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Mit einem PS zur Kirche

Vertreibung, Flucht, Neuanfänge. So liest sich seit Jahrhunderten die Geschichte der Mennoniten. Einige Glaubensgemeinschaften bauten sich in Mittelamerika eine neue Existenz auf. Ortsbesuche in Belize und Mexiko.
Der Pferdekarren ist bis heute das Transportmittel für den Mennoniten Abram Neufeld, der in der Gemeinschaft von Indian Creek in Belize lebt.
Foto: Andreas Drouve | Der Pferdekarren ist bis heute das Transportmittel für den Mennoniten Abram Neufeld, der in der Gemeinschaft von Indian Creek in Belize lebt.

Irre Berechnung von Statistikprofessor: In diesem Land wird in 90 Jahren Deutsch gesprochen!“ So titelte vor kurzem die Bild-Zeitung über die Prognose eines Wissenschaftlers, der sich mit der demografischen Entwicklung in Bolivien befasst hatte. Die Rede ist von der deutschsprachigen Gemeinschaft der Mennoniten, von denen viele auch in Belize und Mexiko leben.

In Belize zeigen sich Bilder, die vor Klischees nur so strotzen: Männer mit Strohhüten, Latzhosen und Rauschebärten. Frauen und Kinder in altmodischer Kleidung. Pferdekarren, die über einsame Pisten rumpeln und Staub aufwirbeln. In seinem Einspänner hält Abram Neufeld (55) die Zügel fest in der Hand. Er ist Mennonit, lebt in der Gemeinschaft Indian Creek im Norden von Belize, besitzt Ländereien, betreibt Schweine- und Rinderzucht. Die Mennoniten versorgen Teile des Landes mit Fleisch, Milch, Käse, Soja, Mais. Trotzdem sind sie Randfiguren der Gesellschaft – und wollen vielfach überhaupt nicht integriert sein. Hier und andernorts schotten sie sich ab, um ihre Identität zu bewahren, ihre Traditionen und Bräuche, die Erziehung und die Bildung in den eigenen Schulen. Sie sind überzeugte Pazifisten und evangelische Freikirchler, die Waffendienst und Kindstaufe ablehnen. Ihre Religion und Bibeltreue, ihr Lebensstil und Alltag sind vielen Fremden suspekt. Wenn sie miteinander reden, wie die Neufelds daheim, versteht das außerhalb der Gemeinschaften niemand. Es ist Plautdietsch, eine vor Jahrhunderten entstandene Mischsprache mit Elementen aus Ostniederdeutsch und Niederländisch. Das wirft ein Licht auf die lange, wechselvolle Historie.

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Vertreibung, Flucht, Neuanfänge. Gravierende Richtungswechsel prägten die Geschichte der Mennoniten, die auf die radikalen Täuferbewegungen aus der Reformationszeit zurückgehen. Namensgeber war der friesisch-niederländische Theologe Menno Simons (1496–1561). Den Herrschenden stets ein Dorn im Auge, wanderten viele Mennoniten aus Zentraleuropa ostwärts ins heutige Polen und dann nach Russland ab. Dort wurde es ihnen spätestens zu Beginn der 1920er-Jahre zu heiß. Auswanderungswellen verschlugen die Mennoniten aus der neugegründeten Sowjetunion in die USA und Kanada, von dort zogen manche weiter nach Mittel- und Südamerika. Dort machten sie in Ländern wie Mexiko, Paraguay und Bolivien die schwer bearbeitbare Erde urbar, denn sie besaßen großes Talent in der Landwirtschaft. Unbändiger Fleiß und Durchstehvermögen gehörten dazu. Die Befreiung von der Wehrpflicht war entscheidend. In Paraguay versprach man Neusiedlern zudem Ochsen, Kühe und Hühner.

Debatten um den Fortschritt

Abram Neufeld sitzt auf dem Kutschbock und treibt seinen Schimmel „Pence“ an. Unterwegs kramt er in seinen Erinnerungen. Die Vorfahren stammten auch bei ihm aus Russland. Die Großeltern wurden in Kanada geboren, Vater und Mutter in Mexiko. So wie er. Als er vier war, trafen die Eltern mit anderen Emigranten in Belize ein und bauten sich als Farmer eine neue Existenz auf. Daran knüpfte Neufeld an. Er heiratete, wurde elffacher Vater. Doch in Zukunft will er weg und ist bereit, sich zu entwurzeln. Im südamerikanischen Surinam will er in einer althergebrachten Gemeinschaft wieder Fuß fassen, nachdem es ihm hier zu fortschrittlich geworden ist.

