Mit einer Bildrede aus der Welt des Hirten versucht Jesus den Pharisäern (Joh 9, 40) zu verdeutlichen, wer in Wahrheit die Führung des Gottesvolkes für sich in Anspruch nehmen darf: nur derjenige, der über die Tür den Schafstall betritt. Doch die Pharisäer verstehen den Sinn des Rätselwortes nicht (Joh 10, 6). Nur „wer durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“ (Joh 10, 2). Wie die Schafe auf die Stimme ihres Hirten, so hören die Gläubigen auf die Stimme ihres Herrn. „Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen“ (Joh 10, 5). Jesus gibt dem Gleichnis vom Hirten und seiner Herde (Joh 10, 1–5) eine zweifache Deutung. In der ersten Deutung bezeichnet er sich selbst als die Tür, die zu den Schafen führt (Joh 10, 7–10); in der zweiten Deutung, die im Lesejahr B gelesen wird, gibt er sich als der gute Hirt zu erkennen, der sein Leben hingibt für seine Schafe (Joh 10, 11–18).
Wenn sich Jesus als die Tür zu den Schafen bezeichnet (Joh 10, 7), heißt das: Es gibt keinen legitimen Zugang zu den Schafen an Jesus vorbei. Alle, die das in der Vergangenheit versucht haben oder in der Zukunft versuchen werden, „sind Diebe und Räuber“ (Joh 10, 8). Im zweiten Ich-bin-Wort führt Jesus das Bildwort von der Tür weiter aus: Jetzt ist es nicht mehr nur der rechtmäßige Hirt, der durch die Tür den Stall betritt, jetzt sind es auch die Schafe selbst, die nur dann gerettet werden, wenn sie durch die Tür ein- und ausgehen.
Von der Meditation zur Kontemplation
Wie das Durchschreiten der Tür, die Jesus selbst ist, im geistlichen Leben zu verstehen ist, erklärt uns ein anonymer Lehrer des geistlichen Lebens aus dem Mittelalter, wahrscheinlich war es ein Kartäuser oder ein Augustinermönch; ihm verdanken wir das Werk „Wolke des Nichtwissens“. In einem dem Werk beigegebenen Brief persönlicher Führung schreibt dieser Lehrer seinem Schüler: „Christus ist die Tür; was soll einer nun tun, wenn er diese Tür gefunden hat? Soll er davor stehen bleiben, ohne einzutreten? Ja, sage ich, genau das sollte er tun. Er tut gut daran, an der Tür stehen zu bleiben; denn bisher führte er ein ungeordnetes Leben entsprechend seinem Eigenwillen, und seine Seele ist mit schwerem Rost bedeckt.“ Wenn er dann längere Zeit in dieser Haltung vor der Tür gewartet hat, kann es sein, dass er in der Tiefe seines Herzens ein Zeichen vernimmt, das ihn einlädt, einzutreten. Jetzt, so der Autor, findet ein im geistlichen Leben bedeutender Übergang von der Meditation zur Kontemplation statt: „Diese verborgene Einladung des göttlichen Geistes ist das unmittelbarste und sicherste Zeichen, dass Gott einen Menschen ruft und ihn in ein höheres Leben in der Gnade der Kontemplation hereinholen möchte.“ Für diejenigen, die dieses Zeichen noch nicht vernommen haben, ist es gut, „weiter geduldig vor der Tür zu warten. Sie sind zwar zum Heil, aber noch nicht zu seiner Fülle berufen.“
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