Um „dem Schicksal ein Ziel zu geben“. So begründete der Zeichner und Kinderbuchautor Tomi Ungerer, warum er Mitte der 1970er-Jahre die kanadische Wildnis verließ und auf die Mizen-Halbinsel zog, in die südwestlichste Ecke Irlands. Ob ein Ort der nördlichste, östlichste oder mittigste Punkt eines Landes ist, spielt eigentlich nur dann eine Rolle, wenn er sich durch keine anderen bemerkenswerten Eigenschaften auszeichnet. Im Fall von Ungerers irischer Wahlheimat muss ein solcher Mangel jedoch nicht beklagt werden.
Die dünn besiedelte Halbinsel ist eine herbe Sandsteinschönheit, die ihre dreißig reizenden Kilometer weit dem Atlantik entgegenstreckt. Wer hier ankommt, bemerkt zuerst die Vegetation, die trotzig dem Salzwind widersteht. Zedern, Eichen und Kiefern prägen ihre Landschaft. Ginster, Haselnüsse, Weißdorn und Beerenbüsche drängeln sich auf grasbewachsenen Hügeln. Am Wegesrand lodert das Feuer von Fuchsiensträuchern, und in den bunten Häusern der kleinen Dörfer Ballydehob, Schull, Goleen und Crookhaven bewahren die Bewohner die Geheimnisse des guten Lebens.
Kosmopolitisch, kreativ, irisch
Sehr irisch, aber auch sehr kosmopolitisch und kreativ geht es bei ihnen zu, denn außer dem Elsässer Tomi Ungerer haben sich viele andere der Blow-Ins genannten Lebenskünstler aus aller Herren Länder auf die kleine Halbinsel wehen lassen. Sie brachten Handwerk, Musik und eine neue Art von kulinarischem Bewusstsein mit in den Westen Corks.
Die Gegend war ein Teil des Hippie-Trails, der in den sechziger Jahren Aussteiger aus aller Welt anzog. Wie viele geblieben sind, lässt sich an der hohen Konzentration von Galerien, Keramikwerkstätten, Bio- und Naturkostläden in Skibbereen, Bantry und der einstigen Hippie-Hauptstadt Ballydehob erkennen. Briten pflegen hier die irischen Koch- und Musiktraditionen, Österreicher und Spanier stellen keltisches Kunsthandwerk her, Franzosen illustrieren irische Sagenbücher, und wie überall geben auch Deutsche in West Cork gern ihren Senf dazu: Sie töpfern, musizieren, schreiben oder gärtnern, und die Engagiertesten unter ihnen lernen sogar tapfer Gälisch.
Weltgegend der Extraklasse
Ebenso wohl wie all die Zugezogenen fühlen sich im irischen Südwesten auch Dachse, Fledermäuse, Füchse und fast vierzig Schmetterlingsarten, die im Frühjahr mit wuchernden Wildblumen flirten. Spätestens, wenn er Barleycove erreicht, den schönsten Strand von West Cork, weiß der Besucher, dass er es hier nicht bloß mit hübschem Mittelmaß zu tun hat, sondern mit einer Weltgegend der Extraklasse.
Die weitläufige Dünenlandschaft von Barleycove verdankt ihre heutige Form zum Teil einem gewaltigen Naturereignis: Ein Tsunami, ausgelöst durch das verheerende Erdbeben von Lissabon im Jahr 1755, erreichte die irische Küste und spülte enorme Sandmassen landeinwärts, die das Hinterland dauerhaft veränderten. Heute schützt ein schwimmender Steg das empfindliche Ökosystem, während das klare Wasser der Bucht bei Ebbe weite Sandbänke freigibt.
