Paris

Französischer Philosoph Brague warnt vor Geschichtsvergessenheit

Der oftmals ahistorische Umgang mit Ereignissen und Personen der Geschichte ist auch eine Folge des "Nicht-Verstehen-Wollens", meint der Philosoph Rémi Brague und tritt für ein entschlosseneres Handeln ein.

Symbolbild zur Debatte um die sogenannte Cancel Culture.
Symbolbild zur Debatte um die sogenannte Cancel Culture. Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de)

Denkmäler werden gestürzt, die Geschichte soll umgeschrieben und unliebsame Ereignisse oder Personen ganz gestrichen werden. Einer derartigen Geschichtsvergessenheit erteilt der französische Philosoph in einem Gespräch mit dem Magazin L’Incorrect eine Absage. Den Umsturz von Statuen bezeichnet er darin als „Torheit“. Diese bestehe darin, „eine Person oder eine Gruppe auf eine einzige Dimension zu reduzieren“. Wenn man dies konsequent zu Ende triebe, hätte man viel Arbeit: „Man müsste Mali umbenennen – das Land, das den Namen eines Sklavenreiches angenommen hat; man müsste daran erinnern, dass Spartacus in der von ihm gegründeten Stadt der geflüchteten Gladiatoren Sklaven besaß; man müsste aus den Werken von Marx löschen, was er über die Polen schrieb und so weiter“.

Zu einfach

Die schlimmste Torheit sei die „der Intellektuellen“, der „Halbgelehrten“ [Blaise Pascal], „die die unendliche Komplexität der Geschichte auf einen einzigen Faktor reduzieren: Klassenkampf, Herrscher und Beherrschte und nun Weiße gegen Schwarze“. Das sei natürlich einfach: Man brauche sich nicht in das Thema einzuarbeiten, sich nicht zu informieren und nicht die Geschichte zu studieren: Der einfache „Dummkopf bildet sich ein, alles verstanden zu haben. Ein Bemühen in moralischer Hinsicht – um ein bisschen weniger böse zu werden – ist dann auch nicht nötig: es genügt, eine bestimmte Hautfarbe zu haben (damals weiß, heute schwarz), oder sogar diese für sich zu beanspruchen, um sich auf der Seite der Guten zu wähnen“.

Der Barbar

Das Wort „Barbar“ ist, so erinnert Brague, zunächst eine Lautmalerei. Wenn man es mit jemandem zu tun habe, dessen Sprache man nicht versteht, meint man, er stoße unsinnige Töne aus, wie etwa „br, br“. So nannten die Griechen alle anderen Menschen Barbaren, die nicht „wie alle Welt“ griechisch sprachen. Damals hatte dieses Wort noch keine negative Konnotation (wild, brutal etc.), die es später angenommen hat. Die linguistische Dimension sei nur interessant, so Brague, wenn man zur ursprünglichen Bedeutung des Wortes Barbar zurückkehre: „Der Barbar ist nicht so sehr jemand, dem es nicht gelingt, sich einem als zivilisiert geltenden Zuhörer verständlich zu machen. Er ist eher jemand, der gar nicht erst versucht, etwas zu verstehen, einer, der nicht versteht, dass es da etwas zu verstehen gibt“.

Historische Fakten klären

Um unsere Zivilisation vor der Barbarei zu bewahren, hält Brague Folgendes für notwendig: „strenge Polizeimaßnahmen, um diese Denkmalstürze zu verhindern und diejenigen zu bestrafen, die sie betreiben“. Zudem sei es erforderlich, dass „sich diejenigen, die uns regieren, nicht von einem Zweifel über ihre eigene Legitimität lähmen lassen“. Manche legten „sogar ein gewisses Entgegenkommen gegenüber den Umstürzlern aller Art an den Tag. Man kann eine Statue nachts mit Graffiti besprühten, ohne sich dabei beobachten zu lassen. Doch wie lässt sich erklären, dass man manche Denkmäler umringt von einer Menschenmenge am hellen Tag ungestraft niederreißen kann?“ Weitere konkrete Maßnahmen seien: eine Vermittlung der Geschichte zu stoppen, „die diese auf eine Abfolge von Verbrechen reduziert“. Die historischen Fakten müssten darüber hinaus wieder in den internationalen Zusammenhang gestellt werden. Und wenn man schon Abbitte leiste, dann sollten wir uns „lieber an die eigene Brust schlagen als an die unserer Vorfahren, die sich nicht mehr verteidigen können …“.  DT/ks

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