Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Fotoausstellung der Staatsbibliothek zu Berlin

Das Fotoalbum der Familie Kafka

Eine Ausstellung in Berlin zeigt Fotos der Familie des berühmten Schriftstellers. Dabei ergibt sich ein ganz ungewohntes Bild des Familienmenschen Franz Kafka.
Fotoausstellung der Familie Kafka in Berlin
Foto: Archiv Klaus Wagenbach

Aus Anlass des 100. Todestages von Franz Kafka präsentiert das „Stabi Kulturwerk“ der Staatsbibliothek zu Berlin eine Ausstellung von rund 130 Originalfotografien der Familie Kafka. „Das Fotoalbum der Familie Kafka“, so heißt die von Hans-Gerd Koch kuratierte Ausstellung. Koch ist nicht nur Mitherausgeber der Kritischen Ausgabe der Werke Kafkas, er hat auch den Bildband zur Ausstellung herausgegeben. Viele der Bilder waren bislang unveröffentlicht. Die Sammlung ist in Berlin erstmals in dieser Zusammenstellung zu sehen. Koch hatte diese Fotos im Laufe der Jahrzehnte gesammelt. Er suchte und hielt dazu engen Kontakt mit Kafkas Nachfahren.

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In seinen Werken gab sich der Künstler gerne als Außenseiter. Enge Beziehungen zu Verwandten leugnete er. Die Fotos in Berlin sprechen eine andere Sprache. Sie zeigen den Schriftsteller in enger Beziehung zu seiner Verwandtschaft. Je mehr der neben den Bildern gezeigten Schriftstücke man liest und mit den Schwarzweißfotos in Beziehung bringt, umso deutlicher tritt ein ganz anderer Franz Kafka hervor. Fotografie begann sich in ausgehenden 19 Jahrhundert langsam durchzusetzen, und sie wurde natürlich Photographie geschrieben.

Fotos lösen immer mehr das gemalte Bild ab

Mehr und mehr löste das „Photo“ das gemalte Porträt ab. In den Dreißigerjahren des 19. Jahrhunderts wurden kurz aufeinander folgend verschiedene Verfahren entwickelt, das Licht einzufangen und auf Metall oder Papier zu bannen. Schnell entwickelten sich die Verfahren weiter und machten es möglich, dass es im Bürgertum zunehmend mehr Bilder von den Menschen gibt. Auch die Familie des Schriftstellers Franz Kafka ist beginnend mit dessen Großeltern im Lichtbild festgehalten. Die Aufnahmen dokumentieren den gesellschaftlichen Aufstieg der Familie Kafka. Man sieht den frühen von der neuen Technik Betroffenen das Unbehagen, fotografiert zu werden, förmlich an. Steif und unbewegt stehen sie vor der Linse. Die Großeltern Kafka und Löwy treten im Fotostudio sichtbar ungern vor die Kamera. Auch die steifen Porträts der jungen Eltern des Künstlers sprechen für sich.

Das geschieht nicht nur, weil die Belichtungszeiten so lang waren, dass man sich mehrere Sekunden nicht bewegen durfte. Man fremdelte auch mit dem Kasten. Wie immer ist es der jüngeren Generation vorbehalten, sich schneller mit der neuen Technik anzufreunden. Selbst die Eltern sind auf den privaten Aufnahmen zunehmend lockerer. Selbstbewusst schauen sie auf offiziellen Fotos in die Kamera. Bilder aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts zeigen die Familien der Schwestern Kafkas auf Bildern, die Magazinen entnommen sein könnten. Die Fotos bilden den sozialen und gesellschaftlichen Aufstieg der Familie ausgehend von der Habsburgermonarchie bis in die erste Tschechische Republik ab. Immer gelöster wurden die Aufnahmen der jüngeren Verwandten des Schriftstellers im Laufe der Jahre. Man fotografierte sich am Strand, auf der Wanderung oder in alltäglichen Situationen.

