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Moskau im Glanz der Lüge

Ein Paradies im Schatten der Macht: Wie die russische Hauptstadt auch in Kriegszeiten Normalität inszeniert.
Blick auf Moskau
Foto: IMAGO/Mikhail Metzel (www.imago-images.de) | Seit vier Kriegsjahren demonstriert Moskau mit allen Mitteln und mit aller Kraft sich selbst und der Welt: „Seht her, es geht uns großartig!“

Moskau, was liegt im bloßen Klange des Namens für die Russen all, wie herzergreifend tönt sein Schall!“, schrieb Alexander Puschkin im 19. Jahrhundert. Seitdem hat sich wenig geändert. Moskau wird geliebt und gehasst, ersehnt und verflucht. Schon Tschechows „Drei Schwestern“ hatten nur einen Wunsch: „Nach Moskau! Nach Moskau!“ Kaum angekommen, nennen sich die Zugezogenen stolz „Moskauer“ und blicken mit kaum verhohlenem Spott auf ihre „provinziellen“ Verwandten herab.

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Meine Bekannte behauptet, man erkenne Moskauer schon von weitem: Niemand kann ihnen das Wasser reichen in der unverrückbaren Überzeugung, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Kommt ein Moskauer in eine europäische Hauptstadt, zieht er die Lippen zusammen, kneift die Augen und sagt: „Nein, niemals kommt das hier an Moskau heran! Wo ist die Möglichkeit, rund um die Uhr Sushi zu bestellen? Und diese alte U-Bahn! Wie leben die Menschen hier überhaupt?“

Der Krieg verschwindet nicht, aber die Werbung

Auf den ersten Blick haben sie recht. Perfekte Sauberkeit, funktionierende Online-Dienste, ein Nahverkehr wie ein Schweizer Uhrwerk, Restaurants aus aller Herren Länder – alles wirkt wie eine Inszenierung urbaner Vollkommenheit. In den Innenhöfen: moderne Spielplätze, Sportanlagen, gepflegte Blumenbeete. Wo einst Industriegebiete lagen, entstanden „kreative Cluster“: alte Fabriken, umgebaut zu Designzentren, Showrooms, Galerien, Restaurants. Alles glänzt. Alles ruft: Hier ist alles bestens. Fast 40 Fußgängerzonen, über 100 Parks, rund um die Uhr Veranstaltungen und Partys. Auf dem Manegeplatz, direkt an der Kremlmauer, entstand im vergangenen Sommer ein tropischer Garten mit Palmen, exotischen Blumen und einem acht Meter hohen Wasserfall: Teil des Landschaftsfestivals „Gärten und Blumen“. Ein Paradies im Schatten der Macht. Moskau wird schöner, immer schöner. Edelboutiquen, Luxuslimousinen, prachtvolle Neubauten. Als wolle die Stadt der Welt zurufen: „Uns geht es fantastisch!“ Wirklich?

Man kann einen Tag in Moskau etwa so verbringen: Frühstück im Restaurant „Beluga“ mit Blick auf den Roten Platz, für 77.000 Rubel das teuerste Frühstück der Stadt, inklusive eines Kilos schwarzen Kaviars. Danach Shopping im ZUM, dem nobelsten Kaufhaus der Stadt, einst ein Mekka für internationale Luxusmarken. Ob Chanel & Co. dort noch verkauft werden, lässt sich schwer sagen. Auf der Website heißt es lapidar: „The tsum.ru website is accessible only within the Russian Federation.“ Soll die Welt das Fehlen der Marken nicht sehen oder fürchtet man digitale Angriffe? Danach würde ich einen Spaziergang durch das glanzvolle Moskau unternehmen. Gewiss, hier und da tauchen zwar riesige Rekrutierungsplakate auf: „Diene Russland!“, Männer mit Gewehren. Doch sie sind seltener als im Herbst 2022, als die Mobilmachung auf Hochtouren lief, und stören kaum mehr das strahlende Gesamtbild. Der Krieg verschwindet nicht, nur die Werbung dafür.

Am Abend lockt das „White Rabbit“, das erste russische Restaurant mit Michelin-Stern. Kamtschatka-Krabbe, Stör, Filet Mignon. Ein Fest für alle Sinne. Doch ab März 2026 soll ein neues Gesetz die Verwendung lateinischer Schrift und fremdsprachiger Begriffe in Werbung und Beschilderung verbieten. Zum Schutz der russischen Sprache, versteht sich. Selbst der Genuss soll patriotisch sein.

Das flirrende Moskau fahren, das niemals schläft

Die Nacht könnte man in einem der unzähligen Klubs ausklingen lassen, zum Beispiel in der legendären „Propaganda“. Doch die Wiege der Moskauer Klubkultur hat bereits 2024 ihre Türen geschlossen. „Eine 27-jährige Geschichte ist zu Ende gegangen“, schrieben die Betreiber. Dann vielleicht ein Konzert? Moskau war immer ein Magnet für Weltstars: Madonna, Linkin Park, Metallica, Ozzy Osbourne, Lady Gaga. Im Oktober 2023 trat angeblich Adele auf – tatsächlich spielte die „Russische Philharmonie“, während die Sängerin auf einer Leinwand erschien. „Original Digital Voice“ nannte sich das Format. Für vorigen Herbst war Jason Derulo angekündigt. Angeblich der echte. 

