Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Ägyptens Christen

Sind die Kopten jetzt sicherer?

Ägyptens Christen stellen sechs bis 15 Prozent der Bevölkerung. Über die Rolle der aktuellen Regierung herrscht keine Einigkeit unter Experten und Betroffenen.
Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi
Foto: Ahmed Gomaa via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Zur Hierarchie der koptischen Kirche pflegt Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi durchaus gute Kontakte. Sicherheit für die Gläubigen bringt das jedoch nicht.

Mit Frage Sieben katapultiert sich der Journalist aus dem Interview. Zuvor hatte die Gesprächspartnerin das Miteinander von Islam und Christentum als „sehr gut“ bezeichnet, man würde gegenseitig bei den Festtagen Glückwünsche austauschen. Bei der Frage nach möglicher Diskriminierung in staatlichen Schulen bricht die Mittdreißigerin, koptisch-orthodox und Angestellte einer christlichen Einrichtung, ab. Der Vorwurf: Die Fragen zielten nur in eine Richtung. Ende des Gesprächs nach nicht einmal zehn Minuten im europäisch wirkenden Kairoer Stadtteil Zamalek.

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Ist es ein Tabu in Ägypten, die vielfach dokumentierte Diskriminierung und Einschüchterung der christlichen Minderheit bis hin zu tödlicher Gewalt zu thematisieren? Seit den 1970er Jahren sind Angriffe auf koptische Geschäfte und Kirchen bekannt, ebenso Beleidigungen und Drohungen. Das US-Außenministerium listet für die 1990er Jahre 127 durch Islamistenhand getötete Christen auf. Ab 2010 nahm die Gewalt zu: Am orthodoxen Weihnachtsfest eröffneten in der oberägyptischen Stadt Nag Hammadi drei Bewaffnete das Feuer auf Gläubige der mitternächtlichen Weihnachtsliturgie, als sie die Kathedrale verließen. Sechs von ihnen sowie drei Passanten wurden ermordet. Michaela Koller schrieb auf der Seite des Bistums Regensburg, der koptisch-orthodoxe Bischof Kyrillos von Nag Hammadi habe im Vorfeld des Anschlags Morddrohungen erhalten. „Obwohl er diese zur Anzeige brachte, sorgte die Polizei unter dem damaligen Regime von Präsident Hosni Mubarak nicht wirksam für die Sicherheit der Christen.“

Blenden Kopten die Vergangenheit aus?

Blenden Kopten diese Vergangenheit aus? Werden sie staatlicher- oder kirchlicherseits dazu angehalten? Wochen nach diesem Anschlag verwüstete in der Küstenstadt Marsa Matrouh ein Mob, aufgestachelt durch den örtlichen Imam, stundenlang Geschäfte von Christen; es gab Verletzte. Das Wall Street Journal diagnostizierte das Wegschauen des Staates und wählte den Titel: „Ägyptens verfolgte Christen“. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Das Jahr 2011 war 20 Minuten alt, als vor der St. Markus- und Petri-Kirche in Alexandria ein Selbstmordattentäter eine Bombe zündete, als die ersten Besucher des Neujahrsgottesdienstes ins Freie strömten. Dabei wurden 21 Menschen getötet. „Dieser in der jüngeren Geschichte Ägyptens einzigartige Anschlag auf eine Kirche stellte eine neue Dimension der Gewalt gegen Kopten dar“, schreibt Michael Kaspar in seiner Magisterarbeit „Die Kopten zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Zwischen Akzeptanz und Ablehnung.“

Der Autor, der mittels Fragebogen ägyptische Christen befragt hatte, stellt die „gravierende Benachteiligung“ beim Bau von Kirchen fest sowie eine „Ungleichbehandlung gegenüber dem Bau von Moscheen“. Selbst bei Reparaturmaßnahmen gebe es „schikanöse Verfahren“ und „strukturelle Diskriminierung“, was er auch auf die Bevorzugung von Muslimen in Schule, Universität oder im Arbeitsleben bezieht. Nachvollziehbar ist für ihn das auch im Fragebogen geäußerte Gefühl der Verfolgung. Das Urteil der Christenverfolgung in Ägypten, oft von Auslandskopten vorgebracht, lässt Kaspar jedoch nicht gelten: „Faktisch kann nicht von einer systematischen Diskriminierung von Seiten des Staates gesprochen werden, da die einzelnen Benachteiligungen jeweils auf spezifische Ursachen zurückzuführen sind und die Kopten nicht in ihrer Existenz bedrohen.“

