Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Im „Radio-Vatikan“-Interview

Kardinal Pizzaballa: Geiselbefreiung ist „ein erster Schritt“

Laut dem Jerusalemer Patriarchen braucht es eine „nationale Perspektive“, um die Wurzeln des Terrorismus im Heiligen Land zu kappen.
Kardinal  Pizzaballa: Es gibt keinen absoluten Sieg
Foto: Majdi Fathi via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Denjenigen, die in den Verhandlungen selbst eine gewisse Art der Niederlage sehen, antwortete Kardinal Pizzaballa, dass Frieden in der Lösung des Konfliktes „kein absoluter Sieg sein“ könne.

Der Lateinische Patriarch von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, hat am Samstag in einem Telefoninterview mit „Radio Vatikan“ erklärt, dass er in der schrittweisen Freilassung von Geiseln einen erste Schritt zu einem Ende des andauernden Konflikts zwischen Israel und der Hamas sieht.

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Laut Angaben der Deutschen Presse-Agentur (dpa) von Montagmorgen konnten seit Freitag 58 israelische Geiseln freikommen. Etwa 180 der im Zuge der Terrorakte von 7. Oktober Verschleppten sind noch immer im Gazastreifen unter der Gewalt der islamistischen Hamas gefangen. Im Gegenzug hat die israelische Regierung bisher insgesamt 177 palästinensische Häftlinge freigelassen.

Pizzaballa: Es gibt keinen absoluten Sieg

Zu der Befreiung erster israelischer Geiseln bemerkte Pizzaballa: „Die Tatsache, dass eine Einigung über die Freilassung zumindest eines Teils der Geiseln erzielt wurde, ist positiv, denn bis jetzt war der einzige Kommunikationskanal der militärische.“ Diese Ereignisse seien ein „ein erster Schritt zur Entspannung der internen und der internationalen Lage“ auf dem Weg, auch „andere als militärische Lösungen in Angriff zu nehmen“. Durch diese „Lösungen“ hoffe er auch eine „Beendigung des Konflikts“, so der Patriarch.

Denjenigen, die in den Verhandlungen selbst eine gewisse Art der Niederlage sehen, antwortete er, dass Frieden in der Lösung des Konfliktes „kein absoluter Sieg sein“ könne. Eindeutig bleibe, „dass die Lösung nicht allein dem Militär überlassen werden kann“. Deshalb müsse die „Politik die Situation wieder in die Hand nehmen“, um „Perspektiven“ zu geben, „weil das Militär sie nicht hat“. Der Geiseldeal, der in Israel seit Freitagmorgen umgesetzt wird, sei notwendig um die „Wege für politische Perspektiven für Gaza nach diesem Krieg zu beginnen".

Auch die Bewohner des Gazastreifens bräuchten diese Perspektive dringend, erklärte Pizzaballa. Ansonsten könne es etwa keine Rückkehr in die Häuser im Norden geben, die viele vor Beginn der israelischen Bodenoffensive verlassen mussten: „Einige wollen zurückkehren, weil die Situation selbst im südlichen Gazastreifen, wo Millionen von Menschen zusammengepfercht sind, nicht einfach ist.“  Selbst die wenigen Christen des Gazastreifens, „die in einem kleinen Kirchengelände eingeschlossen sind, können es kaum schaffen.“ Nach Kardinal Pizzaballa bedeute dies: Solange es keine klare politische Perspektive und keine Klarheit über die nächsten Schritte gebe, sei eine Rückkehr "nicht möglich und kann sogar gefährlich sein“.

„Es ist sinnlos, die Äste abzuschneiden“

Den Terrorismus aus dem Gazastreifen und die Ideologie der Hamas zu bekämpfen ist laut dem Patriarch „nicht einfach“. Die nationale Perspektivlosigkeit unter den Palästinensern füttere die herrschende Ideologie: „Dieser Krieg ist ein klares Zeugnis dafür, dass die beiden Völker nicht zusammenleben können, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt.“ Indem man den Bewohnern des Gazastreifens „klare, definierte, präzise“ Perspektiven eröffne, könne man „die Wurzeln“ des Terrorismus kappen. "Es ist sinnlos, die Äste abzuschneiden, denn die können nachwachsen“, so Pizzaballa.

Der Kardinal erinnerte: „Die Hamas ist auch eine religiöse Ideologie.“ Deshalb dürfe der interreligiöse Dialog nicht vernachlässigt werden, um eine Zusammenarbeit zu stärken, die „nicht auf Hass ausgerichtet“ sei. Dies beginne für Christen im Gebet für die Gläubigen vor Ort und setze sich fort in materieller Unterstützung, „einschließlich humanitärer Hilfe“. Ein weiterer wichtiger Aspekt für Patriarch Pizzaballa: „Wir sehen, dass es starke Spaltungen in der Welt gibt, einer gegen den anderen. Es scheint fast so, als sei es unmöglich, beide Seiten zu lieben. Ich denke, es ist wichtig, dass wir als Christen auch in unserem Diskurs klar sind, aber nicht exklusiv. Die Dinge beim Namen nennen, in ihrer Wahrheit, und gleichzeitig versuchen, die Beziehungen zu allen offen zu halten.“ DT/jmo

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