Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Sonntagslesung

Christus ist die Tür

Wer auf die Stimme Jesu hört, findet Rettung – und lernt geduldig zu warten: Auf das Heil und auf die Fülle des geistlichen Lebens.
Jesus, guter Hirte
Foto: IMAGO/imageBROKER | Jesus ist der rechtmäßige Hirt, der durch die Tür den Stall betritt. Die Schafe werden nur dann gerettet, wenn sie durch die Tür ein- und ausgehen.

Mit einer Bildrede aus der Welt des Hirten versucht Jesus den Pharisäern (Joh 9, 40) zu verdeutlichen, wer in Wahrheit die Führung des Gottesvolkes für sich in Anspruch nehmen darf: nur derjenige, der über die Tür den Schafstall betritt. Doch die Pharisäer verstehen den Sinn des Rätselwortes nicht (Joh 10, 6). Nur „wer durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter, und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus“ (Joh 10, 2). Wie die Schafe auf die Stimme ihres Hirten, so hören die Gläubigen auf die Stimme ihres Herrn. „Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme des Fremden nicht kennen“ (Joh 10, 5). Jesus gibt dem Gleichnis vom Hirten und seiner Herde (Joh 10, 1–5) eine zweifache Deutung. In der ersten Deutung bezeichnet er sich selbst als die Tür, die zu den Schafen führt (Joh 10, 7–10); in der zweiten Deutung, die im Lesejahr B gelesen wird, gibt er sich als der gute Hirt zu erkennen, der sein Leben hingibt für seine Schafe (Joh 10, 11–18).

Lesen Sie auch:

Wenn sich Jesus als die Tür zu den Schafen bezeichnet (Joh 10, 7), heißt das: Es gibt keinen legitimen Zugang zu den Schafen an Jesus vorbei. Alle, die das in der Vergangenheit versucht haben oder in der Zukunft versuchen werden, „sind Diebe und Räuber“ (Joh 10, 8). Im zweiten Ich-bin-Wort führt Jesus das Bildwort von der Tür weiter aus: Jetzt ist es nicht mehr nur der rechtmäßige Hirt, der durch die Tür den Stall betritt, jetzt sind es auch die Schafe selbst, die nur dann gerettet werden, wenn sie durch die Tür ein- und ausgehen.

Von der Meditation zur Kontemplation

Wie das Durchschreiten der Tür, die Jesus selbst ist, im geistlichen Leben zu verstehen ist, erklärt uns ein anonymer Lehrer des geistlichen Lebens aus dem Mittelalter, wahrscheinlich war es ein Kartäuser oder ein Augustinermönch; ihm verdanken wir das Werk „Wolke des Nichtwissens“. In einem dem Werk beigegebenen Brief persönlicher Führung schreibt dieser Lehrer seinem Schüler: „Christus ist die Tür; was soll einer nun tun, wenn er diese Tür gefunden hat? Soll er davor stehen bleiben, ohne einzutreten? Ja, sage ich, genau das sollte er tun. Er tut gut daran, an der Tür stehen zu bleiben; denn bisher führte er ein ungeordnetes Leben entsprechend seinem Eigenwillen, und seine Seele ist mit schwerem Rost bedeckt.“ Wenn er dann längere Zeit in dieser Haltung vor der Tür gewartet hat, kann es sein, dass er in der Tiefe seines Herzens ein Zeichen vernimmt, das ihn einlädt, einzutreten. Jetzt, so der Autor, findet ein im geistlichen Leben bedeutender Übergang von der Meditation zur Kontemplation statt: „Diese verborgene Einladung des göttlichen Geistes ist das unmittelbarste und sicherste Zeichen, dass Gott einen Menschen ruft und ihn in ein höheres Leben in der Gnade der Kontemplation hereinholen möchte.“ Für diejenigen, die dieses Zeichen noch nicht vernommen haben, ist es gut, „weiter geduldig vor der Tür zu warten. Sie sind zwar zum Heil, aber noch nicht zu seiner Fülle berufen.“

Katholischen Journalismus stärken

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Stärken Sie katholischen Journalismus!

Unterstützen Sie die Tagespost Stiftung mit Ihrer Spende.
Spenden Sie direkt. Einfach den Spendenbutton anklicken und Ihre Spendenoption auswählen:

Die Tagespost Stiftung-  Spenden

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Ludger Schwienhorst-Schönberger  Jesus Christus

Weitere Artikel

Was Jesus damit meint, wenn er sich mit einer Tür vergleicht und warum Jesus gleichzeitig der Hirte ist, der uns beschützt.
23.04.2026, 07 Uhr
Martin Linner

Kirche

Wenn es schnell gehen soll, geht man auch mal in ein Bistro, um sich darüber auszutauschen, was hinter den heiligen Mauern geschieht.
25.04.2026, 05 Uhr
Mario Monte
Unermüdlich warb der Apostolische Nuntius Nikola Eterović für die Einheit mit der Weltkirche. Eine undankbare Aufgabe im synodalen Deutschland, die nun ihr Ende hat.
24.04.2026, 14 Uhr
Franziska Harter