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Jugendliche Bespaßung im Stephansdom

Die Idee, eine Segensfeier für Maturanten im Dom anzubieten, ist vielversprechend und missionarisch – wenn nicht eine Kletterwand im Gotteshaus aufgebaut werden würde.
Im Stephansdom wurde eine Kletterwand aufgestellt.
Foto: Maxym Marusenko via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Das Schulamt der Erzdiözese Wien hat sich zusammen mit dem Radiosender „Kronehit“ einen neuen „Gag“ ausgedacht: Im Stephansdom wurde eine Kletterwand aufgestellt.

Im Wiener Stephansdom konnte man schon Konzerte von Travestiekünstler Conchita Wurst genießen oder sich gegen Corona impfen lassen. Nun hat sich das Schulamt der Erzdiözese Wien zusammen mit dem Radiosender „Kronehit“ einen neuen „Gag“ ausgedacht: Im Dom wurde eine Kletterwand aufgestellt. Der Anlass war die „Be blessed“-Segensfeier für Wiener Schüler, die ab 2. Mai ihre Matura (Abitur) ablegen. Während des Gottesdienstes am 26. April wurde sie vom Wiener Generalvikar Nikolaus Krasa und dem Kletterer des Österreichischen Nationalteams, Johannes Hofherr, erklommen.

Jugendliche sehnen sich nicht nach "Brot und Spielen"

Eigentlich eine schöne Idee: Maturanten (Abiturienten) konnten sich Gottes Segen und Stärkung von oben für die bevorstehenden Prüfungen holen. Die Leiterin des Erzbischöflichen Schulamts, Andrea Pinz, erklärt: „Unsere Maturantinnen und Maturanten sollen spüren, dass sie unabhängig von jeder Leistung als Mensch geliebt und wertvoll sind.“ Darüber hinaus können sich die Schüler auf der Website beblessed.at dafür anmelden, dass an dem Prüfungstag, vor dem sie sich am meisten fürchten, im Stephansdom eine Kerze angezündet und für sie gebetet wird. Wer möchte, erhält am Morgen des gewählten Prüfungstages ein Video via WhatsApp oder Telegram mit Segenswünschen aus dem Dom.

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Musste dieser sinnvollen, missionarischen Aktion der Beigeschmack von „Fun“ und Unterhaltung mitgegeben werden? Man wird das Gefühl nicht los, dass die kirchlichen Veranstalter befürchten, würden sie „nur“ einen Gottesdienst ohne Attraktionen anbieten, würden die Jugendlichen nicht in der Kirche erscheinen. Eine Kletterwand in der Kirche werden Jugendliche im Moment „cool“ finden. Doch morgen wird sie in der Erinnerung schon verblasst sein – wie ein Meme, über das kurz gelacht wird, das aber im nächsten Moment schon vergessen ist. Der Zulauf junger Menschen bei charismatisch-katholischen Gruppen und solchen, die einen traditionellen intellektuellen Zugang anbieten, zeigt, dass Jugendliche sich nicht nach Brot und Spielen sehen.

Die Kletterwand im Dom wurde mittlerweile abgebaut. Die Frage, wann sich die Pfarreien flächendeckend endlich trauen, Ernsthaftigkeit statt flacher Kalendersprüche, Freude statt Fun anzubieten, bleibt. 

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Emanuela Sutter Erzbistum Wien Pfarrei Stephansdom

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