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Prostitution ist kein normaler Beruf

Begriffsverwirrung: Der Deutsche Journalisten-Verband rät in einer Handreichung dazu, vermeintlich stigmatisierende Begriffe zu vermeiden.
Symbolbild Prostitution
Foto: IMAGO / biky | Glaubt man den Verfassern der DJV-Handreichung, dann ist Prostitution nur ein Beruf wie jeder andere.

Ein kurzer Blick in die Zukunft: Stellen wir uns vor, in, sagen wir einmal, 100 Jahren würden Historiker gerne herausfinden, wie die Deutschen von heute gedacht haben, was sie für gut, was für böse hielten, wie ihr Menschenbild war. Diesen Historikern der Zukunft kann man nur wünschen, dass sie die „Handreichung Sexarbeit“ als Quelle heranziehen werden, die der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen herausgebracht hat. Denn sie lässt sich als Schlüsseldokument für einen Trend lesen, der unsere Zeit prägt wie kaum etwas anderes: die totale Ökonomisierung.

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Denn glaubt man den Verfassern der Handreichung – die „Welt“ hat nun auf das schon 2025 veröffentlichte Papier verdientermaßen aufmerksam gemacht –, dann sei Prostitution nur ein Beruf wie jeder andere. Entscheidend dabei sei lediglich, ob der- oder diejenige, die sich prostituieren, dies freiwillig täten. Und schwuppdiwupp wird aus der gesellschaftlich scheel angesehenen Prostitution nach diesem Ansatz eine sexuelle Dienstleistung, die Prostituierte zur Dienstleisterin: ein ganz normaler Beruf also. Und dem müsse eben – das ist das Ziel der Handreichung, die sich ja an Journalisten richtet – auch sprachlich Rechnung getragen werden. Also bitte doch keine bösen Begriffe mehr, die dieses ach so ehrbare Gewerbe stigmatisieren könnten.

Wer sich selbst zur Ware degradiert, agiert als vorbildlicher Marktteilnehmer

Am Ende muss man den Autoren fast schon für ihre Offenheit dankbar sein. Einmal ist es natürlich das Recht von Verbänden, ihre Sicht der Dinge in die öffentliche Diskussion einzubringen. Allerdings nimmt der DJV ja für sich in Anspruch, repräsentativ für die gesamte Journalistenzunft zu sprechen. Möglichst große Sensibilität in Zusammenarbeit mit Lobbygruppen – ein Berufsverband ist letztlich nichts anderes – sollte da selbstverständlich sein.

Und der zweite, letztlich noch schwerwiegendere Punkt: Hier wird in schonungsloser Klarheit formuliert, wie ganz offenbar schon in breiten Teilen der Gesellschaft gedacht wird: Wer sich selbst ökonomisiert, wer sich selbst zur Ware degradiert, der verletzt nicht seine eigene Würde, sondern agiert als vorbildlicher Marktteilnehmer. Es lebe der Materialismus! Wobei von „leben“ in diesem Zusammenhang eigentlich nicht gesprochen werden sollte. Wir haben es hier mit einer Umkehrung der Begriffe zu tun: Aus dem „gefallenen Mädchen“ von einst wird die „ehrbare Kauffrau“.

Journalisten werden misstrauisch bei Handreichungen

Gewiss, solche Etiketten wie das vom „gefallenen Mädchen“ waren auch schon immer unterkomplex. Und das ist vielleicht auch die offene Flanke, die die untergehende bürgerliche Gesellschaft mit ihren Moralvorstellungen bietet: Weil hier eben vieles nur auf Schein abzielte, können jetzt die Marketingtruppen der „Sexdienstleister“ so gut verkaufen, dass sie nun für eine neue Komplexität in der Debatte über dieses Thema sorgen würden. Dabei wird nur die eine Unterkomplexität durch eine andere abgelöst. Am besten können dies übrigens Christen entlarven, denn ihr Menschenbild zeigt, was der Mensch als Geschöpf Gottes tatsächlich ist.

Bleibt die Hoffnung: Journalisten, die ihren Beruf einigermaßen ernst nehmen, werden misstrauisch, wenn ihnen Handreichungen vorgelegt werden. Wenn jetzt bei vielen rote Alarmsirenen anspringen, dann könnte das dazu führen, dass sich nun mancher mit Rechercheeifer auf dieses Thema stürzt, bei dem man doch sonst so gerne wegguckt.    

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Sebastian Sasse

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