Die Aufnahmen zeigen einen Schriftsteller von Weltrang im Kreis seiner Verwandtschaft. Die Ausstellung in Berlin steht teilweise in einem auffälligen Kontrast zu den Texten Kafkas und zu seinem Ruf als Einzelgänger. Koch stelle in den Vitrinen Auszüge aus Kafkas Texte den Fotografien seiner Familie gegenüber. Die Sammlung dokumentiert, dass die Verbundenheit und der Zusammenhalt der Familie Kafka wohl weitaus stärker waren, als es einzelne Äußerungen des Autors vor allem in seinen Werken vermuten lassen. Das geradezu ikonisch gewordene letzte Porträt zeigt den Schriftsteller korrekt gekleidet aber abgemagert, mit abstehenden Ohren und ernstem Blick. Wie stark ist der Kontrast zu einem Bild aus dem Jahr 1913. Es zeigt den Schriftsteller am Lido di Venezia gemeinsam mit einem unbekannten Mann. Beide in Badehosen und erkennbar gut gelaunt. Ein Kinderbild von 1893 zeigt den Schriftsteller als Knaben in kurzen Hosen und langen Strümpfen gemeinsam mit seinen gleich gekleideten Schwestern Valli und Elli.

Franz Kafka vor den eigenen Augen entstehen lassen

Die Ausstellung teilt sich in neun Kapitel auf. Darin zeichnet sie einen biografischen Bogen, der bei den Großeltern und Eltern Franz Kafkas beginnt. Zudem findet sich je ein Kapitel über die Familien seiner drei Schwestern. Franz Kafka selbst steht im Fokus eines eigenen Kapitels. Kafka mochte sich nicht gerne fotografieren lassen, was erklärt, warum Porträts von ihm so selten sind. Zum Fotografen sei er nur gegangen, so heißt es in der Beschreibung der Ausstellung, wenn er Aufnahmen für amtliche Dokumente benötigte oder seine Berliner Freundin Felice Bauer ihn um Fotos gebeten habe. Auf gemeinsamen Reisen oder während seiner Sanatoriumsaufenthalte habe sich auch Kafka Gruppenfotos nicht entziehen können. Diesen Bildern ist ein weiterer Teil der Ausstellung gewidmet. Das letzte Kapitel der Berliner Ausstellung folgt dem Leben von Kafkas Familie nach seinem Tod im Juni 1924.

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Hat man sich an den 130 Schwarzweißbildern und den zahlreichen Textzeugnissen entlang gearbeitet, ist ein Franz Kafka vor den eigenen Augen entstanden, der geradezu berührbar wird. In der Schule mag man seine Werke geliebt oder gehasst haben.

Nichts ist hier noch irgendwie kafkaesk

Hier ist nichts von der sprichwörtlich gewordenen kafkaesken Literatur zu spüren. Aus den Bildern spricht ein Mensch zu uns, der mit anderen Menschen in Beziehung stand. Der Schriftsteller Franz Kafka verstand es meisterlich, Fiktion und Wirklichkeit zu mischen. Man könnte ihm ein fast modernes Marketing unterstellen. Die Bilder zeigen einen Franz Kafka, der seinen Vater verehrt und ihm nacheifert. Selbst der 130 handgeschriebene Seiten lange „Brief an den Vater“ erweist sich als das, was ein Schriftsteller produziert: als Literatur. Er gibt gar nicht die Wirklichkeit wieder. Geradezu sprichwörtlich sagt hier jedes Bild mehr als 1.000 Worte.

Info: Das Fotoalbum der Familie Kafka

Die Ausstellung

„Das Fotoalbum der Familie Kafka“ ist vom 1. März – 2. Juni 2024 im Stabi Kulturwerk zu sehen.

Der Bildband zur Ausstellung:

Hans-Gerd Koch (Hg.),
Franz Kafka: Kafkas Familie. Ein Fotoalbum,
Mit Texten von Franz Kafka. Berlin (Wagenbach) 2024.

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