Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Neue Studie

Christenverfolgung ist komplexer geworden

Krisen und Konflikte begrenzen die Religionsfreiheit zusätzlich, meint eine Studie aus dem österreichischen Bundeskanzleramt.
Kampf gegen Christenverfolgung
Foto: Karin Leukefeld (KNA) | Zu Wochenbeginn hat die „Stabstelle Internationaler Schutz verfolgter religiöser Minderheiten“ im Bundeskanzleramt einen „Monitoringbericht mit Fokus auf die weltweite Christenverfolgung“ im ersten Quartal 2026 ...

Weltweit sind aktuell rund 388 Millionen Christen von Verfolgung und Diskriminierung betroffen. Zu dieser traurigen Bilanz gelangt eine Studie, die nicht etwa von der Kirche oder von einer christlichen Nichtregierungsorganisation herausgegeben wird, sondern vom österreichischen Bundeskanzleramt. Dieses hat sich im Lauf der zurückliegenden Jahre eine erstaunliche Kompetenz im Bereich der weltweiten Religionsfreiheit erarbeitet, und es legt zudem seinen Schwerpunkt dort, wo Verletzungen der Religionsfreiheit am leichtesten übersehen werden – bei der Christenverfolgung.

Lesen Sie auch:

Zu Wochenbeginn nun hat die „Stabstelle Internationaler Schutz verfolgter religiöser Minderheiten“ im Bundeskanzleramt einen „Monitoringbericht mit Fokus auf die weltweite Christenverfolgung“ im ersten Quartal 2026 vorgelegt. Dessen Ziel ist es, „zentrale Entwicklungen sichtbar zu machen, die Christen in ihrer Religionsfreiheit einschränken, ihre Sicherheit beeinträchtigen oder zu Vertreibung, Diskriminierung und struktureller Benachteiligung führen“.

Lokale Konflikte, extremistische Gewalt und strukturelle Diskriminierung in Syrien

In Syrien gebe es „zwar keine flächendeckende staatliche Verfolgung, doch lokale Konflikte, extremistische Gewalt und strukturelle Diskriminierung“, heißt es da ungeachtet aller internationalen Auftritte des neuen Machthabers Ahmed al-Sharaa. Die Situation der syrischen Christen sei angespannt und bedrohlich. Im Irak bedrohten Milizen und terroristische Gruppen die religiösen Minderheiten, die zugleich rechtlich eingeschränkt und vom Staat unzureichend geschützt seien. Der sunnitische „Islamische Staat“ (IS) verübe noch einzelne Anschläge, doch gehe die Hauptbedrohung für die Christen im Irak heute von schiitischen Milizen aus, die von Teheran unterstützt werden.

Christen seien zudem gezielten Repressalien, Erpressung und illegaler Enteignung ausgesetzt; im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt würden sie diskriminiert. Wörtlich heißt es in dem Bericht: „Christliche Frauen sind verstärkt gesellschaftlichem Druck und Gewalt ausgesetzt, während Männer insbesondere wirtschaftliche Nachteile und gezielte Übergriffe erfahren.“ Beides verstärke die Abwanderung der Christen.

Im Iran würden „Konvertiten durch das theokratisch-autoritäre Regime systematisch verfolgt“. Religionswechsel würden kriminalisiert, Betroffene überwacht und hart bestraft. Und wörtlich: „Politische Krisen und militärische Konflikte verschärfen die Repressionen zusätzlich und begrenzen die Religionsfreiheit massiv.“ Auch die Analyse, dass die derzeitige Lage „nicht als nachhaltige Deeskalation zu bewerten“ sei, sondern eher als „instabile Unterbrechung eines weiterhin hochvolatilen Konflikts“, hat viele Argumente auf ihrer Seite. Der Irankonflikt wirke als „Katalysator bestehender Verfolgungs- und Gefährdungslagen“; er habe die Lage der christlichen wie auch anderer religiöser Minderheiten in mehreren Staaten verschlechtert.

