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Die Synode denkt, Franziskus lenkt

Homosexuelle Seminaristen? Nein, sagt der Papst. Aber wie er das tat, ist ein Lehrstück über das lateinamerikanische Pontifikat.
Papst Franziskus führt auch eine persönliche Synode mit seinen Interviews.
Foto: IMAGO/alessia giuliani (www.imago-images.de) | Neben der Weltsynode führt der Papst auch eine persönliche Synode mit seinen Interviews.

Eigentlich kann man ganz froh sein, wenn der Papst auch einmal dem Mainstream widerspricht. Und sich darüber freuen, wenn die Leitmedien das in großer Aufmachung zur Kenntnis nehmen müssen. So war es Anfang dieser Woche. Hinter den verschlossenen Türen der Frühjahrsvollversammlung der italienischen Bischöfe vergangene Woche in Rom hatte Franziskus aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht.

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Man sollte keine homosexuellen Kandidaten in die Priesterseminare aufnehmen, es gebe in der Kirche „ohnehin schon zu viele Schwuchteleien“. Dass Franziskus dabei von „frociaggine“ sprach – eben jenen „Schwuchteleien“ –, was eine in Italien übliche, aber doch schon recht vulgäre Bezeichnung homosexueller Handlungen ist, verschaffte ihm dann am Montag den Sprung in die sozialen Netzwerke und am Dienstag auf die Titelseiten der großen Zeitungen Italiens.

Der Skandal war da

Und seriösere Blätter lieferten nach, dass es tatsächlich den geltenden Richtlinien der katholischen Kirche entspricht, homosexuellen Kandidaten, die diese Orientierung ausleben oder in der homosexuellen Kultur verwurzelt sind, die Aufnahme in die Priesterseminare zu verweigern. Die Kirche erlebt es überall, dass mangelnde Enthaltsamkeit homosexueller Kleriker zu einem Doppelleben führt.

Aber der Skandal war da – und eben in einer anderen Art als sonst, wenn die Kirche dem Zeitgeist widerspricht. Dass Franziskus tatsächlich so geredet hat, gestand der Vatikan am Dienstag indirekt ein, als er für die zitierte Äußerung um Entschuldigung bat. „Der Papst hat niemals die Absicht gehabt, jemanden zu beleidigen oder sich in homophoben Begriffen auszudrücken. Er bittet jene um Verzeihung, die sich von der Verwendung eines Begriffs verletzt fühlen, der von anderen wiedergegeben wurde“, teilte Vatikansprecher Matteo Bruni in einer Erklärung mit. Auch das ist festzuhalten: Zumindest einer der vielen Bischöfe bei der Vollversammlung hatte sich bemüßigt gefühlt, die besagten Worte des Papstes an die Medien durchzustechen.

"Warum Unsummen für eine Doppelsynode,
wenn der Papst dann doch tut, was er will?"

Die Interviewsynode

Aber die eigentliche Frage ist eher die, warum sich der Vatikan seit drei Jahren redlich um synodale Entscheidungen müht und Unsummen für eine Doppelsynode von Bischöfen aus aller Welt ausgibt, wenn der Papst dann doch tut, was er will. Parallel zum synodalen Weltprozess hält Franziskus seine eigene Synode ab: in Interviews, bei fliegenden Pressekonferenzen oder bei vertraulichen Gesprächen hinter verschlossener Tür, oft mit Brüdern aus dem Jesuitenorden oder, wie jetzt, mit italienischen Bischöfen.

Ein anderer Fall ist gar nicht so lange her: Im Interview zu Pfingsten mit dem amerikanischen Sender CBS hatte die Journalistin den Papst gefragt, ob ein katholisches Mädchen je die Möglichkeit haben werde, Diakonin und damit Mitglied des Klerus zu werden. „Nein“, sagte der Papst klipp und klar und fügte hinzu: „Handelt es sich um geweihte Diakone, dann nein. Aber Frauen haben immer Aufgaben einer Diakonin übernommen, ohne Diakon zu sein. Frauen sind großartig im Dienst als Frauen – aber nicht im Dienst mit Weihe.“ Auch das wäre also geklärt.

Die Lehre bleibt

Sollte sich am Ende herausstellen, dass der synodale Weltprozess mit den beiden Synoden im Oktober 2023 und 2024 eine bessere Stilübung ist, ein Einüben der „communio“ im synodalen Geist, dann ist irgendwann die große Enttäuschung angesagt. Selbst ein Franziskus kann und wird die Lehre und Praxis der Kirche nicht auf den Kopf stellen. Auch wenn man das im Fall der „Schwuchteleien“ sicherlich etwas vornehmer ausdrücken kann.

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02.04.2024, 11 Uhr
Peter Winnemöller

Kirche