Würzburg

Lectio divina in Gemeinschaft

Die Tagespost-Kolumne "Credo: Geistliche Lesung", Nr. 6 der Reihe.

Die Bibel
Die Bibel - ihre gemeinsame Lektüre bereichert den Einzelnen. Foto: Arne Dedert (dpa)

Jesus selber hat die Lectio divina praktiziert. «Als er aufstand, um vorzulesen, reichte man ihm die Buchrolle des Propheten Jesaja. Er öffnete sie und fand die Stelle, wo geschrieben steht.» (Lk 4,16f.) Er tut es jedoch nicht im stillen Kämmerlein, sondern in Gemeinschaft: «Er ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge.» Welchen Gewinn bringt es, die Heilige Schrift gemeinsam zu lesen?

Gemeinsame Bibellese stiftet Einheit

Der Hl. Benedikt sieht in seiner Regel neben der individuellen auch die gemeinsame Lectio vor. Nach dem Abendessen «sitzen alle ineins und einer liest» (RB 42,3). Benedikt legt den Akzent bei der gemeinsamen Lectio auf das «in unum – ineins». Gemeinsames Hören auf das Wort Gottes stiftet Einheit. Ich erinnere mich an den ersten Besuch in meiner Klostergemeinschaft, der die Frage weckte: «Hier leben Menschen zusammen, die in so vieler Hinsicht unterschiedlich sind. Was stiftet ihre Einheit, die im Chorgebet so spürbar ist?»

Die Antwort findet sich im biblischen Buch Nehemia. Nach der Eroberung Jerusalems und der Verschleppung Israels durch die Babylonier im Jahr 597 ist alles in Frage gestellt: der Tempel als Ort der Gegenwart des Herrn ist zerstört, dass Volk Gottes in die Diaspora zerstreut. Wie zeigt Gott, dass er dem von ihm gestifteten Bund treu bleibt? Mithilfe des Perserkönigs Kyros führt er 539 einen Rest nach Jerusalem zurück und sammelt sein Volk um den alternativen Ort der göttlichen Präsenz, die Tora: «Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit der Weisung des Mose zu holen, die der Herr den Israeliten geboten hat.» (Neh 8,1) Das Volk konstituiert sich neu als Versammlung derer, die auf Gottes Weisung hören, «Männer und Frauen und überhaupt alle, die schon mit Verstand zuhören konnten.» (V. 2)

Austausch im Frieden des Heiligen Geistes

Das Volk hält gemeinsame Lectio divina. Zu Beginn meiner Klosterzeit initiierte der Novizenmeister ein wöchentliches Bibelteilen. Zunächst ging das manchmal schief, weil die Runde in Diskussionen ausartete. Die Kontrahenten verteidigten teilweise heftig ihre je eigene Sicht des Textes. Zu einer wirklich «göttlichen Lesung», einem Austausch im Frieden des Heiligen Geistes, kam es erst, als wir es wie die Versammlung in Jerusalem machten: «Das ganze Volk lauschte auf das Buch der Weisung.» (V. 3) Nur das gemeinsame Hören öffnet für das Kommen und Wirken Gottes, der Einheit stiftet. «Lauschen» heisst: alle Rechthaberei loslassen und reine Offenheit werden für das entgegenkommende Wort. «Sie warfen sich vor dem Herrn nieder.» (V. 6) Der Lauschende lässt Raum für den Heiligen Geist, der auch durch den Mitchristen spricht. So praktiziert, bereichert die gemeinsame Schriftlesung und hilft, «dass die Leute das Vorgelesene verstehen» (V. 8) können. Verstehen ist mehr als Philologie, geschieht dann, wenn das Schriftwort zum lebendigen Anruf wird. Wenn sich dasselbe wie bei der von Jesus angeleiteten Lectio in Nazaret ereignet: «Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.» (Lk 4,21) Die Israeliten liessen sich innerlich anrühren: «Alle Leute weinten, als sie die Worte der Weisung hörten.» (V. 9) Ihre Tränen sind auch Ausdruck dafür, dass sie bereit sind zur Umkehr. Schriftlesung eröffnet neue Zukunftsperspektiven. Sie lädt ein zur Gemeinschaft mit Gott und den Mitgläubigen: «Nun geht, haltet ein festliches Mahl.» (V. 10) Wenn solche Gemeinschaft von Gott gestiftet ist, dann darf sie nicht selbstgenügsam bleiben, dann öffnet sie sich für die materielle und geistliche Not der Menschen. Esra trägt dem Volk deshalb auf: «Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben.» (V. 10) Gemeinsame Lectio divina als Inspiration für die Neuevangelisierung.

DT (jobo)

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