Nun gut, dann steigen wir einfach in ein Taxi und lassen uns durch das flirrende Moskau fahren, das niemals schläft. Bestellt per App, binnen Minuten. Mein Favorit: „Yandex Go“. Zugegeben: Gelegentlich gibt es Ausfälle im mobilen Internet. Offiziell zur „Abwehr verschiedener Bedrohungen“. Welche das sein sollen, bleibt offen. Egal, dann bestellen wir das Taxi eben altmodisch per Telefon. Gönnen wir uns ein Premium-Fahrzeug. Früher setzte Yandex in der Luxusklasse auf Mercedes und BMW, heute chinesische Modelle.

Ist das alles nur ein glänzender Fake?

Der Zeekr 009 beeindruckt trotzdem: Massagesitze, Klapptische, Panoramablick. Während man durch die Fenster des elektrischen Minivans in den burgunder-violetten Moskauer Sonnenuntergang blickt, stellt sich unweigerlich die Frage: Ist das alles nur Kulisse? Ein glänzender Fake, hinter dem sich Leere auftut?

Wir überqueren die Kiewer Brücke. Links eine Filiale der Tretjakow-Galerie. 2021 lief dort die Ausstellung „Träume von Freiheit“, ein gemeinsames Projekt mit den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, gestaltet vom weltberühmten Architekten Daniel Libeskind. Die damalige Direktorin wurde 2022 entlassen. Heute zeigt das Museum Ausstellungen wie „Der Weg nach Osten. Russische Künstler in Zentralasien“ oder „1 418 Tage. Zum 80. Jahrestag des Sieges“. Ein Stück weiter nördlich glänzt im Scheinwerferlicht das Bolschoi-Theater. Die Saison 2025 endete mit der Premiere von Prokofjews Oper Semjon Kotko, inszeniert von Sergej Nowikow, einem hochrangigen Kulturfunktionär des Präsidialamts, den man den „Chef-Zensor der russischen Kultur“ nennt. Die Aufführung rechtfertigte offen das russische Vorgehen in der Ukraine. „Ein patriotisches Manifest“, jubelte eine kremltreue Zeitung.

Zum Vergleich: 2021 wurde die Saison mit Richard Strauss’ Salome eröffnet, inszeniert vom deutschen Regisseur Claus Guth, eine Koproduktion mit der Metropolitan Opera in New York. Guth sollte für diese Inszenierung mit dem bedeutendsten russischen Theaterpreis, der „Goldenen Maske“, geehrt werden. Er lehnte die Auszeichnung ab. Den Preis erhielt 2022 übrigens auch das Stück „Finist, heller Falke“ über das Schicksal russischer Frauen, die von IS-Kämpfern angeworben wurden und nach Syrien gingen. Die Autorin Swetlana Petritschuk und die Regisseurin Schenja Berkovitsch wurden 2024 zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt – wegen angeblicher „Rechtfertigung von Terrorismus“ in genau diesem preisgekrönten Drama. Die Masken sind gefallen.

In dieser Stadt bleibt kein Platz für Mitleid

Ein altes russisches Sprichwort besagt: „Moskau glaubt den Tränen nicht.“ In dieser rastlosen Stadt bleibt kein Platz für Mitleid. Seit vier Jahren demonstriert Moskau mit allen Mitteln und mit aller Kraft sich selbst und der Welt: „Seht her, es geht uns großartig. Ihr alle solltet neidisch sein!“ Ein Moskauer Ökonom erklärte mir das „Moskauer Phänomen“ so: „Revolutionen in Russland beginnen immer in den Hauptstädten. Das hat man im Kreml gut verstanden. Darum muss hier alles perfekt funktionieren. Einem Moskauer darf es an nichts fehlen; es muss das Gefühl entstehen, man habe den Himmel auf Erden – koste es, was es wolle.“

Darum ist es so leicht, sich von Moskaus Oberfläche verführen zu lassen. Die Stadt strahlt heller denn je, so hell, dass sie blendet. Mich aber – als gebürtige Moskauerin – täuscht sie nicht. Ich sehe ihre Lügen. Ich spüre ihre Angst. „O meine Stadt, selbst Regen kann dein Lächeln nicht verhüllen. Wie groß ist das Glück, nur ein Teil von dir zu erfüllen!“, schrieb einst ein sowjetischer Dichter. Ich sehe kein Lächeln. Ich höre künstliches Lachen. Während Restaurants servieren, Parks blühen, Klubs feiern und Fassaden glänzen, wird das Schweigen immer lauter. Je selbstsicherer Moskau sich zeigt, desto tiefer wird der Schatten, den es wirft. Hinter dem Glanz lauert nicht Hoffnung, sondern Angst, im eigenen Trugbild zu ersticken.


Die Autorin ist gebürtige Moskauerin und promovierte Germanistin. Sie lebt als Journalistin seit vielen Jahren in Deutschland.

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