Mit einem bemerkenswerten Schreiben an die französischen Bischöfe hat Papst Leo XIV. kurz vor Beginn ihrer Vollversammlung in Lourdes einen deutlichen Akzent gesetzt – insbesondere in der Liturgiefrage. Das von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin unterzeichnete und auf der Website der Französischen Bischofskonferenz veröffentlichte Schreiben nennt zwar auch die katholische Bildung in einem Klima „wachsender Feindseligkeit“ sowie den fortgesetzten Kampf gegen den Missbrauch Minderjähriger und die Wiedergutmachung für die Opfer. Der eigentliche Schwerpunkt des Briefes liegt jedoch auf dem Umgang mit Gläubigen, die dem Vetus Ordo verbunden sind.
Der Papst, so heißt es in dem Schreiben, widme dem „heiklen Thema der Liturgie“ besondere Aufmerksamkeit, und zwar „im Zusammenhang mit dem Wachstum der Gemeinschaften, die dem Vetus Ordo verbunden sind“. Es sei „besorgniserregend“, dass sich in der Kirche weiterhin „eine schmerzhafte Wunde“ auftue – ausgerechnet „hinsichtlich der Feier der Messe, des Sakraments der Einheit selbst“.
Begriff Vetus Ordo von Benedikt XVI. geprägt
Der Brief spricht von Heilung. Um diese Wunde zu heilen, brauche es, so Parolin im Auftrag des Papstes, „einen neuen Blick“ der einen auf die anderen, „in einem größeren Verständnis für deren Empfindsamkeit“. Brüder und Schwestern sollten einander, „reich an ihrer Verschiedenheit“, in Liebe und in der Einheit des Glaubens annehmen. Daran schließt sich die Bitte: „Möge der Heilige Geist Ihnen konkrete Lösungen eingeben, die es ermöglichen, die Menschen, die dem Vetus Ordo aufrichtig verbunden sind, großzügig einzubeziehen, unter Beachtung der vom Zweiten Vatikanischen Konzil gewünschten Leitlinien in liturgischen Fragen.“
Gerade diese Passage hat besondere Aufmerksamkeit erregt. Einige Kommentare, etwa in der französischen „Tribune Chrétienne“, heben hervor, dass Leo XIV. ausdrücklich den von Benedikt XVI. geprägten Begriff Vetus Ordo verwendet. Darin sehen sie ein Zeichen dafür, dass sich der Papst der Spannungen bewusst ist, die sich an den verschiedenen Formen der Liturgie entzünden. Das gesuchte Gleichgewicht sei daher anspruchsvoll: Es gehe darum, die Einheit zu wahren, ohne Ausgrenzung zu fördern und ohne die liturgischen Orientierungspunkte zu verwischen. Der Begriff benenne die traditionelle Liturgie in einer Weise, die ihre kirchliche Wirklichkeit anerkenne, ohne die Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils in Frage zu stellen.
Auch das US-Portal „The Pillar“ deutet den Brief als klares Signal. Das Schreiben deute darauf hin, dass Papst Leo die Ortsbischöfe zu einem zügigen und konstruktiven Umgang mit den „Beschränkungen für die Feier der vorkonziliaren Liturgie“ ermutigen wolle.
Zeitpunkt des Schreibens nicht ungewöhnlich
Die übrigen Themen des Briefes treten daneben fast in den Hintergrund, auch wenn sie keineswegs nebensächlich sind. Leo XIV. ermutigt die Bischöfe, die christliche Prägung des katholischen Schulwesens entschieden zu verteidigen; ohne den Bezug auf Jesus Christus verliere es seine Daseinsberechtigung. Ebenso mahnt er zur Fortsetzung der Missbrauchsprävention, zur Aufmerksamkeit für die Opfer und zugleich dazu, auch schuldige Priester nicht von der Barmherzigkeit Gottes auszuschließen. Nach Jahren schmerzlicher Krisen sei es zudem an der Zeit, „den schwer geprüften Priestern Frankreichs auch eine Botschaft des Vertrauens zu senden.“
Ganz ungewöhnlich ist ein solches Schreiben vor Beginn der Vollversammlung einer Bischofskonferenz allerdings nicht. Schon Papst Franziskus sandte 2018 der französischen Bischofskonferenz eine Botschaft zu ihrer Vollversammlung; 2021 nannte er den italienischen Bischöfen zu Beginn ihrer Generalversammlung sogar ausdrücklich Themen, die sie behandeln sollten.
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