Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht mindestens eines der US-Techunternehmen in den Medien steht. „Wo bleiben die deutschen Einhörner – oder zumindest die europäischen“, mag sich so mancher fragen. Global erfolgreiche Mittelständler gibt es, aber sie sind häufig eher im Business-to-Business-Bereich tätig und daher weniger in der Öffentlichkeit bekannt. Auch versuchen diese Unternehmen in der Regel nicht wie aktuell einige der großen US-Techkonzerne, ihre wirtschaftliche Macht zugleich zur politischen Beeinflussung zu nutzen. An diesem Punkt setzt auch die Kritik von Papst Leo XIV in „Dilexi Te“ an, wenn er kritisiert, dass „eine neue, unsichtbare, manchmal virtuelle Tyrannei entsteht, die einseitig und unerbittlich ihre Gesetze und ihre Regeln aufzwingt“.
Dennoch sollte man nicht alle Wirtschaftsunternehmen über einen Kamm scheren. Schließlich sind in den wenigsten Unternehmen die unternehmerischen Ziele auf eine solche „Tyrannei“ ausgerichtet. Ich plädiere daher für einen Perspektivwechsel in Politik und Forschung, um der Vielfalt des Unternehmertums gerecht zu werden. Natürlich ist es faszinierend, wenn neue Unternehmen mit ihrem Geschäftsmodell technologische Durchbrüche erzielen und rasant wachsen. Ich bestreite auch nicht, dass schnell wachsende und technologieorientierte Unternehmen in der heutigen Zeit mehr denn je notwendig für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sind.
Wir müssen es akzeptieren, wenn Unternehmen nicht wachsen möchten
Dennoch darf dies nicht zu einem einseitigen Verständnis von Unternehmertum führen. Im Gegenteil: Wir müssen es akzeptieren, wenn Unternehmen nicht wachsen möchten. Manche von ihnen zeichnen sich zwar durch erfolgreiche Innovationen aus, nicht jedoch durch bahnbrechende, neue technologische Produkte. Stattdessen tragen sie beispielsweise mithilfe von sozialen Innovationen dazu bei, die aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern.
Wir müssen es akzeptieren, wenn Unternehmen nicht wachsen möchten.
In unserem Umfeld finden sich viele Unternehmerinnen und Unternehmer wie Handwerker, Einzelhändler und Ärzte, die wichtig für unseren Alltag sind. Bewusst wird uns dies meist leider erst, wenn die letzte Familienmetzgerei oder -bäckerei im Ort schließt. Zugleich merken wir oft erst in diesem Moment, wie nahbar uns diese Unternehmerinnen und Unternehmer waren. Diese Nahbarkeit ist auch wichtig, um denjenigen Mut zu machen, die eine Geschäftsidee haben und erwägen, ein Unternehmen zu gründen.
Manch kleines Unternehmen mag vielleicht nur seine Gründerin oder seinen Gründer ernähren, ein anderes ist global tätig – zusammen genommen ist die mittelständische Wirtschaft jedoch für jede Volkswirtschaft und die Wahrung der Demokratie wichtig. Um einmal ein paar Zahlen zu nennen: In Deutschland geben die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) 54,4 Prozent aller abhängig Beschäftigten Arbeit – auch in wirtschaftlich schwachen Regionen. 68,4 Prozent aller Auszubildenden sind in diesen Unternehmen zu finden – und bieten den angehenden Fachkräften wichtige Zukunftsperspektiven.
Die Autorin ist Präsidentin des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) Bonn und Professorin an der Universität Siegen.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.











