Was die Neuronen feuern lässt

Der freie Wille gilt in den Neurowissenschaften als schlecht beleumundet. Das muss nicht sein. Nämlich dann nicht, wenn klar ist, was Willensfreiheit und Verantwortung eigentlich meinen. Was die Neurowissenschaften dazu beitragen können – und was nicht. Von Josef Bordat
Neurons and man natural background
Foto: Smolygin Vitaliy (79549325)

Die Hirnforschung bezeichnet den freien Willen des Menschen als Illusion. Damit ist das, was wir als unseren Kern begreifen, als unser Selbst, unser „Ich“ gleichsam dekonstruiert. Das „Ich“ wird zu einem fließenden Strom aus gefilterten Eindrücken, die wir zu unserem Selbstbewusstsein integrieren (Thomas Metzingers „Ego-Tunnel“), ohne dass es dafür eine Berechtigung gäbe. Am Ende ist das „Ich“ nur ein „Märchen, das unser Gehirn sich selbst erzählt“ (Michael Gazzanigas „Ich-Illusion“). Es zählt zu den Aufgaben der Philosophie, die reduktionistische Engführung (Geist ist Gehirn, Bewusstsein ist Stromfluss, Ich ist Nicht) zu kritisieren und zugleich Tendenzen einer reflexartigen Selbstabgrenzung in der klassischen Perspektive des Geistes zu überwinden, um so zu einer Deutung der naturwissenschaftlichen Hirnforschung zu gelangen, die ein angemessenes Bild des Menschen zeigt. Eines, das mit Missverständnissen, die aus religiösen Metaphern erwachsen können, ebenso aufräumt, wie es auf die Begrenztheit naturalistischer Deutungsmuster hinweist. Auch geht es, wenn über Willensfreiheit anders nachgedacht werden soll als es die Neurowissenschaften oberflächlich betrachtet nahelegen, nicht um den Stolz des „Ich“, sondern um die Würde des Menschen.

Die Beschäftigung mit der Willensfreiheit führt durch ein Gebiet, das für den Freiheitsbegriff der Philosophie, also für die Art und Weise, wie Menschen „Freiheit“ verstehen, völlig irrelevant ist. Man muss jedoch durch dieses Gebiet hindurchschreiten, um zu verstehen, aus welchen Gründen es irrelevant ist. Die Beschäftigung mit neurowissenschaftlichen Angriffen auf die Willensfreiheit ist insoweit schwierig und ärgerlich, aber eben auch sehr wichtig.

Zunächst einmal muss festgelegt werden, was unter dem Begriff „Wille“ zu verstehen ist. Folgende Definition enthält alle wichtigen Aspekte des Konzepts: „Der Wille ist das subjektive Prinzip aller Freiheit, das die Freiheit im Menschen konstituiert.“ Man sieht, dass der Begriff Wille direkt und untrennbar mit dem Begriff der Freiheit verbunden ist, als das Prinzip der Freiheit, als das, was im Menschen der Freiheit eine Gestalt gibt und ihr Ausdruck verleiht. „Freiwillig“ ist also eine Bezeichnung für das Wesen des konstituierenden Wollens eines Menschen, welches dieser von sich aus, also 1. selbst und 2. frei bestimmt. „Willensfreiheit“ bedeutet demnach eine Unabhängigkeit des Willens von jedweder zwingenden, beeinflussenden Kausalität, äußeren und inneren Ursachen in dem Sinne, dass der Wille als konstante Fähigkeit des Wollens einen Kern enthält, der nicht Produkt, nicht Wirkung irgendwelcher anderer Faktoren ist.

Und genau darin, in den „anderen Faktoren“, liegt das Problem, wie uns die Neurowissenschaftler zeigen möchten. Sie behaupten, dass die neuronalen Prozesse im Gehirn genau solche Faktoren sind, die den Willen bestimmen. Sie sagen: Der Willensakt geht den neuronalen Prozessen nicht voraus, sondern ergibt sich aus ihnen. In entsprechender Weise folgt das Gefühl, eine Handlung intendiert zu haben – also der Willensakt – den für eine Willkürhandlung notwendigen kortikalen und subkortikalen Prozessen und tritt zusammen mit den nachfolgenden Handlungen auf.

