Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Ein Museum wie ein Schloss

Liberec: Vom Textilzentrum zum Kulturort

Das Nordböhmische Museum und die Regionalgalerie im ehemaligen Stadtbad zeigen, wie sich Reichenbergs industrieller Wohlstand bis heute in Architektur und Sammlungen niederschlägt.
Das prächtige ehemalige Stadtbad von Liberec dient heute als Regionalmuseum.
Foto: Imago/Dreamstime | Das prächtige ehemalige Stadtbad von Liberec dient heute als Regionalmuseum.

Zwischen Isergebirge und Jeschken liegt Liberec, das frühere Reichenberg. Wer von Dresden nach Nordböhmen fährt, kommt in eine Stadt, deren Wohlstand einst auf Textilfabriken gründete. Um 1900 war Reichenberg ein bedeutendes Industriezentrum der Habsburgermonarchie. Von dieser Zeit erzählen die repräsentativen Bauten noch heute. Dazu gehören ein Museum, das eher wie ein Schloss aussieht, und ein ehemaliges Stadtbad, in dem inzwischen Kunst hängt.

Das Nordböhmische Museum gehört zu den auffälligsten Gebäuden der Stadt. Sein historistischer Bau entstand nach Plänen des Architekten Friedrich Ohmann. Das Museum ging aus einer 1873 gegründeten Einrichtung für Kunst und Gewerbe hervor. Noch immer sind Kunsthandwerk und Gestaltung wichtige Bestandteile der Sammlung. Hinzu kommen naturkundliche und historische Bestände. Zu sehen sind unter anderem Glas, Porzellan, Textilien und Gegenstände aus der Geschichte Nordböhmens. Der Museumsbesuch kostet keinen festen Eintritt; die Einrichtung bittet um einen freiwilligen Beitrag. Für einen Besuch mit Kindern ist das ein erfreuliches Angebot. Die Ausstellung verbindet historische Gegenstände mit Stationen zum Ausprobieren. Besonders reizvoll sind die mechanischen Musikinstrumente: Hier lässt sich beobachten, wie eine Maschine ohne Musiker einen Klang hervorbringt.

Die Museumsbibliothek besteht seit den Anfängen des Hauses. Nach Angaben des Museums umfasst sie heute rund 70 .000 Bücher und Zeitschriften. Ihr Schwerpunkt lag von Beginn an auf Kunstgewerbe, bildender Kunst und Architektur. Sie war für Handwerker und Schüler der Gewerbeschulen ebenso gedacht wie für die Öffentlichkeit. Die alten Bestände sind bis heute für die Forschung zugänglich. Wer durch das Museum geht, begegnet damit auch einer Bildungslandschaft, die eng mit der Industriegeschichte Reichenbergs verbunden war. Unter den Unternehmerfamilien nahm die Familie Liebieg eine herausragende Stellung ein. Ihre Textilbetriebe bestimmten die wirtschaftliche Entwicklung Reichenbergs über Jahrzehnte. Angehörige der Familie sammelten Kunst und förderten kulturelle Einrichtungen. Im früheren Kaiser-Franz-Joseph-Bad, nur wenige Schritte vom Museum entfernt, befindet sich heute die Regionalgalerie Liberec. Seit 2014 nutzt sie das umgebaute Stadtbad für ihre Ausstellungen. Zuvor war sie jahrzehntelang im ehemaligen Liebieg-Palais untergebracht.

Kirchen und ein Wallfahrtsort

Die Geschichte dieser Gebäude lässt sich von der politischen Geschichte der Stadt nicht trennen. Reichenberg war lange überwiegend deutschsprachig. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Stadt Teil des Deutschen Reiches. Nach Kriegsende folgte die Vertreibung großer Teile der deutschen Bevölkerung und die Neuordnung des städtischen Lebens. Wer heute nach Reichenbergs Vergangenheit fragt, muss auch diese Brüche im Hinterkopf haben. Zu den älteren Bauwerken Liberecs gehören seine Kirchen. Die katholische Antoniuskirche im Zentrum erinnert an die religiöse Geschichte der Stadt. Die politischen Umwälzungen des 20. Jahrhunderts trafen auch die Gemeinden. Nach 1945 veränderte sich ihre Zusammensetzung grundlegend; während der kommunistischen Herrschaft standen die Kirchen unter staatlichem Druck.