Die Neufelds haben keinen Fernseher, kein Radio, kein Internet, kein Auto. Nur einen altersschwachen Traktor, aber da geht bei Herrn Abram, der makellos Englisch spricht, bereits die Debatte um zu viel Fortschritt los. Für ihn darf ein Traktor nur Stahlräder haben, keine gummierte Bereifung. Ebenso tabu sind Solarpaneele auf Häusern, Mobiltelefone, Geländewagen. Über diese kontroversen Ansichten zerbricht die hiesige Gemeinschaft aus 200 Mennoniten-Familien, bedauert er. Etwa die Hälfte setzt mittlerweile auf eine modernere Entwicklung.

Die Spaltungen bei den Mennoniten sind nicht neu. Es ist nie eine homogene Einheit gewesen. Zudem gibt es kein religiöses Oberhaupt, das den Weg weist. Neufeld steht dazu, ein konservativer Hardliner zu sein. Umso mehr erstaunt, dass er offen auf Fragen eingeht. Was wäre, wenn die jüngste Tochter (15) einen Nicht-Mennoniten heiraten möchte? „Ich würde es verbieten, bis sie 18 Jahre alt ist. Danach könnte sie gehen“, so die Antwort. Trinkt er Alkohol? „Ja, gelegentlich ein Bier.“ Außerdem liebt er eiskalte Cola. Zuhause besitzen sie einen Kühlschrank, eine Gefriertruhe, eine Waschmaschine. Und wenn es mit Surinam klappt, würden sie den Hausstand verschiffen und ein Flugzeug nehmen. Inkonsequent? Mag sein, aber er kann schlecht mit „Pence“ tausende Kilometer nach Surinam holpern.

Mit einem PS ruckelt Neufeld bis zur Kirche der Gemeinschaft, die er mit eigenen Händen erbaut hat. Davor auf einer Wiese liegt der Parkplatz: mit Pflöcken, um am Sonntag beim Gottesdienst die Pferde der Fuhrwerke anzuleinen. Die Zubereitung des Mittagessens basiert auf traditioneller Rollenverteilung. Die Küche ist Frauenterrain. Auf den Tisch kommt ein deftiges Landgericht. Nudeln, Mais, Cremesauce, hausgemachte Würste. Letzte Woche hat die Familie drei Schweine geschlachtet. Heute verkauft Herr Abram Mangos zum Abholpreis; wer kommt, muss sie selber ernten.

„Gemeinde Gottes“ im Norden Mexikos

Szenenwechsel. Die Reise führt in den Norden Mexikos nach Chihuahua. Dort stammten die Eltern Neufelds her. Verwundert reibt man sich die Augen. „Gemeinde Gottes“, steht auf Deutsch vor einer Schule. Ein Stück weiter kündigt ein Plakat einen „Vieh-Ausruf“ an. Hier, um die Stadt Cuauhtémoc, siedelten ab 1922 Mennoniten, die aus Kanada emigriert waren. Heute liegt die Größenordnung bei etwa 30.000 Zugehörigen.

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Eine von ihnen ist die junge Ashley Yared Loewen, die am Rand von Cuauhtémoc durch das Mennoniten-Museum führt. Die Exponate reichen von alten Milchkannen über einen „Heizer für Küken“ (so auf Deutsch zu lesen) bis hin zu einer Registrierkasse. In einer Vitrine liegt das Buch „Biblische Geschichten“ in Sütterlinschrift. Sie sei liberal erzogen worden, sagt Loewen, und skizziert gleichermaßen die konservativen Züge: „Scheidungen sind bei uns nicht möglich. Jeder Luxus führt zur Sünde. Und man soll bescheiden sein, auch bei der Kleidung.“ Die 21-Jährige trägt einen Kapuzenpulli, eine Jeans, ein schlichtes Armband. Sie schminkt sich nie, nutzt allerdings Handy und WhatsApp.

Die Geschichte der Mennoniten in Chihuahua hat Abraham Peters (83) als Co-Autor eines Buches nachgezeichnet. Peters’ Eltern kamen als Kinder mit ihren Familien aus Kanada und bauten nach der Heirat eine Farm auf. Auch Peters, achtfacher Vater, bestritt seinen Lebensunterhalt als Landwirt. Stolz ist er darauf, dass alle Kinder Mennoniten geblieben sind, und unterstreicht die Bedeutung der religiösen Praxis: „Wir lassen uns als Erwachsene nach eigener Entscheidung taufen.“ Früh setzte sich Peters für Frauen als Lehrerinnen ein, was männlichen Zeitgenossen zu modern war. Peters argumentierte, wie er schmunzelnd zurückschaut: „Wenn Frauen zuhause erziehen können, also auch den Ehemann, können sie das auch an Schulen.“


Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt seit vielen Jahren in Spanien.

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