New York

Gibt es viele Geschlechter oder zwei?

Ein Kommentar im Wall Street Journal befasst sich mit der Leugnung des biologischen Geschlechts und ruft Biologen und Mediziner auf, der Verunsicherung in der Gesellschaft energisch entgegenzutreten. Gibt es viele unterschiedliche Geschlechter? Nein, die Biologie ist eindeutig: „Mehr als 99,98 Prozent sind eindeutig männlich oder weiblich." Ein falsches Bild über dieses Faktum führe zu Konsequenzen für die Schwächsten, heißt es in dem Beitrag.

Gibt es viele Geschlechter oder zwei?
Ein Beitrag im Wall Street Journal befasst sich mit der "gefährliche Leugnung des Geschlechts“. Unser Symbolbild zeigt zwei nach Geschlechter getrennte Kisten bei einer außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen. Foto: Julian Stratenschulte (dpa)

Die in den westlichen Gesellschaften durch Transgenderaktivisten aufgeworfene Debatte über das angebliche Vorhandensein einer Vielzahl unterschiedlicher Geschlechter greifen Colin M. Wright und Emma N. Hilton in einem Kommentar für das Wall Street Journal mit dem Titel „Die gefährliche Leugnung des Geschlechts“ auf und rufen Biologen und Mediziner auf, der Verunsicherung in der Gesellschaft energisch entgegenzutreten.

Denn zunehmend hätten wir es mit einem „gefährlichen und antiwissenschaftlichen Trend bis hin zu einer völligen Leugnung des biologischen Geschlechts“ zu tun: „Biologen glauben jetzt, es gebe ein breiteres Spektrum der Geschlechter als nur das binäre weibliche und männliche“, verkündete 2015 ein Artikel im Wissenschaftsjournal „Nature“ mit der Überschrift „ Die Vorstellung von zwei Geschlechtern ist zu simpel“. 2018 versprach eine Schlagzeile der New York Times zu erklären, „warum das Geschlecht nicht binär ist“. Argumentiert wurde dabei mit der Existenz von intersexuellen Menschen, bei denen sich während ihrer vorgeburtlichen Entwicklungsstadien zweideutige Geschlechtsmerkmale heranbildeten. Daher seien die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ nur die Endpunkte eines „Spektrums“ und damit lediglich „soziale Konstrukte“. 

Eine in jeder Hinsicht falsche Argumentation

Eine derartige Argumentation ist Wright und Hilton zufolge jedoch in jeder erdenklichen Hinsicht falsch. Denn bei den Menschen entspreche das biologische Geschlecht eines Organismus wie bei den meisten Tieren oder Pflanzen „einer von zwei eindeutig unterschiedlichen Formen der Fortpflanzungsanatomie, die sich für die Erzeugung von kleinen oder großen geschlechtlichen Zelltypen – Samen- beziehungsweise Eizellen – entwickeln und biologischen Funktionen bei der sexuellen Fortpflanzung zugeordnet sind. Bei den Menschen ist die Fortpflanzungsanatomie bei der Geburt in mehr als 99,98 % der Fälle eindeutig männlich oder weiblich“.

Die Funktion dieser beiden Anatomien bestehe darin, die Fortpflanzung durch die Verschmelzung von Samen- und Eizelle zu unterstützen. Daher gebe es bei den Menschen „keine dritte Form von geschlechtlichen Zelltypen, und deswegen gibt es auch kein Geschlechts-‚Spektrum‘ und auch keine zusätzlichen Geschlechter jenseits von männlich und weiblich. Das Geschlecht ist binär“. Intersexuelle seien extrem selten und sie sind „weder ein drittes Geschlecht noch der Beweis dafür, dass Geschlecht ein ‚Spektrum‘ oder ‚soziales Konstrukt‘“ sei. 

Ernsthafte Bedenken im Bezug auf die Menschenrechte 

Die Leugnung des realen Vorhandenseins eines biologischen Geschlechts und dessen Ersetzung durch eine subjektive „Genderidentität“ sei, so Wright und Hilton weiter, „nicht bloß eine exzentrische akademische Theorie. Sie wirft ernsthafte Bedenken in Bezug auf die Menschenrechte von schutzbedürftigen Gruppen, darunter Frauen, Homosexuelle und Kinder auf“.

Frauen hätten „aufgrund der allgegenwärtigen Bedrohung durch männliche Gewalt und sexuelle Übergriffe“ Anspruch auf einen geschlechtsbedingten Rechtsschutz. Zudem sei aufgrund der größeren körperlichen Leistung eine Trennung von Männer- und Frauensport nötig. Die unterschiedlichen produktiven Rollen von Mann und Frau verlangten darüber hinaus Gesetze, um Frauen vor Diskriminierung am Arbeitsplatz und anderswo zu schützen: „Die Lüge, dass das Geschlecht in einer subjektiven Identität anstatt in einer objektiven Biologie verankert ist“, mache die Umsetzung dieser geschlechtsbedingten Rechte unmöglich. Die Leugnung des biologischen Geschlechtes tilge ferner das Vorhandensein von „Homosexualität, da ohne den Unterschied zwischen den Geschlechtern eine gleichgeschlechtliche Anziehung gegenstandslos wird“.

Kinder sind am meisten gefährdet

Am meisten gefährdet seien jedoch Kinder: „Wenn man ihnen vermittelt, dass sich das Geschlecht anstatt auf die Biologie auf die Identität gründet, können die Geschlechtskategorien leicht mit rückschrittlichen Klischees über Männlichkeit und Weiblichkeit verschmelzen. Maskuline Mädchen und feminine Jungen könnten in Bezug auf ihr eigenes Geschlecht verwirrt werden. Der dramatische Anstieg der ‚Genderdisphorie‘ bei Jugendlichen – insbesondere bei jungen Mädchen – in den Kliniken reflektiert glaubhaft dieses neuartige Durcheinander“. Denn die allermeisten der an einer Genderdysphorie leidenden Jugendlichen „wachsen während der Pubertät irgendwann aus ihrem Dysphorieempfinden heraus“, und viele bezeichneten sich dann als homosexuell. 

Daher drängen Wright und Hilton: „Die Zeit der Höflichkeit in Bezug auf diese Frage ist vorbei“. Sie fordern: „Biologen und Mediziner müssen sich für die empirische Realität des biologischen Geschlechts erheben. Wenn maßgebende wissenschaftliche Institutionen das empirische Faktum im Namen der gesellschaftlichen Anpassung nicht anerkennen oder sogar verleugnen, so ist das ein unerhörter Verrat an der Wissenschaftsgemeinde, die sie repräsentieren. Es unterminiert das öffentliche Vertrauen in die Wissenschaft, und es ist gefährlich schädlich für die Schutzbedürftigsten der Gesellschaft“.

KS

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