Der iranische Staat habe ab 2025 die systematische Verfolgung nicht-schiitischer Minderheiten verstärkt. Die christliche Glaubenspraxis werde von den Behörden als Sicherheitsproblem behandelt. In Europa sei durch den Irankrieg die Terrorgefahr gewachsen: „Relevant sind dabei Verbindungen und Überschneidungen zwischen Elementen der sogenannten Achse des Widerstands, Akteuren der organisierten Kriminalität, Teilen der iranischen Diaspora in Europa und einzelnen extremistischen Milieus.“ Dabei blieben die Auftraggeber im Hintergrund, während jugendliche Täter „Gewalt als Dienstleistung“ verübten.

Asien als Hotspot religiöser Verfolgung

Der Bericht begrenzt seine Beobachtungen nicht allein auf muslimische Mehrheitsgesellschaften. Unter die Lupe genommen wird in Asien beispielhaft Myanmar (Burma), wo die Lage der Minderheiten durch den anhaltenden Bürgerkrieg und die Militärherrschaft seit 2021 massiv verschärft worden sei: „Sie sind systematischer Gewalt und gezielten militärischen Angriffen ausgesetzt, wobei sich religiöse Verfolgung eng mit ethnischen Konflikten überschneidet und der Staat selbst als zentraler Akteur der Repression auftritt.“

Auch in Indien habe sich der hindu-nationalistische Einfluss gemehrt, „wodurch insbesondere Christen vermehrt gesellschaftliche Gewalt und unzureichenden staatlichen Schutz erfahren“. Die Diskriminierung von Christen und Muslimen wachse, während Gewalt, Vandalismus und Angriffe auf religiöse Einrichtungen zunehmen.

Insgesamt zähle Asien heute „zu den globalen Schwerpunkten religiöser Verfolgung“. In Ostasien sei vielfach der Staat „der zentrale Akteur der Verfolgung, der religiöse Identität als Bedrohung für politische Stabilität betrachtet“, formuliert der Bericht, jedoch ohne China oder Nordkorea beim Namen zu nennen. In Südasien gehe es dagegen um gesellschaftliche Spannungen und religiösen Nationalismus. Davon seien in Indien etwa Christen und Muslime betroffen, in Bangladesch wiederum Hindus, Buddhisten und Christen. „Neben klassischer Gewalt wie Mord, Vertreibung oder Inhaftierung spielen heute auch Überwachung, rechtliche Diskriminierung und strukturelle Ausgrenzung eine große Rolle“, schreibt der Bericht zur Lage in Asien. Moderne Technologien ermöglichten eine immer engere Kontrolle religiöser Gruppen. „Die Verfolgung ist nicht nur intensiver geworden, sondern auch komplexer.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Bundeskanzleramt

Weitere Artikel

Steigende Kosten rücken die Eingliederungshilfe in den Fokus von Sparplänen. Doch welche Folgen hätten Kürzungen für Menschen mit Behinderung?
28.05.2026, 21 Uhr
Peer Brocke
Die Abgeordneten bestätigen den 45-Jährigen im Amt des Fraktionsvorsitzenden. Das heißt nicht, dass er geliebt wird. Aber er könnte eine Lücke füllen, die Friedrich Merz hinterlässt.
06.05.2026, 05 Uhr
Sebastian Sasse
Markus Söder stellt sich hinter die Berliner Ambitionen seiner Rivalin: Wird Ilse Aigner jetzt die nächste Bundespräsidentin?
27.04.2026, 20 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

Für einen neuen missionarischen Aufbruch: Das Stichwort „Mission“ lockt 850 Menschen nach Augsburg. Warum Christen mehr über Mission sprechen sollten und welche Werkzeuge sie brauchen.
22.06.2026, 08 Uhr
Matthias Chrobok
Anfang Juni fand in Lednica eines der größten christlichen Jugendtreffen in Polen und das größte regelmäßige Event dieser Art in Europa statt. 
18.06.2026, 12 Uhr
Meldung
Danke, Heiliger Geist! Die Krise der Kirche und die Negativschlagzeilen über Missstände können das Feuer, das viele Konvertiten und Taufbewerber mitbringen, nicht ersticken.
19.06.2026, 09 Uhr
Regina Einig
Das religiöse Angebot für Katholiken ist groß. Doch wer überall mit dabei sein will, läuft Gefahr, den Blick für das Wesentliche zu verlieren.
23.06.2026, 07 Uhr
Max Maletzki