Der viertkleinste Staat Europas ist mit 160 Quadratkilometern zwar überschaubar, aber alles andere als überfüllt – vor allem, was den Tourismus anbelangt. Die benachbarte Schweiz ist etwa 250-mal größer als das Fürstentum, das den letzten Weltkrieg nahezu unversehrt überstanden hat, obwohl das kleine Land nach dem Anschluss Österreichs 1938 direkt an das Deutsche Reich grenzte.
Aus Dankbarkeit für die Verschonung vor den Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges trägt die Kapelle Malbun den bedeutungsvollen Namen „Friedenskapelle“. Das höchstgelegene Gotteshaus des Landes auf rund 1600 Metern Höhe wurde 1951 fertiggestellt, entworfen vom Maler, Künstler und Architekten Johannes Hugentobler aus dem schweizerischen Appenzell. Das schlichte, grob gemauerte Bauwerk passt sich perfekt ins Landschaftsbild ein. Eindrucksvoll ragt die Bergkulisse des Ochsenkopfmassivs hinter der Kirche auf – es ist die Natur, die Liechtenstein ausmacht und die fast noch ein Geheimtipp ist. Im Inneren der schlichten Kapelle sticht das farbenprächtige runde Chorfenster Hugentoblers heraus. Auch die bildliche Darstellung in Form eines Mosaiks zieht die Blicke der Besucher auf sich. Das Sennen-Ave, ein Alpsegen und ein alter, traditioneller Schutzgebet-Sprechgesang, stammt aus katholischen Alpenregionen wie der Schweiz und Liechtenstein. Einst rief ihn der Senn abends vom Alpkreuz aus, für den Schutz von Menschen und Vieh. Die Friedenskapelle ist ein Ort der Ruhe, die sich, abgesehen von der Hauptstadt Vaduz, durchs ganze Land zieht.
Wenn man die Stille der Kapelle verlässt, schieben sich wieder die umgebenden Berggipfel ins Blickfeld – groß und mächtig in ihrer Schönheit. Das charmante Bergdorf Malbun besticht durch seine gepflegten Holzhäuser und seine Lage, eingebettet zwischen den Berggipfeln. Mit dem Sessellift kommt man bequem auf den Sareis, wobei es für Senioren donnerstags besondere Angebote bei der Bergbahn gibt. Auf dem Hausberg befindet sich das gleichnamige Bergrestaurant mit herrlichem Blick auf die Berglandschaft und mit deftigen Köstlichkeiten wie Käsespätzle, Schinken- und Käseplatten. Rundherum ragen der Gamsgrat und die Gipfel von Spitz und Gorfion auf, die teilweise noch wolkenverhangen sind.
Von Juni bis Oktober kann man hier oben Norman Vögeli auf seinen Adlerspaziergängen begleiten. Von der Liftstation folgt ihm auch heute eine ganze Gruppe auf seinem Spaziergang zurück nach Malbun. In der Ferne bimmeln Kuhglocken. Ein Idyll, das Wanderer und Mountainbiker anlockt. Über 400 Kilometer Wanderwege bietet das Fürstentum. Neben familienfreundlichen Routen – wie dem Schaukelpfad und dem Forscherweg – gibt es auch Mehrtageswanderungen durchs Fürstentum, beispielsweise die „Route 66“ und den Liechtenstein-Weg. Doch zurück zum Falkner, der im freien Gefolge seine Adlerdame in die Lüfte steigen lässt. Immer wieder landet der Steinadler auf dem Arm des Falkners, bevor er wieder aufsteigt, begleitet vom Pfeifen der Murmeltiere, die sich in Sicherheit bringen. „Ein Pfiff der Murmeltiere bedeutet, Gefahr aus der Luft. Bei Bodenfeinden pfeifen sie mehrmals hintereinander“, erklärt Falkner Vögeli. Mit wenigen Flügelschlägen steigt sein Steinadler hoch hinaus, getragen vom Aufwind, ohne den das knapp neun Kilogramm schwere Tier nicht lange oben bleiben würde. Inzwischen sitzt die „Königin der Lüfte“ auf einer Bergwiese und ist kaum mehr zu erkennen. „Mein Adler lässt mich nicht aus den Augen und sieht auf zweieinhalb Kilometern eine Maus.“ Er hebt seinen Arm mit dem ledernen Handschutz zum Zeichen der Rückkehr. Nur wenig später landet der majestätische Vogel darauf. Die mächtigen Schwingen, mit einer Spannweite von über zwei Metern, schlagen noch kurz auf und ab, um das Gleichgewicht bemüht. Allzu schnell ist man im Tal und der Adler zurück im Hotel Galina, wo die Greifvögel den Sommer über ihre Flugkünste zeigen.
Eine der besten Reblagen im Rheintal
Regelmäßig fahren Busse von Malbun in die elf Gemeinden Liechtensteins. Übernachtungsgäste des Fürstentums bekommen einen kostenlosen „Welcome“-Erlebnispass, der zur Nutzung von Bussen und Bahn berechtigt und Ermäßigungen für touristische Einrichtungen gewährt. Auch das Walserhaus in Triesenberg, das auf dem Weg ins Tal liegt, ist im Pass enthalten und erzählt die Geschichte der alemannischen Volksgruppe, die auch hier lebte. Es ist die Ruhe, die einem hier immer wieder begegnet, weit entfernt von Touristenmassen.
Auch in der Hauptstadt Vaduz kann man den Pass nutzen. Wer 29 Franken Aufschlag bezahlt, bekommt den „All Inclusive“-Erlebnispass für zwei Tage. Zusätzlich beinhaltet er zahlreiche weitere Attraktionen, darunter Kunst-, Kultur- und Genussveranstaltungen. Einen Blick ins Schloss, das nicht besichtigt werden kann, und damit in das Leben der Fürstenfamilie kann man im Alten Kino werfen. Täglich läuft hier eine kurze Dokumentation. Nur ein kleiner Spaziergang auf der Kunstmeile ist es von hier ins Kunstmuseum Liechtenstein, das letztes Jahr sein 25-jähriges Bestehen gefeiert hat, sowie zur Hilti Art Foundation mit ihren wechselnden Ausstellungen, bekannt als weißer Würfel. Außerdem gibt es ein Postmuseum, ein Landesmuseum und die SchatzKammer, deren Kollektion auch Prunkwaffen, Fabergé-Objekte und Mondgestein umfasst.
Durchs Regierungsviertel geht es zur Kathedrale St. Florin. Von hier ist es gut einen Kilometer zur Hofkellerei Liechtenstein, die im Herawingert liegt. Diese Reblage zählt zu den besten im Rheintal. Hier empfiehlt sich zum Beispiel eine kleine Weinprobe. Es gibt Pinot Noir und Chardonnay, der durch leichte Zitrusnoten besticht. Zu den ältesten „Beizen“ von Vaduz gehört der Gasthof Au, in dem es auch ein Mittagsmenü gibt. Der Tafelspitz von der Abendkarte wird in zwei Gängen serviert und ist so zart, dass man ihn auch ohne Messer genießen könnte.
Die Autorin ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Reisen.
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