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Die neue Sehnsucht nach dem Feind

Protest ist Element der lebendigen Demokratie. Aber die Flucht in Feindbilder ist gefährlich.
Bauernproteste
Foto: IMAGO/Tubal Sapkota (www.imago-images.de) | Entlang der Bauernproteste definieren und sortieren sich Freund und Feind politisch neu.

„Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.“ Nein, es ist wahrlich nicht der alte Heinz-Rühmann-Gassenhauer, der aktuell auf Deutschlands Straßen erklingt. Eher schon so: „Ein Feind, ein guter Feind …“ Die Deutschen sind in den Jahrzehnten nach dem Krieg harmoniesüchtig geworden. Hauptsache die Kasse stimmt. Der stetig wachsende Wohlstand für alle dimmte die politische Streitwut.

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Wer schaffen will, hat keine Zeit zum Disputieren. Doch seit einiger Zeit schon ist das anders: Es gibt eine neue Sehnsucht nach dem Feind. Warum ist das so? Man muss gar nicht bis zu Carl Schmitt gehen. Der hatte ja das Verhältnis zwischen Freund und Feind als einen Grundmotor für das politische Leben beschrieben.

Wer sind wir? 

Es ist viel banaler. Die Definition des Feindes hilft in der Identitätskrise. Die Menschen wissen nicht mehr so recht, wer sie sind – das gilt übrigens für alle weltanschaulichen Gruppen. Und darunter leiden sie. Die, die ihre Feindbilder zeichnen, wähnen sich im Kampf, sie stilisieren sich zu mutigen Rittern. In Wirklichkeit aber suchen sie Entlastung. Die Abgrenzung vom Feind befreit von der Aufgabe, zu bestimmen, wer man selbst ist. Die Identitätsfragen lösen die anderen. Ich bin nicht so wie der. Das reicht. 

Politik lebt von Streit. Eine lebendige Demokratie zeichnet sich durch eine lebhafte und leidenschaftliche Streitkultur aus. Polemik ist erlaubt, oft sogar notwendig. Deswegen ist es zu billig, wenn jetzt die vollkommen berechtigten Proteste von Bauern pauschal als latent extremistisch diffamiert werden sollen. Neben der heißen Debatte über die Sachfragen läuft eben auch immer dieser Prozess der Feindbild-Suche ab.

Lager sortieren sich

Die Bauern-Proteste werden so zu einem Feld, wo sich politische Lager neu sortieren. Das Verbindende ist nicht mehr die weltanschauliche Basis, sondern der gemeinsame Feind. Ein gemeinsames Feindbild eröffnet auch Querfrontbildungen zwischen links und rechts. Diese Entwicklungen können schwer gesteuert werden. Aber ein erster Schritt wäre schon: genau hinschauen. Und natürlich nicht vergessen: Wir sollen unsere Feinde lieben. 

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