Die Straße führt durch die sanften Hügel des nordöstlichen Peloponnes, vorbei an unzähligen Olivenhainen und Zitrusgärten. Dann erscheint die einstige Königsstadt Mykene auf einem Höhenrücken, wo sie wie eine Krone aus Stein über der Ebene liegt. Von dort oben reicht der Blick kilometerweit bis zum Meer. Zehntausende Besucher kommen Jahr für Jahr nach Mykene, die als eine der bedeutendsten archäologischen Welterbestätten Griechenlands gilt. Als Schlüsselort der mykenischen Kultur gehört Mykene zusammen mit der nahe gelegenen Festungsstadt Tiryns seit 1999 zum UNESCO-Weltkulturerbe. Mit ihren bis zu acht Meter dicken und stellenweise 12 Meter hohen Befestigungsmauern sind die wehrhaften Festungen eindrucksvolle Beispiele für die sogenannte zyklopische Bauweise. Noch heute umgibt die Ruinen etwas Geheimnisvolles. Antike Autoren berichteten über Mykene und Tiryns, die gigantischen Mauern mit ihren riesigen unbehauenen Steinblöcken seien durch übermenschliche Lebewesen errichtet worden – die Zyklopen. Wie die gewaltigen Mauern errichtet werden konnten, beeindruckt bis heute.
Beide Stätten sind eng mit den großen Epen des Dichters Homer aus dem achten Jahrhundert vor Christus verbunden – der Ilias und der Odyssee. Zur Entstehungszeit dieser Epen war die mykenische Kultur bereits mehrere Jahrhunderte zuvor untergegangen. Homer verwob überlieferte Heldengeschichten mit realen Begebenheiten und Erfundenem und hielt auf diese Weise die Erinnerung an die viel ältere Welt der Mykener literarisch wach. Seine Epen erzählen von einer Welt, in der Helden wie Agamemnon und Odysseus lebten – eine Welt zwischen Geschichte und Mythos. Mykene ist untrennbar mit dem Namen Agamemnon verbunden. In Homers Ilias, dem großen Epos über den Trojanischen Krieg, führt der sagenhafte König das griechische Heer vor Troja an. Ob Agamemnon tatsächlich gelebt hat, weiß man bis heute nicht. Doch für die Griechen der Antike war die Sache klar. Sie sahen in Mykene die Burg ihres legendären Herrschers und den Ausgangspunkt des Trojanischen Krieges.
Wer durch die Anlage geht, bekommt eine Vorstellung davon, wie mächtig Mykene einst gewesen sein muss. Die Stadt lag an einem strategisch wichtigen Punkt: Wichtige Wege durch den nordöstlichen Peloponnes und weiter nach Mittelgriechenland konnten von der Anhöhe aus kontrolliert werden. Von den abgebrannten Palastanlagen stehen heute nur noch die Grundmauern. Doch immerhin weiß man, dass die Bauten einst farbenprächtig ausgemalt waren. Der Machtanspruch der mykenischen Herrscher wird an dem berühmten Löwentor deutlich – jener Stelle, an der heute alle Besucher einen ersten Fotostopp einlegen. Der monumentale Haupteingang zu der antiken Stadt entstand vermutlich um 1250 vor Christus und gilt als eines der wichtigsten Bauwerke der griechischen Vorgeschichte. Über dem Tor stehen in einem Dreiecksrelief zwei aufgerichtete Löwen zu beiden Seiten einer zentralen Säule. Die Köpfe sind allerdings nicht erhalten – vermutlich waren sie aus einem anderen Material gefertigt und nach außen gerichtet. Das Relief zählt zu den ältesten seiner Art in Europa und war kein bloßer Schmuck, sondern eindrucksvolles Herrschaftssymbol. Besuchern wurde signalisiert, dass hinter diesen Mauern jemand Bedeutendes das Sagen hatte. Die mykenische Kultur ging um 1200 vor Christus unter. Kriege, innere Konflikte und der Zusammenbruch der internationalen Handelsbeziehungen dürften dazu beigetragen haben. Jahrhunderte später kam ein deutscher Kaufmann auf der Suche nach den Helden Homers in die Ruinenstadt: Heinrich Schliemann. 1876 begann er mit seinen Ausgrabungen.
Als Schliemann nach Mykene kam
Heinrich Schliemann hatte sein Vermögen für die Idee eingesetzt, die Schauplätze der homerischen Epen aufzuspüren. Der Pionier der frühen Archäologie glaubte fest an den Wahrheitsgehalt der griechischen Überlieferungen und war überzeugt, dass Troja und Mykene reale Orte waren. Nachdem er bereits in Kleinasien nach dem historischen Kern des Trojanischen Krieges gesucht und die Ruinen Trojas freigelegt hatte, wandte er sich Mykene zu. Als Orientierung nutzte er die „Beschreibungen Griechenlandes“ – eine Art antiker Baedeker des Reiseschriftstellers Pausanias, der die Ruinen Mykenes um 200 n. Chr. besucht und das Löwentor wie auch die Lage der sogenannten Schachtgräber beschrieben hatte.