Das heißt, dass es insofern keinen völlig freien Willen gibt, weil diesem etwas vorausgeht, nämlich neuronale Prozesse im Gehirn. Wir sind also nicht frei, sondern Sklaven unserer Neuronen. Wir sind, wenn wir frei sind, bestimmt durch unsere Vernunft, könnte man auch sagen, weit weniger spektakulär. Soweit war die Antike auch schon. Aber dennoch hat die Aussage „Der Willensakt geht den neuronalen Prozessen nicht voraus, sondern ergibt sich aus ihnen“ etwas sehr Gewöhnungsbedürftiges und Missverständliches, das es aufzuklären gilt.

Zu unterscheiden ist zunächst zwischen dem starken und dem schwachen Determinismus. Das, was die Hirnforscher meinen, wenn sie behaupten, es gäbe keinen freien Willen, weil vorher stets unsere Neuronen in einer ganz bestimmten, festgelegten Weise feuern, kann man als starken Determinismus auffassen. Dem starken Determinismus-Postulat ist nun ein Zirkel inhärent, der es bereits aushebelt, sobald es formuliert wird. Jeder würde ja von sich behaupten, frei zu sein, aus freien Stücken auf etwas gekommen zu sein. Auch der Hirnforscher mit seinem starken Determinismus-Postulat. Damit widerspricht er sich aber. Wenn er meint, das Determinismus-Postulat frei entwickelt zu haben, dann kann es, das Postulat, ja nicht immer stimmen, zum Beispiel bei der Entwicklung eben dieses Postulats. Und dass es immer stimmt, ist ja gerade Inhalt des Postulats eines starken Determinismus, bei dem alles determiniert sein soll. Es wird also etwas behauptet, das gerade durch die Behauptung bereits widerlegt wird.

Schwache Deterministen sind wir hingegen alle, weil wir ohne kausale Bindungen und Zusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen überhaupt nicht sinnvoll leben könnten. Wenn man essen will, muss man den Mund aufmachen. Man hat nicht die Möglichkeit, den Mund geschlossen zu halten. Wenn man sich entscheidet, etwas zu essen, dann ist das Verhalten, was den Mund angeht, ziemlich festgelegt. So etwas nehmen wir nicht als Problem im Kontext des Freiheitsbegriffs wahr. Wenn man es aber – der Logik derer folgend, die Willensfreiheit durch feuernde Neuronen attackiert sehen – als ein solches Problem auffasst, dann könnte man zeigen, dass der Mensch beim Essen determiniert ist, weil und soweit er gezwungen ist, den Mund zu öffnen, wenn er essen will. Er ist also nicht frei. Wenn er dann nicht mehr isst, um den Mund geschlossen zu halten, reagiert er ja auch auf etwas, nämlich auf die Intervention. Er ist also auch dann nicht frei.

Doch das ist nicht nur für das wirkliche Leben im Alltag irrelevant (wer fühlte sich schon beim Essen „unfrei“ in Bezug auf den Mund, wenn er denn essen will), sondern auch für die philosophische Analyse des Freiheitsbegriffs. Den Scheinangriff auf die Willensfreiheit bekommt man mit dem Zweck-Mittel-Denken im Rahmen der Handlungstheorie leicht abgewehrt. Problematisch ist der Determinismus also nur als starker Determinismus, der die These vertritt, alles sei determiniert, was für den Fall des Selbstbezugs zum Zirkel führt.

