Freiburg/Schweiz

Die Anthroposophie: Esoterisch und gut vernetzt

In der Corona-Krise gerieten Anthroposophen wegen Protesten und Verschwörungstheorien in die Schlagzeilen. Der Religionswissenschaftler Helmut Zander spricht über das Netzwerk der Esoteriker, ihre Abneigung gegen das Impfen und Schnittmengen zwischen Katholizismus und Anthroposophie.
Dritte Demonstration der "Querdenken"-Initiative
Foto: Christoph Schmidt (dpa) | Teilnehmer einer Demonstration der "Querdenken"-Initiative auf dem Stuttgarter Schlossplatz.

Der Religionswissenschaftler Helmut Zander bezeichnet die Anthroposophie in der fluiden deutschen Esoterik-Szene als ausgesprochen „stabilen Faktor“. Anthroposophen glauben an eine geistige Welt, die man mit übersinnlichen Mitteln erkennen kann. Die Lehre geht auf den österreichischen Esoteriker Rudolf Steiner zurück, der auch als Begründer der Waldorfschulen gilt. Steiners Anhänger rekrutierten sich vor allem aus den „bildungsbürgerlichen Milieus“.

Wegen Problemen in den Negativschlagzeilen

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Anthroposophische Einrichtungen gerieten heute vermehrt wegen Problemen in die Negativschlagzeilen, so Zander im Gespräch mit der Tagespost, „wenn sie zu Steiners rassistischem Denken keine glasklare Abgrenzung hinbekommen, wenn autoritäre Tendenzen in Waldorfschulen aufgedeckt werden oder Anthroposophen sich als Verschwörungstheoretiker outen“. 

Hinter der Affinität zu Verschwörungstheorien stünde womöglich die tiefsitzende Überzeugung, dass es eine geheime Geschichte gebe, vermutet Zander. „Dieser ganze Komplex von undurchschaubarem Wissen, von okkult operierenden Gemeinschaften, von Eingeweihten, die nur geeignete Schüler einweihen, all das gehört zur DNA der Anthroposophie.“ Das gelte nicht für alle Anthroposophen, aber doch für „eine nicht unbeträchtliche Gruppe“. 

In der Corona-Krise waren anthroposophische Kreise mehrfach an Protesten gegen staatliche Maßnahmen beteiligt. Anthroposophen wehren sich häufig gegen den „Impfzwang“. Zander erklärte, dass dies historische Gründe habe, die im herrschenden Zeitgeist zu Steiners Zeiten zu suchen seien. „So manche Anthroposophen, darunter auch anthroposophische Mediziner, sind in Sachen Impfung nicht in der Gegenwart angekommen und dogmatische Impfverweigerer.“

Schnittmengen zwischen Katholizismus und Anthroposophie

Anthroposophische Einrichtungen seien vielfach miteinander vernetzt. „Anthroposophische Banken finanzieren den Bau von Waldorfschulen, anthroposophische Stiftungen sind von zentraler Bedeutung für die Universität Witten-Herdecke und andere anthroposophische Hochschulen, dort wiederum greift man bereitwillig zu Demeter-Produkten, und der Schularzt, den Waldorfschulen in der Regel haben, ist dann gerne ein Anthroposoph.“

Zander weist zudem auf Schnittmengen zwischen Katholizismus und Anthroposophie hin. „Für Steiner waren die Wirkungen der geistigen Welt real, „objektiv“. Wirkungen der geistigen Welt können, so glaubte er, Möhren besser wachsen lassen oder Menschen heilen oder sich in Sakramenten manifestieren.“ Hans Urs von Balthasar und Robert Spaemann hätten sich intensiv mit dem zum Katholizismus konvertierten Anthroposophen Valentin Tomberg beschäftigt. „Spaemann hat unter Tombergs Einfluss zeitweilig angenommen, im Neuen Testament gebe es die Reinkarnationslehre. Von Balthasar hat diese Auffassung abgelehnt, empfahl aber Tombergs Auslegung der Tarot-Karten als spirituelle Lektüre.“  DT/mga

Wie die Anthroposophie die fluide deutschen Esoterik-Szene beeinflusst: Lesen Sie das ausführliche Interview mit dem Religionswissenschaftler Helmut Zander in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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