Nahost

Der Libanon leidet

Erlebnisbericht aus dem Libanon. Das Land steckt in einer schlimmen Wirtschafts- und Bankenkrise, die Versorgung der Bevölkerung ist zusammengebrochen. Ein Staat am Abgrund.
Proteste gegen Benzinpreiserhöhungen im Libanon
Foto: Marwan Naamani (dpa) | Proteste gegen die angestiegenen Benzinpreise: Zwei Männer posieren für ein Selfie vor brennenden Reifen, die eine Hauptstraße in Beirut blockieren.

Als ich Mitte Oktober erstmals nach einer längeren, durch die Pandemie erzwungenen Pause wieder in den Libanon aufbrach, wusste ich nicht, was mich dort erwarten würde. Ich habe das kleine Land an der Ostküste des Mittelmeeres im Rahmen meiner humanitären Tätigkeit (zunächst für das Österreichische Jugendrotkreuz, dann als Nahostkoordinator der Caritas Österreich und seit 2019 für die Initiative Christlicher Orient/ICO) in den vergangenen drei Jahrzehnten fast 150 Mal besucht, zuletzt im Februar 2020, unmittelbar vor Beginn der Pandemie, sodass mir das Land fast zur zweiten Heimat wurde. Alle Partner und Freunde, mit denen ich während der vergangenen zwanzig Monate per WhatsApp kommunizierte, hatten mich darauf vorbereitet, dass ich das Land kaum wiedererkennen würde.

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Schlimmste Krise

Die aktuelle Wirtschafts- und Bankenkrise – laut der Weltbank eine der weltweit schlimmsten Wirtschaftskrisen seit Mitte des 19. Jahrhunderts – habe drastische Auswirkungen auf das Land und seine Bewohner. Laut den Vereinten Nationen leben mittlerweile vier von fünf Libanesen unter der Armutsgrenze. Seit ich plante, wieder in den Libanon zu reisen, wurde ich von unzähligen Bekannten aus dem Libanon mit Anfragen bombardiert: Ob ich dieses oder jenes Medikament mitbringen könne, da es im Land nicht mehr erhältlich sei (ich trat meine Reise mit 35 Kilo gespendeter Medikamente im Gepäck an), und ob man mich treffen könne, um abzuklären, ob eine Auswanderung nach Europa möglich sei und ich dabei behilflich sein könnte. Da dies natürlich nicht der Fall ist, musste ich solche Anfragen leider ablehnen.

Am Flugplatz wurde ich von einer Projektpartnerin in Empfang genommen. Die nächtliche Fahrt durch die Hauptstadt Beirut und weiter bis hinauf zu meinem Quartier im Haus St. Josef der Barmherzigen Schwestern in Ajeltoun, einer Ortschaft im Libanongebirge, 30 Kilometer nördlich von Beirut, ist beklemmend. Früher war Beirut auch zu später Stunde hell erleuchtet, das Leben pulsierte fast rund um die Uhr. Nun liegen ganze Stadtteile – besonders im christlichen Ostteil Beiruts – und viele Ortschaften völlig im Dunkeln.

Kaum Verkehr

Auch der früher selbst in der Nacht rege Verkehr fehlt. Meine Begleiterin berichtet, dass es von staatlicher Seite nur noch ein bis zwei Stunden Strom am Tag gebe, dass sich wegen der Wirtschaftskrise viele Menschen die seit langem üblichen Abonnements für private Notstromgeneratoren nicht mehr leisten können. Fast alle Tankstellen sind geschlossen. Ebenso unzählige Restaurants und Geschäfte, auch von bekannten Marken.

Die gegenwärtige Wirtschaftskrise habe den Lebensstil im Land komplett verändert, erzählt meine Begleiterin. Die Libanesen galten als überaus gesellig. Es war früher an der Tagesordnung, Angehörige, Freunde oder Bekannte zu besuchen oder selbst Besucher zu empfangen. Nun aber würden die Menschen kaum noch ausgehen oder jemanden einladen, da man aus Geldmangel nicht wisse, was man als Geschenk mitbringen und was man Gästen anbieten sollte.

Energie fehlt

Gedanklich stellte ich mich darauf ein, mein Gepäck bei Kerzenlicht auszuräumen. Aber in dieser Hinsicht war ich im Vergleich zu großen Teilen der libanesischen Bevölkerung privilegiert: Dank einer Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Hauses St. Josef, von großen Batterien zum Speichern des Stroms und eines Notstrom-Generators (für den die ICO den Treibstoff finanziert), gab es in meinem Zimmer immer Licht und warmes Wasser. Das ist wegen der Kinder im Internat auch nötig. Aufgrund der extremen Teuerungen bei Lebensmitteln und praktisch allen Bedarfsgütern des täglichen Lebens, und der ausbleibenden Unterstützung durch die Regierung – die staatlichen Subventionen für das Internat sind seit drei Jahren ausständig –, musste die Zahl der internen Kinder von mehr als 65 im Vorjahr auf aktuell nur noch 28 reduziert werden.

Mehr können angesichts der exorbitant hohen Preise und unzureichender Mittel einfach nicht verpflegt und versorgt werden, wie mir Internatsleiterin Marie Ghia versichert. Der Schulbetrieb wäre ohne die Unterstützung durch die ICO und andere kirchliche Partnerorganisationen in Form von Bildungspatenschaften oder auf Projektbasis kaum durchzuführen. Für die nahe Zukunft angedacht wird nun sogar eine Schulspeisung, deren Finanzierung man sich von der ICO erhofft. Inzwischen nimmt man an, dass jedes dritte Kind im Libanon abends hungrig zu Bett geht.

