Szene

Richie Hawtin: Der Sake-Apostel

Richie Hawtin hat den Techno maßgeblich mitgeprägt. Nun verbreitet der britisch-kanadische Musiker das japanische Nationalgetränk Sake – auch in seiner Wahlheimat Berlin.
Melt Festival 2016 DJ Richie Hawtin während eines Auftrittes im Rahmen des Melt Festival 2017 vom
Foto: dpa | Bewegtes Leben: Richie Hawtin.

Auf den ersten Blick wirkt das „Sake 36“ wie eine der vielen Szenebars in Berlin-Kreuzberg: Ein junges, hippes Publikum trifft sich – coronabedingt draußen und auf Abstand gehalten – auf einen Drink oder mehrere, während im Hintergrund geschmackvolle elektronische Musik läuft. Doch der Unterschied zu anderen Lokalen und Bars spielt sich vor allem im Glas ab: Denn eingeschenkt wird im „Sake 36“ weder Bier noch Cocktails oder Gin – sondern ausschließlich das, was meist unrichtigerweise als Reiswein bezeichnet wird: das japanische Nationalgetränk Sake.

Doch das „Sake 36“ ist nicht nur auf japanischen Premium-Sake spezialisiert, sondern wartet noch mit einer anderen Besonderheit auf: Denn geführt wird es weder von einem gebürtigen Japaner noch von einem gelernten Gastronomen. Stattdessen ist der Betreiber eine Legende der elektronischen Musik: Richie Hawtin, der bereits seit einigen Jahren in der deutschen Hauptstadt lebt und gemeinsam mit seinen Partnern Maximilian Fritzsch und Laura Käding im Sommer 2020 das Sake-Ladengeschäft inklusive Verkostungsraum mitten in Berlin-Kreuzberg in der Reichenberge Straße 36 eröffnete.

Vom Musiker zum Sake-Samurai

Der Weg zum Sake-Gastronomen war Richie Hawtin definitiv nicht in die Wiege gelegt: 1970 im englischen Banbury bei Oxford geboren, wandert er schon in jungen Jahren mit seiner Familie nach Windsor, Ontario in Kanada aus. Der Grund: Sein Vater nahm ein Jobangebot beim US-Automobilhersteller General Motors in Detroit an und der neue kanadische Wohnort lag in direkter Nachbarschaft zur berühmten amerikanischen Auto- und Musikstadt. Schon als Jugendlicher beginnt sich der Neu-Kanadier für Technologie und elektronische Musik zu interessieren – Hauptinspirationsquelle für letzteres ist vor allem die große Plattensammlung seines Vaters, in der der spätere Techno-Pionier auch deutsche elektronische Musik – wie die von Kraftwerk, Tangerine Dream und Klaus Schulze – entdeckt und lieben lernt. Bereits mit 15 gerät Hawtin in Kontakt zur noch jungen Detroiter Technoszene und entschließt sich, ebenso wie deren Hauptprotagonisten Juan Atkins, Derrick May oder Jeff Mills, Musiker und DJ zu werden. 1990 startet Hawtin dann musikalisch durch und veröffentlicht im Lauf der Jahrzehnte – unter anderem unter den Pseudonymen F.U.S.E. und Plastikman – einige der einflussreichsten Technoalben überhaupt. Hawtins musikalisches Markenzeichen beinahe von Beginn an: Eleganter, minimaler und atmosphärischer Techno, der sich abwechselnd als Minimal Techno, Ambient Techno oder auch Intelligent Dance Music bezeichnen lässt: Elektronische Musik, die sowohl auf der Tanzfläche als auch zuhause auf der eigenen Couch als „Electronic Listening Music“ funktioniert – eine Gemeinsamkeit, die Hawtin mit Technokünstlern wie Aphex Twin, Carl Craig, Robert Hood oder The Orb teilt und die ihn auch mit Künstlern und Intellektuellen in Kontakt bringt.

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Dies führt sogar dazu, dass er 2013 das Plastikman-Album „Ex“ live vor Publikum im New Yorker Guggenheim Museum einspielen darf – ein bis dato unerhörtes Privileg. In jüngster Zeit wiederum komponierte er unter anderem Musik für das italienische Modehaus Prada und veröffentlichte mit dem lediglich aus zwei längeren Stücken bestehenden Minialbum „Time Warps“ eine Art „Tubular Bells“ des Techno. Zuletzt kam das äußerst tanzbare Stück „Acid King“ heraus – auch für die Meditationsapp Endel komponierte er neue Musik.