Farben, Schatten und Schattierungen
Doch die Krönung dieser Halbinselkönigin, man ahnt es mittlerweile, ist tatsächlich ihre Lage im äußersten Südwesten, denn die schenkt ihr das Kap Mizen Head. Stahlgrauer Fels lässt sich hier massenweise ins Meer fallen. Frühmorgens, wenn das Wechselspiel von Licht und Schatten den Kontrasten der Welt besondere Stärke verleiht und die Strahlen der langsam aufgehenden Sonne jede Riffelung des Gesteins ausleuchten, beeindruckt die bühnenbildhafte Schönheit dieser Landschaft in besonderem Maße. Der Atlantik schimmert in fünfzig Blautönen, die Klippen in mindestens doppelt so vielen Schattierungen von Grau.
Die anglo-irische Schriftstellerin Edith Somerville beschrieb dieses Vorgebirge als „eine riesige Landzunge, die wie der Stoßzahn eines Ebers über den zerklüfteten Rand der irischen Küste ragt“. Allerdings nicht weit genug. So klafft zwischen Mizens Steilklippen und der vorgelagerten Insel Cloghane eine dramatische Schlucht, über die sich eine hübsche Bogenbrücke spannt.
Beim Hinübergehen taumelt der Blick über das weite Aquarell des Atlantiks. Es ist ein Moment der Schwerelosigkeit zwischen festem Boden und dem tosenden Abgrund. Möwen fliegen kühne Küstenmanöver und steuern zielgenau die schmalen Felsvorsprünge an, auf denen ihre Küken die nächste Fütterung erwarten, und auf der Jagd nach Fischen schießen Basstölpel wie Speere vom Himmel herab. Wo sie die Wasseroberfläche durchstoßen, spritzen hohe Fontänen empor - eine Meereslandschaft voller kleiner Springbrunnen.
Der Ort der ersten drahtlosen Nachrichten
Auf der anderen Brückenseite erwartet einen die Signalstation, die seit über einhundert Jahren stur die Schläge von Wind und Wellen einsteckt. Hier wurde Technikgeschichte geschrieben. Guglielmo Marconi, ein italienischer Physiker und Pionier der drahtlosen Telegraphie, nutzte die exponierte Lage von Mizen Head und dem nahen Brow Head für seine bahnbrechenden Versuche.
Marconi war der Erste, dem es gelang, Funksignale über weite Distanzen zu senden, was die Seefahrt revolutionierte. Die Station diente als erste „Wireless Telegraph Station“ Irlands, um Kontakt zu den Ozeandampfern auf dem Nordatlantik aufzunehmen, bevor diese das Festland überhaupt sehen konnten. Das rekonstruierte Funkhaus am Rand der Klippen markiert noch heute den Ort, an dem die ersten Nachrichten zwischen Europa und Amerika drahtlos übertragen wurden.
Blick auf die „Träne Irlands“
Inzwischen vollautomatisiert, erzählen die alte Funkanlage, Seekarten und Dienstpläne von den früheren Arbeits- und Lebensbedingungen. Man spürt die Einsamkeit der Wärter, die hier bei schweren Stürmen ausharrten, während das Haus unter dem Druck der Böen zitterte. Vor den Fenstern versilbert gerade gleißendes Sonnenlicht den Ozean und richtet seine Scheinwerfer auf das legendäre Fastnet Lighthouse. Dreizehn Kilometer vom Festland entfernt auf der höchsten Stelle einer kleinen Felseninsel erbaut, wird dieses Meisterwerk der Ingenieurskunst auch die „Träne Irlands“ genannt.
Diesen Beinamen verdankt er seiner Bedeutung für all die Menschen, die ihre Heimat in großen Massen verlassen mussten. Für die Passagiere der Auswandererschiffe war das einsame Licht des Fastnet Rock oft das Letzte, was sie von ihrer Heimat sahen, bevor sie Kurs auf Amerika nahmen - ein steinerner Zeuge eines millionenfachen Abschieds. Dem irischen Südwesten Lebewohl zu sagen, fällt aber auch Touristen schwer. Beherzigen Sie deshalb Tomi Ungerers Worte und geben dem Schicksal ein Ziel, wenn schon nicht für immer, dann wenigstens immer wieder.
Die Autorin berichtet als freie Reisejournalistin aus allen Ecken der Welt, www.quint-und-quer.de
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.