Treibstoff ist knapp

Lange vor meiner Ankunft hatte man Treibstoff gehortet, sogar flaschenweise gekauft, damit ich mich bei meinem Besuch fortbewegen kann. Es hatte schon Perioden gegeben, in denen überhaupt kein Treibstoff verfügbar und alle Tankstellen geschlossen waren. Sobald einige wieder öffneten, bildeten sich sofort lange Schlangen. Manche Libanesen stellen sich um zwei oder drei Uhr morgens in der Schlange an, um Stunden später Treibstoff zu bekommen – oder manchmal auch nicht. Geschäftstüchtig wie die Libanesen sind, überrascht es mich nicht, zu hören, dass es Leute gab, die sich anstellten, um dann den Platz in der Schlange teuer weiterzuverkaufen. Einmal während meines Aufenthalts wird ein Angestellter des Hauses zur Tankstelle geschickt, um aufzutanken, als es gerade einmal wieder Treibstoff gibt. Die Rechnung beträgt 900 000 libanesische Pfund, etwa so viel wie der Monatsverdienst dieses Angestellten.

Während man früher für jede Fahrt zu einem Termin in der Hauptstadt wegen der alltäglichen Staus und ständig verstopfter Straßen viel Zeit einplanen musste, erreicht man in diesen Tagen jeden Punkt der Stadt in kürzester Zeit. Das Verkehrsaufkommen hat drastisch abgenommen, da für viele Autofahren einfach unerschwinglich geworden ist – in einem Land, in dem es so gut wie keine öffentlichen Verkehrsmittel gibt. So sieht man heute erstmals viele Leute, die zu Fuß irgendwohin unterwegs sind, in einem Land, dessen Bewohner früher dafür bekannt waren, dass sie selbst den Weg zur Bäckerei um die Ecke mit dem Auto zurücklegten. Bei der Fahrt durch Beirut sieht man immer noch viele eingerüstete Gebäude, deren Renovierung nach den verheerenden Schäden der Explosionskatastrophe vom 4. August 2020 noch nicht abgeschlossen ist.

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Mahnmal im Hafen

Das völlig zerstörte riesige Getreidesilo im Hafen von Beirut ist immer noch das traurige Mahnmal an diese schreckliche Katastrophe, die mindestens 207 Menschen das Leben kostete. Darunter auch Schwester Sophie, eine mir persönlich bekannte, aus dem Iran stammende Barmherzige Schwester. Etwa 6 500 Menschen wurden verletzt, fast 300 000 obdachlos. 20 Prozent der Fläche dieser Millionenstadt wurden binnen Sekunden in eine Trümmerwüste verwandelt.

Auch viele Krankenhäuser und Schulen waren damals betroffen. Ihre Reparatur oder ihr Wiederaufbau konnte aus Geldmangel vielfach noch immer nicht vollständig abgeschlossen werden. Umso mehr freut mich der Besuch im Kinderheim St. Charles der Barmherzigen Schwestern mit angeschlossener Schule für über 600 Kinder im Christenviertel Achrafieh, dessen vollständige Reparatur die ICO im Vorjahr als österreichisches Leuchtturmprojekt erfolgreich realisieren konnte.

Der „Priester der Straße“

Besonders schockierend ist für mich, erstmals Menschen aller Altersgruppen – Kinder wie ältere Menschen – zu sehen, die in Abfallcontainern nach Verwertbarem suchen. Das seien nicht alles syrische Flüchtlinge, sondern auch bedürftige Libanesen, sagt man mir. Angesichts dieser Eindrücke versteht man die Bedeutung von Projekten, wie jenes des maronitischen Priesters Hany Tawk, der sich selbst als „Priester der Straße“ bezeichnet.

Nach der verheerenden Explosionskatastrophe in der libanesischen Hauptstadt war es ihm ein persönliches Anliegen, jenen Menschen zu helfen, die durch die Katastrophe obdachlos geworden waren. So begann er zusammen mit seiner Frau – zunächst noch bei sich zu Hause –, täglich 60 warme Mahlzeiten zuzubereiten und an die Opfer der Katastrophe zu verteilen. Später „okkupierte“ er eine leer stehende Lagerhalle in der Nähe des Explosionsortes, scharte Freiwillige um sich und legte so den Grundstein für die „Cuisine de Marie“, eine Suppenküche, die inzwischen täglich bis zu 850 warme Mahlzeiten verteilt.

Jeder kann ohne Anmeldung hierher kommen, gleich ob Libanese, Migrant oder Flüchtling, ob Christ oder Muslim. Den Menschen, vor allem der jüngeren und gut ausgebildeten Generation, fehlen die Zukunftsperspektiven in diesem Land am Abgrund, wo man nie weiß, welche Katastrophen der nächste Tag bringen wird. Die Auswanderung ist deshalb sehr hoch, was natürlich einen gewaltigen Verlust für das Land darstellt. Für jene, die trotz allem an ihrer Heimat festhalten wollen, gilt wohl jener Satz, den ich auf einer Plakatwand in der Schule St. Josef in Ajeltoun entdecke: „L?éspoir est ce qui nous fait tenir“ – Die Hoffnung hält uns aufrecht.


Der Autor ist Projektkoordinator der Initiative Christlicher Orient (ICO).

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