Das Willensfreiheitsthema erweist sich als hochgradig irrelevant und der starke Determinismus scheitert schon an der Wirklichkeit, weil wir in dieser gar nichts von dem bemerken, was jener beinhaltet. Der schwache Determinismus ist unproblematisch, ja, sogar hilfreich. Denn das, wovon einige Neurowissenschaftler meinen, es widerlegen zu können, absolute Willensfreiheit, ist nicht nur in der Tat unmöglich, sondern es wäre auch nicht gut für uns Menschen. Ein absolut freier Wille wäre launisch, zufällig, unberechenbar, zusammenhanglos – ein Wille in kausalem Vakuum. Freiheit ist daher gar nicht primär die Frage nach dem freien Willen, sondern ein Begreifen der paradoxen Freiheitserfahrung als Differenz von Freiheit und Unfreiheit im Rahmen universeller Bedingtheit. Ein Möglichkeitsraum, der unendlich groß wäre, uns also alle Freiheiten ließe, würde uns schlicht überfordern. Wir kennen das im Endlichen, im Alltäglich als „Qual der Wahl“. Die „Qual der Wahl“ ist die Kehrseite der Freiheit.

Mit Hilfe von Vernunft und Moralität muss der Mensch dort, wo nicht schon äußere Einschränkungen bestehen, das Ausblenden von zur Verfügung stehenden Optionen einüben, um überhaupt ein freies Leben führen zu können. Sonst unterliegt er dem Zwang, nichts von diesen Optionen verpassen zu wollen – und wird damit unfrei.

Auch kommt es beim Freiheitskonzept nicht auf Einzelhandlungen an, sondern auf ein Geflecht von Handlungen. Wir müssen bei Handlungen immer den Kontext des größeren Handlungsrahmens sehen, wenn wir über Freiheit und Unfreiheit sprechen. Die Neurowissenschaft trägt dazu nichts bei, da sie Handlungen auf isolierte Körperbewegungen beschränkt und methodisch beschränken muss. Menschen definieren sich aber nicht danach, wie sie sich bewegen, sondern wie sie handeln.

Robert Spaemann hat einmal in einem Beispiel unterschieden: zum einen die Bewegung aus dem Bett, die um 7:05 erfolgt und von einem Neuronenfeuerwerk um 7:04:59 vorherbestimmt wird, und dem Willen zur Handlung „Aufstehen“, die dadurch motiviert ist, dass man danach etwas vor hat. Das grundlegende Aufstehensmotiv selbst ist nicht eine ad hoc-Neuronenkonfiguration, sondern ergibt sich aus der Biographie, den Wünschen, den Zielen. Die eine Entscheidung, die im Experiment gemessen wird, muss zur Grundeinstellung passen, sonst wird sie gar nicht erst erwogen. Das ist ja die wirkliche Entscheidungsqualität im menschlichen Handeln: Entscheidungen sind Akte, zu denen der Mensch mit seiner Persönlichkeit stehen muss. Und das hat mehr mit Gründen, Werten, Überzeugungen und dem Selbstverständnis als moralische Person zu tun als mit Neuronen, die in einer bestimmten Weise feuern.

Stünde nicht so Bedeutendes auf dem Spiel, könnte man den Angriff auf die Willensfreiheit als Elfenbeinturmdebatte abtun und sich etwas anderem zuwenden. Doch die Antwort auf die Frage, ob es „Freiheit“ (und damit „Verantwortung“) gibt, beeinflusst unsere Moralität, unser Rechtssystem, unsere gesamte Lebenspraxis. Überlegungen, die über die materialistische Sicht des Menschen hinausweisen und eine phänomenologische Dimension eröffnen, die an bestimmten Punkten den Geist erfordert, um sich überhaupt noch konsistent zu sich selbst verhalten zu können, lassen sich nicht abstreiten. Es sind schließlich Erfahrungen, die wir mit uns selbst machen. Aus ziemlich freier Wahl und ziemlich freier Entscheidung erfolgen Handlungen, die uns als Personen zuzurechnen sind und die wir dementsprechend zu verantworten haben – vor Gott und den Menschen. Aber: Gibt es sie denn, die Willensfreiheit? Natürlich, so der Philosoph Peter Bieri („Das Handwerk der Freiheit“) – man muss sie nur an der richtigen Stelle suchen.

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