Schliemann interessierte sich vor allem für Königsgräber. Dort vermutete er die Schätze der homerischen Helden. Mit den Beschreibungen des Pausanias in der Hand begann er seine Grabungen innerhalb der Akropolis von Mykene, wo er tatsächlich auf fünf Schachtgräber mit reichen Beigaben aus Gold stieß. Zu den spektakulärsten Funden gehörte eine goldene Totenmaske, die er sofort Agamemnon zuschrieb. Voller Begeisterung telegrafierte Schliemann an König Georg I., er habe in die Augen Agamemnons geblickt. Die Maske und viele weitere Goldfunde aus den mykenischen Königsgräbern gehören heute zu den Hauptattraktionen des Archäologischen Nationalmuseums in Athen.
Inzwischen weiß man, dass Schliemann sich irrte. Die Maske stammt aus dem 16. Jahrhundert vor Christus und ist damit mehrere Jahrhunderte älter als die Zeit, in der der Trojanische Krieg vermutlich stattgefunden hat. Und aus heutiger wissenschaftlicher Sicht war der Fund purer Zufall. Und doch lag Schliemann im Grunde richtig. Er hatte zwar nicht Agamemnons Grab gefunden – aber eine Welt, die viel älter war als die klassische griechische Antike: die Relikte einer bislang kaum bekannten Zivilisation, die zwischen dem 16. und 12. Jahrhundert vor Christus große Teile der Ägäis prägte. Allein die Goldfunde aus den Schachtgräbern waren mehrere Kilogramm schwer. Mit Schliemanns Ausgrabungen wurde diese Epoche erstmals einer breiten Öffentlichkeit bekannt.
Der Reichtum der Mykener
Die Argolis, jene fruchtbare Ebene zwischen Mykene und der Hafenstadt Nafplio, war in der Bronzezeit eine der wirtschaftlich und politisch bedeutendsten Regionen der mykenischen Welt. Ihre Herrscher errichteten monumentale Palastzentren, unterhielten internationale Handelsbeziehungen und hinterließen kunstvoll gefertigte Waffen, Rüstungen, Goldschmiedearbeiten und bemalte Keramik von herausragender Qualität. Öl, Wein und kunsthandwerkliche Produkte wurden exportiert, während Luxusgüter und wertvolle Rohstoffe wie Kupfer und Zinn zur Herstellung von Waffen aus fernen Regionen in die mykenischen Paläste gelangten. Während sich in Mykene Reisegruppen und Busse drängen, wirkt Tiryns fast beschaulich. Die etwas kleinere Stätte des gemeinsamen Welterbes ist nur wenige Kilometer entfernt und wird von vielen Besuchern übersehen. Dabei vermittelt gerade diese archaisch anmutende Festung Tiryns einen eindrucksvollen Eindruck von der Architektur der mykenischen Zeit. Die gewaltigen Mauern aus grob behauenen Steinblöcken wirken auch nach mehr als drei Jahrtausenden uneinnehmbar. Ein Rundweg führt durch die Anlage, bei der es sich wahrscheinlich um einen Zweitpalast des Herrschers von Mykene handelt.
Nur wenige Autominuten von der einstigen Palastanlage entfernt findet man das Tholosgrab von Tiryns. Verwitterte Hinweisschilder weisen den Weg. Die letzten Meter führen zu Fuß durch Orangenplantagen, bis wir vor dem monumentalen Kuppelgrab aus der Bronzezeit stehen. Ein stiller Ort ohne Menschenmassen inmitten einer duftenden Landschaft. Gerade die Abgeschiedenheit macht aus dem Besuch ein besonderes Erlebnis. Wer die Schätze der Mykener aus nächster Nähe erleben möchte, findet die wertvollsten in Athen, Schönes und Aufschlussreiches aber auch in den Museen der Argolis. Das Museum am Fuße der Ausgrabungsstätte in Mykene zeigt zahlreiche Originalfunde, das Archäologische Museum von Nafplio erschließt die Geschichte der gesamten Region. Alle Fundstücke zusammen erzählen von einer hochentwickelten bronzezeitlichen Kultur, die weit über die Mauern von Mykene hinausstrahlte.
Die Autorin ist Journalistin und Kunsthistorikerin.
Jetzt die „Tagespost“ abonnieren und nichts mehr verpassen.









