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„Chronorama“ eines bewegten Jahrhunderts

Die Berliner Helmut Newton Stiftung zeigt Spitzenfotografie von den 1910ern bis zu den 1970er Jahren. Fototastisch!
Liza Minelli
Foto: Alexis Waldeck / Condé Nast | Ikone Ihrer Zeit: Liza Minelli.

Die Gegend hinter dem Berliner Bahnhof Zoologischer Garten lädt nicht gerade zum Flanieren ein. Ortsfremde Besucher fragen sich vielleicht, ob sie hier, zwischen Bahnhofsmission, Caritas und den dort Hilfesuchenden richtig sind. Aber in eben dieser unwirtlich erscheinenden Ecke wollte der in Berlin (als Helmut Neustädter) geborene Fotograf Helmut Newton sein Museum haben. Das 1909 erbaute, prachtvolle ehemalige Landwehrkasino beherbergt die 2003 kurz vor Newtons Tod gegründete Helmut Newton Stiftung, für deren Sammlung der Fotograf mit seinen Werken den Grundstock gelegt hat. Wechselnde fotografische Ausstellungen ziehen ein interessiertes Publikum aus aller Welt an.

„Chronorama“ heißt die aktuelle Ausstellung – eine passende Wortschöpfung, zeigt sie doch das Panorama bedeutender Fotografien chronologisch geordnet von den 1910er bis Ende der 1970er Jahre. Zusammen mit der Pinault Collection präsentiert die Newton Stiftung nach der ersten Station im Palazzo Grassi in Venedig im letzten Jahr nun eine so vermutlich noch nicht gesehene umfassende Schau von knapp 250 herausragenden Fotografien der Genres Porträt, Mode, Stillleben, Architektur und Fotojournalismus, ergänzt durch frühe Illustrationen aus dem Archiv des legendären Condé-Nast-Verlags, zu dessen Renommee die Zeitschriften Vogue und Vanity Fair maßgeblich beigetragen haben.

Einblick in  radikale gesellschaftliche Veränderungen

Werke von Diane Arbus, Cecil Beaton, David Bailey, Robert Frank, Horst P. Horst, George Hoyningen-Huene, Lee Miller, Irving Penn, Edward Steichen, Bert Stern und Deborah Turbeville sind vertreten, natürlich auch von Helmut Newton selbst, der aber sympathischerweise (quasi als Gastgeber) sehr zurückhaltend auftritt. Durch die chronologische Anordnung der Bilder bekommt der Betrachter einen komprimierten Einblick in die radikalen gesellschaftlichen Veränderungen in der westlichen Welt jener Jahrzehnte, in erster Linie anhand der Entwicklung der Modegeschichte.

Illustrierten zu Beginn des letzten Jahrhunderts zunächst noch gezeichnete Mode- und Porträtbilder die Modezeitschriften, hielt die noch neue Kunstform der Fotografie zunehmend Einzug – als schnell erkanntes Medium, den Zeitgeist abzubilden. Die ausgestellten Werke sind jedoch keine Dokumentarfotos, sie sind Inszenierungen.

Mit der Gründung der Ballets Russes 1907 revolutionierte Sergej Diaghilev das gesamte Genre. Auch das schlägt sich fotografisch nieder. Porträt- und Bewegungsstudien verlieren das Starre der Anfangszeit der Fotografie. Die in den Magazinen dargestellten Models, Schauspielerinnen, Künstler und Repräsentanten der „gehobenen“ Gesellschaft sollten die vor allem weibliche Leserschaft in eine sehnsuchtsvolle Glamourwelt entführen. Verschleierte Blicke, verlockende Lippen, leicht schräg geneigte Köpfe suggerierten vor allem nach dem Ersten Weltkrieg, dass es eine andere Welt gab als die des Leids, der Armut und des Hungers und leiteten über in die ausgelassenen 20er Jahre, die „Roaring Twenties“, die Zeit des Art déco, der Partys und des Jazz. Aber es gibt Ausnahmen: die amerikanische Frauenrechtlerin, Ärztin und Bürgerkriegsveteranin Mary Edwards Walker lässt sich 1911 ablichten, als 80-Jährige mit amerikanischer Flagge, Zylinder und Hosen, aufrecht und mit stolzem Blick.

In jedem Jahrzehnt eine neue Ästhetik

Nach der Weltwirtschaftskrise 1929 veränderte sich die Welt erneut. Der Tonfilm brachte neue Stars hervor, auch männliche „Models“ wie Cary Grant fanden Platz in den Magazinen, und die Körperlichkeit großer Sportler wie Jesse Owens wurde zum Thema.  Die Politik hielt Einzug in den Hochglanzmagazinen, Winston Churchill und Josef Stalin warfen ihre bedeutenden Schatten voraus. Der Einbruch der Realität kommt mit dem Zweiten Weltkrieg. Die anfangs als Model und Modefotografin tätige Lee Miller entwickelt sich zur Kriegs- und Nachkriegsfotografin, in einer Zeit, in der es nichts zu beschönigen gab. „In der Welt, die wir in unseren Seiten widerzuspiegeln versuchten, waren die Glücklichen, Kultivierten und Mondänen genauso tot und verarmt wie alle anderen. Die Angst kannte keine Grenzen“ (Edna Woolman Chase, Chefredakteurin der Vogue).

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Doch schon in den 50er Jahren sieht es ganz anders aus: Weiblichkeit war wieder Trumpf, die Frauen, die im Krieg „ihren Mann“ stehen mussten, sollten (und wollten) wieder schön sein. Der „New Look“ des französischen Couturiers Christian Dior verzauberte mit seinen prächtigen Roben. Diese Phase endete abrupt in den 60er Jahren, die geprägt waren durch große soziale, politische und kulturelle Umwälzungen, was sich auch in der Mode ausdrückte – da stand der Minirock für feministische Selbstbestimmung und das Model Twiggy war ihre Ikone. Aufbruch in allen Bereichen, Hoffnungen auf eine gerechtere, menschlichere Welt standen im Vordergrund und wurden schnell zerstört durch die Attentate auf John F. und Robert Kennedy und auf Martin Luther King. Die 70er Jahre versuchten sich wieder im Glamour, nun aber entschieden und offensiv erotischer als in früheren Zeiten. Der richtige Zeitpunkt für Helmut Newton mit seinen aufsehenerregenden Fotos, die sorgfältig inszenierte Geschichten erzählten und dem Betrachter reichlich Raum für eigene Fantasien ließen. Der Körper stand zunehmend im Vordergrund und löste die porträtierten Gesichter ab. Models blicken nicht mehr in die Kamera, sondern eher gelangweilt in die Ferne, ein Zwiegespräch oder gar eine Verführung findet nicht mehr statt, der Zauber des Geheimnisvollen wird enttarnt.

Es ist eine hochspannende Ausstellung, jeder Raum bietet wahre Schätze, neue Überraschungen und ungewohnte Betrachtungsweisen. Reflektionen über Vergänglichkeit, auch die eigene, wechseln mit Erkenntnissen darüber, wie die aktuelle Zeit ein Resultat der vorangegangenen Ären ist. Abgesehen von der Entdeckung nie zuvor gesehener Aufnahmen wie des Porträts eines jungen, ganz offenen Charlie Chaplin oder einer entspannt im Gras liegenden Katherine Hepburn – und der sich wandelnden Ästhetik in der künstlerischen Fotografie und der Mode, korrespondierend mit den Zeitumständen.


Chronorama, Helmut Newton Stiftung, Jebensstraße 2, 10623 Berlin. Noch bis zum 20. Mai 2024, Katalog in der Ausstellung 38,00 €.

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