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Ein lohnendes Ziel für christlich interessierte Besucher liegt außerhalb der Stadt: Jablonné v Podještědí, das frühere Deutsch Gabel. Dort wird in der Basilika die heilige Zdislava von Lemberk verehrt. Sie lebte im 13. Jahrhundert, war verheiratet und Mutter von vier Kindern. Der Überlieferung nach kümmerte sie sich um Kranke und Bedürftige und unterstützte die Dominikaner. Ihr Leben ist ein Beispiel für christliche Nächstenliebe außerhalb des Klosters. Papst Pius X. bestätigte ihre Verehrung 1907 durch die Seligsprechung. Johannes Paul II. sprach sie am 21. Mai 1995 im mährischen Olmütz heilig. Ihr Grab machte Jablonné zu einem Wallfahrtsort.

Über Liberec erhebt sich der Jeschken, tschechisch Ještěd. Auf seinem Gipfel steht der markante Fernsehturm mit Hotel, ein Wahrzeichen der Stadt und ein Ziel für Ausflügler: Im Sommer sind es Wanderer und im Winter kommen die Snowboarder und Abfahrtsski-Freunde von etwa 1 000 Höhenmetern auf ihre Kosten. Eine Seilbahn bringt sie zum Gipfel und das Gebiet ist – auch dank künstlicher Schneekanonen – recht wintersportsicher. Das Isergebirge gehört unbedingt zum Besuch in Nordböhmen, was auch im Museum thematisiert wird, wo eine eigene Abteilung die dortige Flora und Fauna behandelt. Wer hingegen lebende Tiere sehen möchte, findet in Liberec auch einen schönen Zoo.

Weihnachten im Museumskeller

Im Museum führt der Weg zurück zu Dingen, die Menschen einst mit der Hand fertigten: Textilien, Glas und mechanische Geräte. Besonders die Musikautomaten bleiben in Erinnerung. In der Sammlung stehen unter anderem Pianolas, Orchestrions und kleine Spieluhren. Einige Instrumente lassen sich mit Fünf-Kronen-Münzen in Betrieb setzen. Dann wird hörbar, wie viel handwerkliches Können in den alten Apparaten steckt. Im Keller wartet eine Weihnachtskrippe, die unabhängig vom Kalender besichtigt werden kann. Die mechanische Krippe der Familie Metelka stammt aus der Tradition des westlichen Riesengebirges. Jáchym Metelka (1825–1902) begann die Arbeit; sein Sohn Václav (1866–1954) führte sie fort. Rund 250 geschnitzte Holzfiguren bevölkern die dreieinhalb Meter breite Szenerie. Mehr als ein Drittel ist beweglich. Die restaurierte Mechanik kann auf Anfrage in Gang gesetzt werden.

Maria und Josef, Hirten und weitere Figuren gehören zu dieser kleinen Welt aus Holz. Die biblische Weihnachtsgeschichte wird hier mit der Kunstfertigkeit zweier Generationen verbunden. Dass sich einzelne Gestalten bewegen, macht die Krippe für Kinder besonders anschaulich. Auch außerhalb der Adventszeit lohnt es sich, davor stehen zu bleiben. Im Museumsturm zieht eine ungewöhnliche Installation den Blick nach oben: eine 24 Meter lange Leiter aus Glas. Sie stammt von den Brüdern Jan und Ondřej Salansk´y und erstreckt sich über zwei Turmgeschosse. Das Glas wurde innen versilbert und erinnert deshalb auf den ersten Blick an Metall. Hinzu kommen silbrig schimmernde Wolken aus mundgeblasenem Glas. Nach Angaben der Stadt gilt das Werk als längste Glasleiter der Welt. Die Installation erinnert an das Glashandwerk, das Nordböhmen über Jahrhunderte geprägt hat. Wer den Turm über die Treppen besteigt, blickt über Liberec und die umgebenden Berge. Hier tritt die Landschaft vor Augen, aus der die Stadt ihre Rohstoffe, ihre Arbeitskräfte und einen erheblichen Teil ihres Wohlstands bezog.

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Rocco Thiede Johannes Paul II. Pius X. Päpste Weihnachtsgeschichten

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