Eine wegweisende Chronik der letzten Wegstrecke

Die letzten Gespräche der Heiligen Therese von Lisieux. Von Barbara Stühlmeyer

THERESIA VON LISIEUX
Die heilige Therese von Lisieux (1873–1897) wird von der Kirche als Kirchenlehrerin verehrt. Foto: KNA
THERESIA VON LISIEUX
Die heilige Therese von Lisieux (1873–1897) wird von der Kirche als Kirchenlehrerin verehrt. Foto: KNA

Therese Martin war eine ungewöhnlich starke und zielstrebige junge Frau, eine die genau wusste, was sie wollte und alles auf eine Karte setzte. Umso tragischer erscheint, von außen betrachtet, ihr Schicksal. Denn der Ort, an dem sie so unbedingt leben wollte, dass sie bis zum Papst ging, um eine Sondergenehmigung für einen frühen Eintritt zu erhalten, der Karmel von Lisieux, war keineswegs eine Insel der Seligen. Das Leben dort erwies sich vielmehr als ungemein harte Schule und das gilt für die äußeren ebenso wie für die inneren Umstände.

Denn Therese, bislang gut versorgt, umhegt, geliebt, war dort ganz eindeutig ohne jeden Vorzug eine Schwester wie alle anderen. Ob es um die karge Ernährung, die Kälte oder die Strenge ging, nirgendwo wurden Abstriche gemacht, ganz im Gegenteil. Um jeden Eindruck einer Bevorzugung zu vermeiden, behandelte man sie, deren Schwestern dort ebenfalls lebten, eher strenger als andere. Therese war das recht. Sie hatte genau jene konsequente Formung gesucht. Dass zur äußeren dann auch die innere Wüste hinzukam und sie nicht nur für einige Wochen oder Monate, sondern bis zu ihrem Tod durch die dunkle Nacht der Seele gehen musste, hat sie als besondere Herausforderung begriffen. Sie, die sich, um allen alles zu sein, entschlossen hatte, im Herzen der Kirche die Liebe zu leben, brachte all das, was ihr zugemutet wurde, ihrem Herrn als Opfer dar und hielt die einmal gelobte Treue unverbrüchlich durch.

Mit Humor und glühender Treue zum Herrn

Die letzten Gespräche der Heiligen, die sie im Krankenzimmer auf ihrer von schlimmsten Schmerzen und tiefster Hoffnungslosigkeit im Hinblick auf das ewige Leben gekennzeichneten letzten Wegstrecke führte, sind so etwas wie ihr Testament. Sie zeigen, mit welch tiefgründigem Humor, welch glühender Treue sie bei ihrem Herrn blieb. Sie machen deutlich, wie es ihr gelang, was immer ihr zu ertragen aufgegeben wurde, mit feinem Lächeln als das genau Richtige anzusehen. Und sie lehren, wie man beten kann – indem man nämlich demütig bittet, aber dabei stets die Freiheit des Gewährenden gegenwärtig hat und seiner Entscheidung, möge sie auch gegenteilig ausfallen, die letzte, wegweisende Weisheit zumisst.

Die Übersetzung der Gespräche von Sr. Theresia Renata Lochs bleibt eng am französischen Original, belässt also auch die dieser hochmusikalischen Sprache eigenen Ausrufe – die vielen kleinen und großen „A's“ und O's“ und nimmt uns so mit hinein in die gerade in Thereses letzter Lebensphase direkte, warmherzige Kommunikation mit ihren Schwestern, seien es geistliche oder leibliche, im Karmel.

Die in die Gespräche hineingewobenen Gedichte Thereses werden ebenfalls möglichst wortgetreu übersetzt und nicht in eine gereimte Fassung übertragen, die viel von der Unmittelbarkeit wegnähme, die gerade diese scheinbar kleine, in Wirklichkeit jedoch gewaltig große Heilige kennzeichnet.

