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„Stabat Mater“ als Quelle der Einheit

Darsteller mit Behinderung? Auf der Bühne der Deutsche Oper Berlin funktioniert das prächtig – mithilfe der Gottesmutter.
Stabat Mater, Tischlerei
Foto: Deutsche Oper Berlin | Strahlende Freude: Mitten in Berlin eine Insel des Trostes.

Das mittelalterliche, lateinisch verfasste Gedicht „Stabat Mater“ mit dem Beginn „Stabat mater dolorosa“ („Es stand die Mutter schmerzerfüllt“) beschreibt den tiefempfundenen Schmerz der Gottesmutter Maria um ihren gekreuzigten Sohn Jesus. Das Werk ist seit dem 15. Jahrhundert immer wieder von bedeutenden Komponisten vertont worden, so auch von Arvo Pärt. Der 1935 geborene estnische Tonkünstler schrieb 1985 eine erste Fassung für Sopran, Countertenor (Alt), Tenor und Streicher-Trio, die er dann im Jahre 2008 für gemischten Chor und Streichorchester bearbeitete.

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Hier soll es um die erste Fassung gehen, die im Zentrum einer sehr besonderen Aufführung in der Tischlerei der Deutschen Oper Berlin steht. Unter dem leicht sperrigen, aber zutreffenden Titel „Stückentwicklung des Ensembles der Jungen Deutschen Oper und des Jungen RambaZamba Theaters“ haben sich zwei Nachwuchs-Ensembles zusammengefunden, wie sie auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten.

Das 1990 gegründete, private inklusive Berliner „RambaZamba Theater“ arbeitet mit geistig und/oder körperlich beeinträchtigten Schauspielerinnen und Schauspielern und zeigt die meist nicht vermuteten Möglichkeiten der Darstellung von Menschen, die wegen ihrer Andersartigkeit früher versteckt wurden. Die Schwerpunkte der künstlerischen Arbeit sind Schauspiel, Tanztheater, Performance, Musikveranstaltungen und Bildende Kunst. Dass „RambaZamba“ inzwischen über ein „Junges Ensemble“ verfügt, zeigt den Erfolg des Theaters.

Großes religiöses Interesse

Für das Projekt „Stabat Mater“ haben 25 junge Menschen mit und ohne Behinderung und mit verschiedenen Hintergründen seit September 2023 miteinander geprobt und sich mit Gefühlen wie Trauer, Wut, Angst, aber auch Hoffnung und Freude auseinandergesetzt, auf musikalische wie auch choreographische Weise. Auf der Bühne der Tischlerei kommen sie nun mit Sängern und Musikern der Deutschen Oper Berlin zusammen.

Lange hätten sie nach einem geeigneten musikalischen Werk gesucht, erzählt Kirsten Burger, die Leiterin des „Jungen RambaZamba Theaters“ sowie Regisseurin des Abends. Das „Stabat Mater“ des russisch-orthodoxen Arvo Pärt ist für die Besetzung, zu der auch ukrainische Jugendliche gehören, ein Glückstreffer. „Tatsächlich habe ich noch nie eine Gruppe erlebt, die so sehr an Religion interessiert war“, sagt die Regisseurin. Dazu tragen die mehrheitlich orthodoxen ukrainischen Teilnehmer natürlich bei. Auch wenn sie kriegsbedingt nicht mehr so recht an den Frieden glauben können, sind sie doch auf der Suche nach einer Spiritualität, die ihrem Leben einen höheren Sinn verleiht.

Das wird auch ohne Hintergrundwissen deutlich. Der erste Teil ist eine Klangcollage aus individuellen Geschichten, die in Tanz, Bewegung, stimmlichen und musikalischen Klangteppichen, Liedern und gesprochenen Texten ihren Ausdruck finden und die von dem jungen Ensemble zusammen mit der Komponistin Misha Cvijović und dem Percussionisten Antonio Rivero erarbeitet wurden. Die Komposition „Iktsuarpok“ von Misha Cvijović begleitet die gesprochenen Texte von Nuria Kovacs, Vasyl Stus, Theodor Vulpinus und die Lieder von Miloje Milojević und Manuel de Falla.

Strahlende Freude

Im zweiten Teil des einstündigen Abends steht Arvo Pärts „Stabat Mater“ in der Fassung von 1985 im Zentrum, dargeboten von drei Streichern (Violine: Tina Kim, Viola: Seo-Hyeun Lee, Violoncello: Stephan Buchmiller) und drei Sängern (Sopran: Meechot Marrero, Mezzosopran: Oleksandra Diachenko, Tenor: Chance Jonas-O'Toole) des Orchesters und Ensembles der Deutschen Oper. Zu dieser Musik hat das junge Ensemble in Zusammenarbeit mit Fernando Balsera Pita eine Choreografie geschaffen, die den individuellen Möglichkeiten der Darsteller Rechnung trägt und ausdrückt, was sie – jeder für sich und als Gruppe – unter „Hoffnung“ verstehen.

Wir erleben einen faszinierenden Abend. Junge Menschen mit unterschiedlichen Formen geistiger und körperlicher Behinderung spielen, tanzen und musizieren, begleitet von nicht beeinträchtigten Darstellern, die auch notfalls diskret unterstützen und soufflieren. Sie haben zueinander gefunden, in ihrer Interpretation des Schmerzes und der Inbrunst des „Stabat Mater“ sowie in ihrem vertrauensvollen Umgang miteinander. Die strahlende Freude einer jungen Frau zu sehen, die von den anderen aus ihrem Rollstuhl gehoben und auf den erhobenen Händen einmal im Kreis über die Bühne getragen wird, wärmt und ergreift.

Insel des Trostes

Mag man sich zu Beginn der Vorstellung mit leichter Bangigkeit gefragt haben, ob das Experiment gelingen kann oder ob möglicherweise Mitleid oder Peinlichkeit vom Inhalt ablenken könnten – unnötige Befürchtungen. Mitleid braucht es nicht, die jungen Menschen auf der Bühne verfügen über völlig gerechtfertigtes Selbstvertrauen und darstellerische Kraft; sie sind alle beeindruckend, auch wenn hier nicht die einzelnen Namen genannt werden können. Eine kindliche Weisheit scheint auf in ihrer Spielfreude und lässt die Zuschauer staunen über die ungeahnte Fülle und den Facettenreichtum menschlichen Daseins.

Und wie die Darsteller auf der Bühne werden auch wir erfasst von der ewigen Bedeutung der Liebe, des Schmerzes und der Hoffnung im Glauben. Unabhängigkeit von der individuellen geistigen und körperlichen Verfassung werden alle Menschen im Saal zu einer Einheit, für einen kostbaren Moment verbunden im Gefühl, dass Frieden und Nächstenliebe möglich sind.

Das Gefühl hält an, nach dem tosenden Beifall verlassen alle nur zögerlich die Bühne und den Zuschauerraum. Mit einem Lächeln für die anderen, die dieses Wunder mit uns geteilt haben. Eine Insel des Trostes, mitten im ruppigen Berlin.

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