Tödliche Gewalt gegen Christen

Seitdem sind viele und bewegte Jahre vergangen. Heute regiert Abdel Fatah al-Sisi, nachdem er sich im Jahr 2013 an die Macht geputscht hatte. Unter ihm, erklärt Pfarrer Samuel, fühlten sich die Christen „viel sicherer und wirklich glücklich“. Al-Sisi sei auch der erste Präsident in der Geschichte Ägyptens, der demonstrativ an der koptischen Weihnachtsmesse teilgenommen habe, was er seit 2015 alljährlich tut. Pfarrer Samuel (38) ist Pfarrer der „Hängenden Kirche“, die bei Touristen sehr beliebt und einen Steinwurf von der U-Bahn-Station Mar Girgis (Heiliger Georg) entfernt ist. Für ihn, im Erstberuf Ingenieur, und Vater dreier Kinder, ist der Präsident ein „Kümmerer“: Die Regierung entwickle etwa 25 heilige Stätten, die seine Kirche mit der Flucht der Heiligen Familie verbindet, für den Tourismus. Seine Kirche aus dem 4. Jahrhundert, der Gottesmutter und der Heiligen Demiana geweiht, stehe nun auf dem ägyptischen Lehrplan und in kirchlichen Schulen und Krankenhäusern seien Christen wie Muslime gleichermaßen willkommen. Magdi Yacoub, Kardiologe und Träger des Nilordens, habe sogar ein Mitglied des IS gratis behandelt. Noch etwas Positives kann der in sich ruhende Pfarrer berichten: Vor der „Revolution“ (der Arabellion von 2011, A.d.R.) hätten Christen keine Aufstiegschancen gehabt, „nun können sie, wenn sie klug sind, bis zu einer gewissen Stufe aufsteigen“.

Der Theologe verschweigt nicht die tödliche Gewalt gegen Christen vor und nach der „Revolution“ wie etwa die Bombenanschläge auf die Peter- und Paul-Kirche in Kairo (2016) und den auf die St. Georgs-Kirche am Palmsonntag in der Stadt Tanta mit 26 Toten oder die Explosion in der St. Markus-Kathedrale in Alexandria mit elf Opfern (beide 2017). Aufwiegler und Täter sind für ihn „ein wenig kranke Seelen“. Auf den aktuellen Präsidenten lässt er indes nichts kommen. Der habe etwa angeordnet, in einem Neubaugebiet auch eine Kirche zu bauen - auf Staatskosten. Man sei insgesamt auf einem guten Weg.

Wie passt das zur Einschätzung des Menschenrechtsexperten Carsten Jürgensen, der 2018 für die Heinrich-Böll-Stiftung darlegte, dass sich „die Menschenrechtssituation in Ägypten seit der Machtübernahme durch Abdel Fatah al-Sisi gravierend verschlechtert“ hat? Der frühere Amnesty International-Mitarbeiter erläutert, „dass vor allem die christliche Minderheit religiös motivierten Übergriffen ausgesetzt ist. Häufig gehen die Behörden nicht gegen die Täter vor.“ Hat sich in den letzten acht Jahren die Lage derart verbessert? Hat Pfarrer Samuel die ganze Wahrheit gesprochen?

Einen Steinwurf weiter lebt Raffaello, ein junger Christen vom Land, der sich als Wachmann und Küster in St. Georg sein Geld verdient. Er sieht die Christen gegenüber Muslimen klar diskriminiert. Nächster Gesprächspartner ist Pfarrer Rami Na´im (41) aus Port Said. Er gehört der Minderheit in der Minderheit an: Während 90 Prozent der Christen Ägyptens der koptisch-orthodoxen Kirche angehören, verteilen sich die restlichen zehn Prozent auf römisch-katholisch, koptisch-katholisch, evangelisch-lutherisch oder eben anglikanisch-episkopal, wie Pastor Rami. Die Ökumene dieser Konfessionen nennt er „schwach“. Der Grund: Jede Kirche habe Angst, Gläubige an eine andere Kirche zu verlieren.

Angstfrei das Kreuz tragen

Die Anschläge auf christliche Einrichtungen hätten jedoch die Verbundenheit unter den Kirchen gestärkt. Für ihn war diesbezüglich 2013 ein schlimmes Jahr, in dem landesweit etwa 80 Kirchen in Brand gesteckt worden seien. Andere Quellen sprechen von 40 bis 60 Gotteshäusern. Auslöser war die gewaltsame Räumung der Mursi-Protestlager am 14. August 2013. Laut Muslimbruderschaft hätten Christen den Putsch gegen den seit 2012 amtierenden Präsidenten Mursi unterstützt. Daraufhin steckten Muslime Kirchen in Brand. Schon ein Jahr zuvor hatten mindestens 90.000 Kopten ihre Heimat verlassen: nach dem Sturz von Präsident Mubarak und dem Beginn des „Arabischen Frühlings“. Präsident al-Sisi wird auch von Pfarrer Rami gelobt, vor allem für seine Sicherheitspolitik. Christen könnten aktuell angstfrei ein Kreuz tragen.

Letztes Gespräch: eine koptische Christin bei Köln. Ihr zufolge ging es Christen in Sadats Amtszeit (1970 bis 1981) am besten. Doch just dieser schickte 1981 das Oberhaupt der koptisch-orthodoxen Kirche, Papst Schenuda III., in ein Wüstenkloster, nachdem der dessen Förderung islamistischer Gruppen und mangelhaftes Durchgreifen nach Christenpogromen kritisiert hatte. Mit mehr Fragen als Antworten eine Schlussfolgerung: Der Weg zur Wahrheit ist mindestens so verschlungen wie das Gassengewirr in Kairos Khan al-Khalili-Basar.


Der Autor ist Nahost-Experte, Reiseleiter und Publizist.

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