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Johannes Paul II. unter Verdacht: „Offenlegung“ statt „Kopf in den Sand stecken“

Kein Mensch ist ohne Fehler. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. ist in Polen gerade massiv unter Beschuss, weil ihm Vertuschung von Missbrauchstaten vorgeworfen wird. Verteidigung kommt von unerwarteter Seite.
Papst Johannes Paul II. steht derzeit in Polen massiv unter Beschuss
Foto: imago stock&people via www.imago (www.imago-images.de) | Johannes Paul II. steht derzeit in Polen massiv unter Beschuss. Dem verstorbenen Papst wird Vertuschung von sexuellem Missbrauch vorgeworfen.

Papst Johannes Paul II. (1920-2005) steht in Polen unter Verdacht, während seiner Zeit als Kardinal von Krakau Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester seiner Diözese aktiv vertuscht zu haben, indem er die Geistlichen in andere Gemeinden versetzte – einen Geistlichen sogar begleitet von einem „Empfehlungsschreiben“ nach Österreich. Diesen Vorwurf erheben zwei Journalisten:  der polnische Fernsehjournalist Marcin Gutowski, der für den Privatsender „TVN“ einen Beitrag recherchiert hat, der am Montag dieser Woche ausgestrahlt wurde, aber auch der holländische Journalist Ekke Overbeek, dessen Buch zur Causa Wojtyła „Maxima Culpa. Johannes Paul II. wusste Bescheid" am 8. März in Polen erscheint.

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Verteidigung des Papstes

Beide Journalisten stützen sich, wie polnische Medien berichten, auf Aussagen von Zeitzeugen und Berichte des kommunistischen Geheimdienstes SB.
Der frühere Postulator im Seligsprechungsprozess Karol Wojtyłas, Sławomir Oder, der am Samstag sein Amt als neuer Bischöfe von Gleiwitz (Gliwice) beginnt, sagte gegenüber der katholischen Nachrichtenagentur Polens (KAI) zu den Vorwürfen: „Wenn wir einen ehrlichen Blick auf seine Aussagen und Taten werfen, gab es keine lautere Stimme für die Notwendigkeit, die Kirche von pädophilen Verbrechen zu säubern, als die von Johannes Paul II. zu seiner Zeit. (...) Und der heutige Versuch, die Autorität von Johannes Paul II. zu untergraben, steht im Kontext des ewigen Kampfes zwischen Gut und Böse.“

Auch der langjährige Chefredakteur der linksliberalen und kirchenkritischen Tageszeitung „Gazeta Wyborcza“, Adam Michnik (76), verteidigt den polnischen Papst, der für viele Polen als der größte Pole der Geschichte gilt: „Ich verstehe, dass die Zeit der Abrechnung gekommen ist“, so Michnik. „Für mich ist es jedoch inakzeptabel, den polnischen Papst nur auf die Pädophilie-Skandale zu reduzieren." Johannes Paul II. sei eine der „herausragendsten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in der polnischen Geschichte des 20. Jahrhunderts“.

Kein Mensch macht keine Fehler

Es gebe „keine Menschen, die keine Fehler machen, aus einem einzigen Stein geschmiedet und in jeder Dimension heilig sind. Ich versuche, über das gesamte Erbe und Leben von Johannes Paul II. nachzudenken. Und wenn man akzeptiert, dass er sich in dieser Sache geirrt hat, kann das nicht alle seine Leistungen entkräften. Ich verdanke ihm zu viel und ich bin der Meinung, dass Polen ihm zu viel verdankt, um sein Pontifikat auf diesen einen Punkt zu reduzieren. Gleichzeitig erkenne ich aber auch an, dass er als Oberhaupt der Kirche einen Teil der Verantwortung für diese schrecklichen Fehler und Ereignisse trägt“.

Die Reaktionen auf die Aussagen Michniks, der in Polen die Autorität eines Rudolf Augsteins (Der Spiegel“) genießt, waren vielfältig. Aus dem Milieu seiner eigenen Zeitung gab es heftige Kritik; ebenso aber auch aus national-konservativen katholischen Kreisen, die Michnik aufgrund des kirchenkritischen Kurses seiner Zeitung eine solche „Verteidigung“ nicht abnehmen.

Der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki stellte in kämpferisch-trotziger Manier als Hintergrundbild bei seinem Social Media Auftritt ein Foto mit dem berühmten Appell des 2014 heiliggesprochenen Papstes, „Fürchtet Euch nicht!“, ein. Im liberalen katholischen Milieu des Landes, dem Wojtyła als Philosoph und Hirte stets nahestand, ist man dankbar für die Worte Michniks – zumal aus dem Raum der Verantwortlichen der Kirche von heute aktuell bisher wenig zu hören ist. Im Herbst gab es die letzte offizielle Stellungnahme der Bischöfe zu Vorwürfen gegen Johannes Paul II., die als Teil einer Kampagne angesehen werden.

Probleme ignoriert

Der bekannte katholische Publizist Tomasz Terlikowski (48), der sich im Zuge der Missbrauchsskandale vom katholischen Hardliner zum besonnenen Kirchen-Kommentator entwickelt hat, ist über die Enthüllungen der TVN-Reportage nicht überrascht. Gegenüber „Fakt“ sagt Terlikowski: „Es ist klar, dass Johannes Paul II. mit solchen Themen in Berührung gekommen ist. Und er wusste, dass es sich um reale Probleme handelte." Die Kirche habe das Problem aber ignoriert.  

„Unter den Bischöfe herrschte damals die Überzeugung, dass ein Sünder, wie man sie damals nannte, der sich selbst anzeigt, versuchen würde, anders zu leben.“ Dies sei, so Terlikowski, trotz des kirchlichen Gesetzbuches von 1917 und des Wissens, dass Kindesmissbrauch eine Haltung ist, die zum Entzug des Amtes in der Kirche führt, einer der Faktoren, die Karol Wojtylas Verhalten bestimmt haben könnten. Dabei dürfe man nicht vergessen, dass auch „Heilige“, wie Wojtyła, „Menschen ihrer Zeit“ seien.

Ein Aspekt, den auch Adam Michnik in säkularer Weise angesprochen hat, der Wojtyła als „ein Kind seiner Zeit“ bezeichnet hat. „Was für uns heute selbstverständlich ist, war vor vierzig Jahren nicht selbstverständlich“.

Kein Schutz für Kinder

Mit Blick auf die etwas dubiosen Quellen betont Tomasz Terlikowski: „Heute ist klar, dass die Sicherheitspolizei diese Fälle keineswegs für Prozesse nutzte, geschweige denn zum Schutz von Minderjährigen, sondern zur Rekrutierung von Priestern. Die einzigen Priester, die vor Gericht gestellt wurden, waren diejenigen, die sich nicht rekrutieren ließen. Das musste er [Karol Wojtyła] nicht wissen, aber er war sich bewusst, dass dies Probleme waren.“

Terlikowski hält es weiter für wichtig, dass die Kirche aus ihren Fehlern beim Umgang mit Pädophilie in den eigenen Reihen lernen würde – etwa durch die Offenlegung von Dokumenten, was weiterhin aber nicht geschieht. Den Kopf in den Sand zu stecken, so Terlikowski, sei einer der Fehler der polnischen Kirche - gleich nachdem sie den Glauben auf die Figur von Johannes Paul II. aufgebaut habe, der im katholischen Glauben nicht wichtiger sei als Jesus Christus.

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