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Konditionierter Schutzreflex einer überempfindlichen Gesellschaft

Annegret Kramp-Karrenbauer hat einen Witz über Toiletten für das dritte Geschlecht gerissen. Derb, aber zulässig.
Annegret Kramp-Karrenbauer beim Politischen Aschermittwoch
Foto: Stefan Sauer (dpa-Zentralbild) | Politischer Aschermittwoch: Annegret Kramp-Karrenbauer wehrt sich.

Annegret Kramp-Karrenbauer muss im Karneval viel einstecken. So wie andere Spitzenpolitiker auch. Bei ihr kommt der etwas sperrige Name hinzu. Deutschlands Jecke haben in ihr einen adäquaten Ersatz für Sabine Leutheusser-Schnarrenberger gefunden. Eigentlich eine harmlose Sache, die in der Bütt eher beiläufig erwähnt wird, ein Gag zum Mitnehmen. Als der Komiker Bernd Stelter, eine Größe des Kölner Saalkarnevals, bei einer Veranstaltung über AKK seine Witze macht und allgemein über Doppelnamen, steht eine Dame aus Weimar auf und empört sich. Sie fühlt sich in ihrer Eigenschaft als Doppelnameninhaberin angegriffen. „Steltergate“ ward geboren.

Es gibt feineren Humor, doch das ist nicht das Thema

Annegret Kramp-Karrenbauer selbst hat offenbar mehr Humor. Sie tritt sogar bei Faschingssitzungen auf, wie zu Altweiber (28. Februar) in Stockach. Dort hat sie sich über Toiletten für das dritte Geschlecht lustig gemacht: „Wer war denn von Euch vor kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-Macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder noch sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette“. Zugegeben: Kein guter Witz. Es gibt feineren Humor. Und besseren, deutlich besseren. Doch das ist nicht das Thema.

Protektionismus einer hypersensibilisierten Gesellschaft

Entscheidend ist: Sowohl Witze über Namen als auch über (vermeintliche oder tatsächliche) politische Überkorrektheit im Umgang mit Minderheiten müssen im Karneval möglich sein. Die nun allenthalben beschworene Grenze für Satire gibt es freilich: die Würde des Menschen. Wie jede Freiheit endet auch die Freiheit der Kunst an dieser letzten Schranke. Doch die Würde des Menschen ist weder bei der humoristischen Verarbeitung von Namen verletzt, noch, wenn über den vorauseilenden Protektionismus einer hypersensibilisierten Gesellschaft gesprochen wird. Und das ist ja die eigentliche Stoßrichtung der Kramp-Karrenbauer-Bemerkung, nicht das Phänomen „Intersexualität“ (Geschlecht: „divers“) als solches.

DT (jobo)

Warum sich nun jedoch die fragmentierte bundesrepublikanische Gesellschaft fast geschlossen empört und worin die Gefahr besteht, wenn Beleidigtsein zum Prinzip der Lebensführung wird, erfahren Sie in der aktuellen Ausgabe der „Tagespost“ vom 7. März.

Themen & Autoren
Josef Bordat Annegret Kramp-Karrenbauer Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

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