Ebene recht genau und immer genauer –, was es bedeutet, einer Bindung an Voraussetzungen zu unterliegen, die wir aber selbstverständlich in Kauf nehmen. Das war noch nie ein philosophisches Problem, solange man das Feuern von Neuronen „Vernunft“ nannte.

Wider die Qual der Wahl

Der schwache Determinismus ist unproblematisch, ja, sogar hilfreich. Denn das, wovon einige Neurowissenschaftler meinen, es widerlegen zu können, absolute Willensfreiheit, ist nicht nur in der Tat unmöglich, sondern es wäre auch nicht gut für uns Menschen. Ein absolut freier Wille wäre launisch, zufällig, unberechenbar, zusammenhanglos – ein Wille in kausalem Vakuum. Freiheit ist daher gar nicht primär die Frage nach dem freien Willen, sondern ein Begreifen der paradoxen Freiheitserfahrung als Differenz von Freiheit und Unfreiheit im Rahmen universeller Bedingtheit.

DT (jbj)

 

Die Gedanken sind frei, der Mensch ist frei – und damit auch für sein Handeln verantwortlich. Lesen Sie dazu den Essay in der aktuellen „Tagespost“-Ausgabe vom 9. August 2018.

Themen & Autoren

Weitere Artikel

Philosophie muss nicht trocken sein. Malte Oppermann glänzt mit einem geistreichen Essay zur Frage, wie das Schlechte in die Welt kam.
19.04.2026, 15 Uhr
Sebastian Ostritsch
Manchmal haben wir unseren eigenen Kopf. Aber Gott weiß, was gut für uns ist. Doch wie erkennen wir seinen Willen?
02.04.2026, 05 Uhr
Isabel Kirchner
Für die Philosophin Simone Weil war Gewalt die Mitte „jeder menschlichen Geschichte“. In ihrem Essay über die Ilias geht sie dieser These auf den Grund.
23.12.2025, 13 Uhr
Daniel Zöllner

Kirche

Ein Forschungsbericht plädiert für eine pastoral sensiblere Ehelehre. Die Studie ist sich der Grenzen ihres westlichen Blickwinkels bewusst – und genau darin liegt eine Chance.
20.05.2026, 08 Uhr
Thomas Philipp Reiter
Der Würzburger Bischof Franz Jung wirbt für das persönliche Zeugnis. Junge Leute bräuchten keine Reformprogramme und keine Sprüche. Auch ein Politiker fordert mehr Selbstbewusstsein.
19.05.2026, 17 Uhr
Regina Einig
Das Heilige Land muss lebendiger christlicher Lebensraum bleiben, meint Uwe Zimmermann von der Komturei St. Kilian des Ritterordens vom Heiligen Grab im Gespräch.
19.05.2026, 16 Uhr
Regina Einig
Mit Gott als bestem Freund, nicht als einem Fremden sprechen: In der Gebetsschule mit Don Camillo.
19.05.2026, 09 Uhr
Clara Ott