Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wien

Corona und die Psyche: „Wir sind durch die Unsicherheit erschöpft“

In der Corona-Krise haben sich die psychischen Probleme vervielfacht. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP) analysiert im „Tagespost“-Gespräch die Ursachen.
Psychische Belastung durch Corona
Foto: Sina Schuldt (dpa) | "Unsicherheit ist noch schlimmer und belastender als schlechte Nachrichten", so Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie.

Rund ein Viertel der Bevölkerung Österreich leidet laut einer aktuellen Studie der Donau-Universität Krems an depressiven Symptomen, Ängsten oder Schlafstörungen. Vor der Pandemie waren es zwischen 3,5 und 6 Prozent. Noch dramatischer ist der Anstieg bei jungen Erwachsenen zwischen 18 und 24 Jahren: Hier zeigen 50 Prozent depressive Symptome.

Noch belastender als schlechte Nachrichten

Lesen Sie auch:

Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie, erklärt das im Gespräch mit der „Tagespost“ mit den Unsicherheiten hinsichtlich der Lockdowns, der Lockerungen und der Impfstoffe: „Unsicherheit ist noch schlimmer und belastender als schlechte Nachrichten.“ Viele Menschen seien durch Unsicherheit erschöpft.

Kinder und Jugendliche scheinen massiv betroffen: „Kinder und Jugendliche brauchen eine Struktur und Klarheit über das Leben, sichere Annahmen und Stützen. Doch Zukunftsplanung ist jetzt fast nicht möglich. Was immer ihre Visionen waren: Jetzt ist der Weg dorthin stark erodiert.“ Die Krise störe bei der Zukunftsplanung und der Bildung von Visionen.

Kommt der große psychische Zusammenbruch erst noch?

Dennoch könnte uns der große psychische Zusammenbruch erst bevorstehen: „Die Erschöpfung des Marathonläufers erfolgt, wenn er durchs Ziel ist“, sagt Stippl im „Tagespost“-Gespräch. „Die psychische Belastung der Arbeitslosen ist – bei Depressionen, Angst- und Schlafstörungen – doppelt so hoch wie bei jenen, die Arbeit haben. Wenn wir die Infektionsgefahr im Griff haben, wird deshalb noch nicht die Wirtschaft sofort wieder anspringen oder die Arbeitslosigkeit sinken.“  DT/sba

Lesen Sie das ausführliche Interview mit dem erfahrenen Psychotherapeuten Dr. Peter Stippl in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

Themen & Autoren
Vorabmeldung Krisen Pandemien

Weitere Artikel

Selbsttötung als Ausdruck der Selbstbestimmung? Der bizarre Fall eines ärztlich assistierten Suizids zeigt, wohin eine solche Überzeugung unsere Gesellschaft führt.
30.01.2026, 21 Uhr
Stefan Rehder
Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sondern konstitutiv für menschliche Identität. Also müssen wir sie als das gestalten, was sie sein sollte: ein Weg zu Würde, Sinn und Freiheit.
10.11.2025, 09 Uhr
Thomas Schwartz

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Die Gebote sollen keine Überforderung sein, sondern ein Hilfe für die Christen, ihre eigene Berufung zu leben. Christsein ist schließlich kein Moralismus.
14.02.2026, 21 Uhr
Martin Grichting