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Der Libanon kollabiert

Aus dem europäischsten Land der arabischen Welt droht das westlichste Land der schiitischen Welt zu werden.
Krise im Libanon
Foto: Marwan Naamani (dpa) | Ein Junge wühlt in der Hamra-Straße in Beirut neben einem Müllcontainer mit dem Logo des US-Fastfood-Riesen McDonald's im Müll.

Der Libanon taumelt dem Zusammenbruch seiner Staatlichkeit entgegen. Am Wochenende brach die Stromversorgung zusammen, im Land herrschte ein totaler Blackout. Das westlichste, einstmals wohlhabendste Land der arabischen Welt ist seit der Explosion im Hafen von Beirut im August 2020 vom Staatskollaps bedroht, doch nie zuvor war es ihm so nahe wie in diesen Tagen. Der Libanon befindet sich in der tiefsten wirtschaftlichen und sozialen Krise seiner Geschichte.

Emigration als Alternative der arabischen Christen

Erstaunlich ist nur, wie wenig dieses Drama an der Levante die europäische Öffentlichkeit bewegt. Politik und Medien in Europa scheinen zu sehr mit den eigenen Sorgen und Nöten beschäftigt, um noch einen Blick über den Tellerrand hinaus zu schaffen. Dort, am östlichen Rand des Mittelmeeres bahnt sich der Zusammenbruch des Libanon an. Das Land der Zedern, das traditionell nach Westen blickt, wird nicht nur durch Korruption und eine dysfunktionale Staatlichkeit zersetzt, sondern auch von außen destabilisiert. Im Süden des Landes dominiert die Hisbollah, eine schiitische Partei und militärische Größe, deren Loyalität dem Iran gilt. Jenseits des Abgrunds, dem der Libanon nun nahe ist, leuchtet ein gefährliches Irrlicht auf: Aus dem europäischsten Land der arabischen Welt könnte allzu leicht das westlichste Land des schiitischen Halbmonds werden.

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Im Vatikan ist man sich der Dramatik der Lage bewusst. Papst Franziskus kündigte schon auf dem Rückflug aus dem Irak am 8. März 2021 einen Besuch im Libanon an. Der vatikanische „Außenminister“, Erzbischof Paul Richard Gallagher, will in den nächsten Tagen nach Beirut reisen. Angesichts des wirtschaftlichen und humanitären Desasters und des Totalversagens der politischen Klasse ist der Patriarch der mit Rom unierten Maroniten, Kardinal Bechara Boutros Rai, die letzte unumstrittene moralische Autorität im Lande.

Anders als in den Hauptstädten Europas weiß man im Vatikan: Wenn der Libanon untergeht, scheitert die einzige arabische Demokratie, in der die Christen eine gleichberechtigte, durch die Verfassung gesicherte Rolle genießen. Und wenn der Libanon den sehnsuchtsvoll hoffenden Blick nicht mehr nach Europa, sondern nach Osten richtet, dann bleibt den arabischen Christen nur der individuelle Weg nach Westen: die Emigration.

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Stephan Baier

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