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Kein Immigrationsproblem?

Die Reaktionen der Randalierer selbst und ihrer Herkunftsstaaten auf die Ausschreitungen in französischen Vorstädten sprechen Bände.
Nach Aussschreitungen in Frankreich
Foto: IMAGO/Gerard Bottino (www.imago-images.de) | Manche der Herkunftsstaaten von Einwanderern sind offensichtlich nicht der Ansicht, dass Franzosen mit Einwanderungshintergrund wirklich Franzosen sind.

Die Ausschreitungen klingen ab, jetzt geht der Streit um die Deutungshoheit los. Innenminister Gerald Darmanin wies diese Woche im französischen Parlament die doch irgendwie naheliegende Annahme zurück, es gebe einen Zusammenhang zwischen Krawallen und Einwanderung. „Weniger als 10 Prozent der Festgenommenen waren Ausländer, 90 Prozent Franzosen“, entgegnete er einem Abgeordneten des „Rassemblement national“, und fügt hinzu: „Es sind junge Straftäter, keine Ausländer.“

Sie fühlen sich nicht als Franzosen

Dabei verschweigt er, dass die überwältigende Mehrheit der Randalierer entweder eine doppelte Nationalität hat oder aus Einwanderern der zweiten oder dritten Generation besteht. Die sich offensichtlich nicht als Franzosen fühlen. Polizisten der Polizeistelle, die Darmanin und Präsident Macron vor einigen Tagen im Zuge der Ausschreitungen besucht haben, erzählten, dass viele der jungen Festgenommenen zunächst darauf beharrten, Algerier oder Marokkaner zu sein, bevor sie ihren französischen Personalausweis herausrückten. „One, two, three, viva l’Algérie!”, ist einer der beliebten Schlachtrufe, die die Randalierer skandierten, während sie Boutiquen plünderten und Gebäude anzündeten. Videos dazu gibt es in den sozialen Medien en masse.

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Noch beunruhigender: Auch manche der Herkunftsstaaten sind offensichtlich nicht der Ansicht, dass Franzosen mit Einwanderungshintergrund wirklich Franzosen sind. Beispiel Algerien: Nach dem Tod des 17-jährigen Naël – ein Franzose algerischer Abstammung – im Laufe einer Polizeikontrolle mit Fahrerflucht forderte das algerische Außenministerium die französische Regierung dazu auf, „ihre Schutzpflicht gegenüber den Algeriern in Frankreich voll und ganz wahrzunehmen.“ 

Außerdem kursieren in den sozialen Medien zahlreiche Videos der Randalierer, die auf eine etwas ältere Rede des algerischen Staatspräsidenten Abdelmadjid Tebboune zum Gedenken an die 120 durch die französische Polizei getöteten Algerier des 17. Oktober 1961 Bezug nehmen, wie das marokkanische Nachrichtenportal „Le 360“ aufdeckt. „Le 360“ fragt, ob Algerien den Tod Naëls möglicherweise für Tebbounes Präsidentschaftswahlkampf instrumentalisieren wollte und ob das oben genannte Communiqué aus dem Außenministerium die Ausschreitungen zu einer Sache zwischen Frankreich und Algerien gemacht habe. „Le 360“ kommt zu dem Schluss, dass die in Frankreich lebenden Personen algerischer Herkunft dies als eine Aufforderung wahrgenommen haben, sich aktiv für eine Seite zu entscheiden. 

Vor realen Problemen der Massenimmigration die Augen verschlossen

Das Sympathische am französischen Universalismus seit dem 19. Jahrhundert ist sein fester Glaube, dass unabhängig von der Hautfarbe jeder, der Franzose sein will, es auch sein kann – über Assimilierung. Paradoxerweise ist genau dieses urfranzösische und gänzlich antirassistische Credo heute dafür verantwortlich, dass Politiker vor realen Problemen der Massenimmigration die Augen verschließen – sehr zum Nachteil auch der Einwanderer selbst. Weite Teile der Politik haben heute vergessen, dass zur erfolgreichen Assimilierung die Übernahme der Werte und Normen der Aufnahmegesellschaft sowie ein klares Bekenntnis zur französischen Republik gehören muss. Stattdessen steht da die etwas naive Annahme, allein die Farbe des Personalausweises reiche, um Franzose zu sein. Zur erfolgreichen Integration gehören zweierlei: Seitens der Neuankömmlinge ein klarer Wille zur Assimilation, seitens des Aufnahmestaats ein Schulsystem, das eben jene Werte und Normen verbindlich vermittelt, die für eine friedliche und prosperierende Gesellschaft grundlegend sind. Beides ist gescheitert.

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Franziska Harter

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