Unterwegs in der Welt

Seine Musiker- und DJ-Tätigkeiten führen Richie Hawtin seit Jahrzehnten um die ganze Welt – und so auch ins Land der aufgehenden Sonne. „Meine Sake-Leidenschaft begann in den 1990er Jahren bei einem Auftritt in Japan“, erzählt Richie Hawtin vor Ort im „Sake 36“. Hawtin ließ sich von der gastfreundlichen Atmosphäre und der Sake-Kneipen-Kultur Japans anstecken und probierte schließlich, eingeladen von japanischen Einheimischen, deren Nationalgetränk.

„Es schmeckte anders als alles, was ich zuvor getrunken habe“, erinnert sich Hawtin an diesen ersten Sake-Schluck. Vor allem überkam den Musiker gleich beim ersten Probieren ein stark ausgeprägtes Erfrischungsgefühl – und aufgrund des relativ niedrigen Alkoholgehalts zwischen 14 und 20 Prozent erfreulicherweise keine nachträgliche Katerstimmung.

Dieser positive Ersteindruck veranlasste ihn dazu, sich eingehender mit dem japanischen Getränk zu beschäftigen sowie sein Interesse für Sake zu professionalisieren. Hawkins gründete schließlich das eigene Sake-Label „Enter.Sake“ und stellt das Getränk weltweit in Clubs, Restaurants und auf Festivals vor. 2014 wurde er gar für sein Engagement von der Japan Sake Brewers Association als „Sake Samurai“ ausgezeichnet – und ist stolz darauf, dass er durch sein Engagement den Abwärtstrend seines Lieblingsgetränks im Sake-Mutterland gerade unter jüngeren Japanern abmildern konnte.

Auf einer Mission

Wenn Richie Hawtin über Sake spricht, dann spürt der Zuhörer: Dieser Mann befindet sich auf einer Mission. Ein gewisser Eifer, wie man ihn auch bei Menschen wiederfindet, die den eigenen Glauben gerne mit anderen teilen möchten, ist dem Wahlberliner definitiv nicht abzusprechen. Doch Hawtin weiß, dass er potenzielle Sake-Novizen nicht mit Faktenwissen überzeugen kann, sondern lediglich mit dem altbewährten, jesuanischen „kommt und seht“. Deswegen sagt er auch unmissverständlich: „Das Sake-Regelbuch bleibt an diesem Ort geschlossen.“ Eine Geschichte des Sake, eine Einführung in dessen sechs verschiedene Qualitätsstufen, die Nennung der wichtigsten Brauereien oder auch, wie man dieses Getränk mit der richtigen Haltung verköstigt, gibt es im „Sake 36“ weder von Hawtin noch von seinem Team zu hören. Ein wenig erinnert dieses Vorgehen an die Art und Weise, mit der auch das von Johannes Hartl geführte Gebetshaus in Augsburg oder Youtuber wie Brian Holdsworth und Matt Fradd, der Betreiber von „Pints with Aquinas“, möglichen Interessierten den christlich-katholischen Glauben nahebringen wollen: niederschwellig, auf Augenhöhe und voraussetzungslos – und dies im besten Sinne des Wortes.

Die verschiedenen Premium-Sakes, die sowohl vor Ort als auch im eigenen Onlineshop angeboten werden, fallen beispielsweise lediglich unter die Kategorien „Fresh“, „Dry“ und „Funky“. Außerdem werden mit Partnerrestaurants wie dem Seafood-Restaurant „Volkmitte“ oder der Pasteria „Mani in Pasta“, die alle in unmittelbarer Nachbarschaft zum „Sake 36“ in der Kreuzberger Reichenberger Straße liegen, spezielle Eventabende wie „Sake & Oysters“ oder „Sake & Pasta“ veranstaltet, um das Getränk auch kulinarisch neu zu verorten. Erst auf Wunsch kann, wer mag, sich näher informieren. Im „Sake 36“ ist diese Vorgehensweise Erfolgs-versprechend: Die Feier zum einjährigen Jubiläum Ende Juli war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft.

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