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Von gesundem und gefährlichem christlichen Nationalismus

Gebet, Lobpreis, Trump-Huldigung: Instrumentalisiert das Großevent „Rededicate 250“ den Glauben für das Politische? Es lohnt sich ein Blick auf die Evangelikalen.
Politisch-religiöse Großveranstaltung „Rededicate 250“
Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire | Das Glaubensevent „Rededicate 250“ führt wieder einmal, wie so oft in Trumps Amtszeit, zurück zu der Frage, was man von der Vermischung christlich-religiöser Bezüge mit der Agenda der Trump-Regierung hält.

Zwei Dinge prägten Donald Trumps politische Rhetorik schon lange, bevor er erneut ins Weiße Haus gewählt wurde: zum einen der Wunsch, das 250. Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeit auf größtmögliche Weise zu begehen und dem ganzen Land, ja der ganzen Welt, mit viel Pomp die Größe und Stärke der Vereinigten Staaten zu demonstrieren. Zum anderen das Versprechen, die USA wieder zu einer christlichen Nation zu machen – ein Ansinnen, das sich vor allem daraus speist, dass evangelikale Protestanten mit überwältigender Mehrheit zu Trump halten, ihn gar als gottgesandten Präsidenten betrachten, und er dieser essenziellen Wählerklientel etwas bieten muss.

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Beide Anliegen verbanden sich am vergangenen Wochenende in der politisch-religiösen Großveranstaltung „Rededicate 250“ auf der National Mall in der US-Hauptstadt Washington, D.C., die offiziell der religiösen Motivation der Staatsgründer vor 250 Jahren gedenken sollte. An dem mehrstündigen Event mit Gebeten, Lobpreismusik und politisch gefärbten Reden nahmen auch führende Regierungs- und Kirchenvertreter teil, letztere überwiegend Evangelikale. Prominente Katholiken wie der New Yorker Kardinal Timothy Dolan oder der medienaffine konservative Bischof Robert Barron sandten aber Grußworte per Video. Auch Trump selbst schickte eine Videobotschaft, die ihn beim Zitieren eines Bibelverses zeigt.

Vermischung christlich-religiöser Bezüge mit der Trump-Agenda

Nun kann man einerseits loben, dass das christliche Gebet und christliche Wertvorstellungen überhaupt einen solchen Stellenwert im öffentlichen Raum einnehmen. Auch die USA unterliegen seit Langem einem Trend zur zunehmenden Säkularisierung, sodass Gegenakzente an sich jederzeit willkommen erscheinen.

Und doch führt das Event wieder einmal, wie so oft in Trumps Amtszeit, zurück zu der Frage, was man von der Vermischung christlich-religiöser Bezüge mit der Agenda der Trump-Regierung hält. Die Lager sind hier klar umrissen: Kritiker monieren eine Instrumentalisierung der Religion für als fragwürdig empfundene politische Anliegen. Die Verteidiger begrüßen das nach außen zur Schau gestellte christliche Element rund um die Ära Trump als lang ersehnte Wende: weg vom linken, gottlosen Progressivismus der Obama/Biden-Ära, hin zu einer Rückbesinnung auf die „wahren“ patriotisch-amerikanischen Werte – zu denen, so die Deutung, eben auch der christliche Glaube zählt. Dazwischen gibt es nur wenig. Im Grunde ist es dieselbe Diskussion, die auch schon nach der Trauerfeier für den im vergangenen Jahr erschossenen Aktivisten Charlie Kirk aufflammte.

Haben diejenigen einen Punkt, die behaupten, hier handele es sich um gefährlichen „christlichen Nationalismus“ und die USA befänden sich auf dem Weg zum Gottesstaat? Zweifellos gibt es innerhalb der Trump-Bewegung auch viele fromme Christen, denen es ein Herzensanliegen ist, das Land und die Gesellschaft wieder zu Gott zurückzuführen. Genauer hinschauen sollte man dennoch. Denn auch wenn vereinzelt Katholiken und ein Rabbi an dem Glaubensevent teilnahmen, so war es doch eine ganz überwiegend evangelikale Interpretation des Stellenwerts der Religion im amerikanischen Staat, die auf der National Mall in Washington vertreten wurde. Eine nahezu ausschließlich weiße evangelikale, um genau zu sein. In Anbetracht des Rückbezugs auf den protestantischen Gründungsmythos der Vereinigten Staaten als neues Jerusalem, als auserwählte „City upon a hill“, mag das verständlich sein.

Romantische Verklärung der 1950er Jahre

Doch man sollte sich nicht täuschen lassen. Denn für viele Evangelikale dürfte es zumindest nicht ausschließlich um Religion, Gott und Gebet gehen – sondern um die Hoffnung, wieder zurückzukehren in eine vergangene und romantisch verklärte Zeit: das Amerika der 1950er-Jahre, als wirtschaftlicher Wohlstand herrschte, gesellschaftliche Hierarchien und Rollenbilder klar verteilt waren und das Land von Weißen dominiert war. Vielleicht lässt sich hier die Trennlinie ziehen zwischen einem „gesunden“ christlichen Nationalismus, verstanden als einem Patriotismus mit christlichem Wertefundament, der nicht ausgrenzt, das Eigene nicht religiös verklärt – und einem überzogenen Nationalismus, der den ethnisch und religiös pluralen Charakter der Vereinigten Staaten nicht sieht oder nicht sehen möchte, und so in ein gefährliches Freund-Feind-Denken abzugleiten droht.

Die USA – eine Nation unter Gott. Das Motto besteht aus zwei Aspekten, beide gleichermaßen wichtig. Wer sich dafür einsetzt, sowohl den religiösen Aspekt wie auch den der Einheit Wirklichkeit werden zu lassen, vertritt ein ehrenwertes Anliegen. Und doch kann man dieses Anliegen nicht isoliert betrachten, ohne den breiteren politischen Kontext, den die Einbettung in die Amtszeit Donald Trumps nun einmal mit sich bringt. Welchen Stellenwert Trump selbst christlichen Werten beimisst, welchen Respekt er Glaubensvorstellungen oder religiösen Autoritäten wie dem Papst entgegenbringt, konnte alle Welt zuletzt anhand seiner Kritik an Leo XIV. und der misslungenen Selbstdarstellung als Jesus erkennen. Wie viel Zuspruch er dadurch tatsächlich verloren hat – oder ob er ihn überhaupt verloren hat –, wird sich demnächst noch zeigen. Zu einem überzeugend vorgetragenen christlichen Zeugnis gehört jedenfalls mehr als hochtrabende Worte im Rahmen öffentlicher Großevents, die primär die eigene Wählerbasis zufriedenstellen sollen.

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