Neben den letzten Gesprächen der Schwestern, aber auch einiger Besucherinnen und Besuchern Thereses finden sich auch Briefe, die deren Eindrücke von der Begegnung mit der jungen, todkranken Karmelitin wiedergeben. Sie zeigen deutlicher als Thereses eigene, stets von ihrem starken Willen und ihrer tiefen Gottverbundenheit gehaltene Worte, was für ein Martyrium die junge Frau durchlitten hat. Die Schmerzen, die sie zu ertragen hatte, überschritten die Grenze des Erträglichen weit und Thereses selbst sagte ihrer Schwester Maria von der Eucharistie einmal: „Zum Glück habe ich nicht um Leiden gebeten. Hätte ich darum gebeten, müsste ich befürchten, dass ich nicht die Geduld aufbringen würde, es zu ertragen; so aber, da es einzig der Wille Gottes ist, kann er mir die nötige Geduld und Gnade nicht vorenthalten.“ Eine höchst komplexe Sicht, die die scharfe Intelligenz der jungen Frau, aber auch ihren trockenen Humor unter Beweis stellt, der durch viele ihrer nur scheinbar naiven Äußerungen immer wieder hindurchblitzt.

Wie sehr (nicht nur) ihre letzten Worte als Wegweiser zu einem gelingenden Leben wahrgenommen werden, zeigt die Geschichte dieser kleinen Sammlung. Bereits 1927 wurden unter dem Titel „Novissima Verba“ in Frankreich erstmals Teile aus den letzten Gesprächen Thereses publiziert. Mutter Agnes von Jesus, Thereses leibliche ältere Schwester Pauline, hatte damals aber gut die Hälfte dessen, was in dem vorliegenden Band ediert ist, von der Veröffentlichung ausgeschlossen, da ihr gerade die an sie persönlich gerichteten Worte zu vertraulich erschienen. Für heutige Leser sind sie jedoch ein kostbarer Schatz, zeigen sie doch die Liebesfähigkeit Thereses, die sich, von der innigen Verbundenheit mit dem gekreuzigten Herrn ausgehend, in die Welt hinein entfaltete. Die Aufzeichnungen der Gespräche stammen von Mutter Agnes, die die Tagzeitenliturgie gemeinsam mit Therese im Krankenzimmer betete und auch die Rekreations- und jene Zeiten mit ihrer Schwester verbrachte, an denen die für die Pflege zuständigen Schwestern andere Verpflichtungen hatten. Weitere Aufzeichnungen stammen von Céline Martin – Schwester Genoveva –, die auf der Krankenstation arbeitete. Während vielen anderen Mitschwestern Thereses intensiver geistlicher Entwicklungsprozess weitgehend verborgen geblieben war – etwas, worüber die kleine Heilige sich sehr freute, denn genau dies war ihr Ziel – waren sich ihre leiblichen Schwestern bewusst, zu welcher Reife ihre kleine, einst so unbekümmert fröhliche Schwester in der Zumutung der dunklen Nacht der Seele gelangt war. Ihre Aufzeichnungen dienten wohl zunächst dem Ziel, den in Klöstern des Karmel für verstorbene Mitschwestern oder Brüder üblichen Nachruf zu schreiben, aber wohl auch, um der Geschichte ihrer Herkunftsfamilie dieses Kapitel eines heiligmäßigen Lebens hinzuzufügen.

Ein Leben als Hoffnungszeichen für die Welt

Entstanden ist schließlich eine berührende, wegweisende, in ihrem Charme oft auch hinreißende Chronik der letzten Wegstrecke eines Lebens, das inmitten aller Herausforderungen nur ein Ziel hatte. Dass Therese diesen Weg zu gehen durchgehalten hat, ist bemerkenswert. So wie sie im Dunkel zu leben und dennoch am Glauben an das Licht festzuhalten, gelingt nur wenigen. Es ist aber ein Zeichen der Hoffnung für unsere Welt und zugleich ein Hinweis. Denn Therese orientierte sich auf ihrem geistlichen Weg vor allem an einem Bild – dem heiligen Antlitz Jesu Christi, in dem das Geheimnis von Tod und Auferstehung sichtbar wird. Wenn es ihr gelungen ist, aufgrund dieser Orientierung im Weglosen wandernd ans Ziel zu kommen, ist es auch uns möglich.

Therese Martin: Letzte Gespräche der Heiligen von Lisieux. Ich gehe ins Leben ein. Media Maria, Illertissen, 2018. ISBN: 978-3-9454018-0-4,

EUR 18,95