Mephisto, Gott und das Böse

„Wer in den Abgrund blickt, stürzt selbst hinein“: In dem bekannten Spruch klingt der alte Aberglaube nach, dass, wer sich mit dem Teufel befasse, sich bereits in dessen Hände begibt. Diesem Aberglauben bot am Montagabend die Katholische Akademie in Bayern die Stirn. Von Marie-Thérèse Knöbl

„Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.“ So drückt es Friedrich Nietzsche in „Jenseits von Gut und Böse“ aus. In dem verkürzt als „Wer in den Abgrund blickt, stürzt selbst hinein“ bekannten Spruch klingt der alte Aberglaube nach, dass, wer sich mit dem Teufel befasse, sich bereits in dessen Hände begibt. Diesem Aberglauben boten am Montagabend nicht nur die Referenten, sondern auch zahlreiche Zuhörer die Stirn, die gemeinsam mit dem Akademiedirektor Monsignore Florian Schuller im Rahmen des Münchner Faust-Festivals 2018 unter dem Titel „Mephisto theologisch. Gibt es den Teufel wirklich?“ der Frage nach der Existenz des Bösen und seiner etwaigen Personalität nachgingen.

Die Heizungsanlage der Katholischen Akademie heiße „Mephisto 3000“, so Direktor Schuller zu Beginn des Abends, auch Gesundheitsschuhe der Marke Mephisto seien in Klerikerkreisen nicht unbekannt, aber gibt es innerhalb des Bösen auch den Bösen? An den Teufel glauben könne man nicht, war man sich im Laufe des Abends einig, nur an Gott, aber wie stellt sich die Erfahrung des Bösen in Person dar, ist sie ein individualpsychologisches Phänomen oder externalisierbar, und: Sind christliche Darstellungsweisen des Teufels vergleichbar mit denen anderer Kulturen und Religionen der Welt? Die Katholische Akademie hatte vier Experten zur Beantwortung dieser Fragen eingeladen. Den Jesuiten, Arzt, Psychotherapeuten und Philosphen Eckhard Frick SJ, den Dogmatiker Thomas Ruster, den Kunsthistoriker Wolfgang Augustyn und die Religionswissenschaftlerin Katharina Wilkens.

Thomas Ruster, der sich der Systemtheorie Luhmanns verschrieben hat und mit Publikationen zu den Himmelsmächten in Erscheinung getreten ist, provozierte mit der These, dass der Teufel „nicht eigentlich böse“ sei, sondern vielmehr eine Art Staatsanwalt des himmlischen Gerichts, der das Böse aufdecke. Der Teufel sei „die einzige Instanz, die sich gegen Gott behauptet“, die Freiheit des Teufels stelle das Gute Gottes in Frage und breche dessen Totalitarismus auf, schaffe „Gutes neben Gott“, die Figur des Teufels sei mithin lediglich ein „Kollateralschaden des Theismus“, so Ruster. Dem wurde im Saal und auf dem Podium deutlich widersprochen. Wolfgang Augustyn, stellvertretender Leiter des Zentralinstituts für Kunstgeschichte in München, bereicherte den Abend durch das Aufzeigen von Übergängen, Moden und Brüchen in der Darstellung des Teufels. Stark geprägt habe das hoch- und spätmittelalterliche Verständnis von Gut und Böse des Teufels das platonische Denken des heiligen Augustinus. Generell firmiere der Teufel in der bildenden Kunst in erste Linie als didaktische Figur, die unterschiedlich besetzt werden könne. So etwa als Abwäger im Weltgericht, als Gegenfigur zu Gott oder Gegen-Engel zu den Erzengeln.

Der Jesuit und Mediziner Eckhard Frick SJ rief in Erinnerung, dass die Existenz des Bösen zu einer Unterscheidung der Geister aufruft und zu diesem Zweck in den Regeln 12-14 der ignatianischen Exerzitien charakterlich beschrieben wird als eine Frau, die schwach sei, aber stark erscheinen möchte, ein eitler Verliebter, der im Verborgenen zu bleiben wünsche und ein Häuptling, der einen Platz besetzen und ausrauben möchte. Dies seien die äußeren Erkennungsmerkmale des Bösen, doch sein Sitz sei im Herzen der Menschen. Die Charakterbilder des Teufels machten jedoch deutlich, dass man es sich mit ihm nicht zu einfach machen, ihn nicht unterschätzen oder versuchen sollte ihn „wegzumythologisieren“. Das Wirken der „Aber-Geister“ in Form der Dämonen nicht deckungsgleich mit dem Wirken des Verführers Satan, der auch in anderen monotheistischen Religionen wie etwa dem Islam bekannt ist.

Katharina Wilkens ergänzte das Gesagte um die weltkirchliche Dimension: In zahlreichen Regionen Afrikas und Asiens sei die Wirklichkeit des Bösen ganz real und konkret gedacht und im Leben der Menschen verankert als dämonische Macht, mit der man möglichst wenig zu tun haben sollte und die es zu bekämpfen gelte mit den Waffen des Glaubens und der Heilung. Die global vergleichende und relativierende Perspektive der Weltkirche ist ein nicht unüblicher Ansatz, der jedoch ausblendet, dass gerade das Christentum sich in Afrika und anderen spät christianisierten Regionen der Welt dezidiert gegen den dort anzutreffenden Hexen-, Teufels- und Dämonenglauben stark machte, um ein friedliches, für die Menschen vor Ort gedeihliches und Miteinander zu ermöglichen.

Unbeantwortet blieben Fragen nach dem Ursprung und dem moralischen, ontologischen und eschatologischen Wert des Dualismus von Gott und Satan, aber auch nach der Ursache für das weitgehende Fehlen von Darstellungen des Teufels bis zum 6. Jahrhunderts oder das starke Aufkommen von Darstellungen des Engelssturzes in der Zeit der Gegenreformation. Die wichtigste Aussage des Abends war vielleicht die Erinnerung daran, dass der im Taufversprechen enthaltene Exorzismus zugleich eine Anerkennung der Realität des Teufels und eine Bekräftigung der Abwendung von ihm als dem Urheber alles Bösen für eine Hinwendung des Menschen zu Gott darstellt. Die Utopie, dass moderne Menschen „keinen Teufel mehr benötigen, wenn erst Gott und Kontingenz zusammengedacht werden können“, wie Thomas Ruster es ausdrückte, scheint vor diesem Hintergrund wenig attraktiv.

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