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Zauber und Ruhe

Wie ein Sog ziehen sie magisch hinein: Gärten in Japan. Überall wurzelt eine tiefergehende Symbolik, deren Hintergrund auch religiös ist.
Garten Japan
Foto: Andreas Drouve | Einer von unzähligen Gärten in Japan: Garten im Zen-Zentrum Shinshoji, etwa 100 Kilometer östlich von Hiroshima bei Fukuyama.

In Okayama öffnen sich die Tore zum Glück, zu einem Fest für die Sinne: Wir sind im Korakuen Garden, einer der schönsten Gartenanlagen Japans, über drei Jahrhunderte alt. In einer Teichlandschaft schaukeln Lotosblumen und schwimmen Koi-Karpfen. Auch Kraniche leben hier. Nebenan, hinter dem Fluss Asahi, erhebt sich die historische Festung Okayama, wegen ihrer schwarzen Färbung auch als „Krähenburg“ bekannt.

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Kleine Bambushaine wechseln sich mit einer Teeplantage ab. Eine Bogenbrücke wirft ihr Spiegelbild ins kristallene Wasser und scheint zu schweben. Wer mag, lässt sich in einem Holzboot umherstaken. Die Wiesen sehen aus wie gekämmt. Büsche sind fein beschnitten. Hier atmet man Friedensstimmung, spaziert über ein weit verästeltes Wegenetz, folgt einem verschlungenen Pfad zu einem winzigen Wasserfall.

Die Farben und Düfte im Korakuen Garden wirken regelrecht hypnotisch. Im Zyklus der Jahreszeiten explodieren die Blüten. Im Frühjahr beginnt es mit Kirschen und Pflaumen. Anfang Juni sind die Schwertlilien an der Reihe. Sagenhaft sind die Kulissen im Herbst mit der Verfärbung der Blätter. Seidig bis glühend und brennend sind dann die Rot- und Braunrottöne. Legt man im Teehaus eine Pause ein und trinkt einen Matcha, sind Entspannung und Wohlgefühl vollkommen. Es ist, als sinke man zurück in ein imaginäres Ruhekissen.

Woher kommt der Zauber und die Stille?

Wie kommt es, dass japanische Gärten diesen Zauber und diese Stille ausstrahlen? Die traditionelle Gartenbaukunst ist tief in der Kultur verwurzelt. Sie wird seit über tausend Jahren gepflegt und weiterentwickelt, geht weit über die Facetten des Grüns und der Ästhetik hinaus. Was wie zufällig ausschaut, fußt auf ausgefeilter Planung und steckt voller religiöser Symbolik des Zen-Buddhismus.
Jeder Garten ist ein philosophischer Ort. Ein Spaziergang, eine Rast auf einem Bänkchen, die Betrachtung von Bäumen, Gewässern, Zierpflanzen: All das stößt zu Meditation, innerer Ruhe und Reflexion an.

Im Zen geht es nicht darum, ein anderer zu werden, sondern sein wahres Selbst zu erkennen. Da hilft der Raum der Stille, den man sich im Hier und Jetzt im Grünen schaffen kann. Hier drückt man automatisch auf den Off-Knopf, kommt runter, zieht eine Grenze zur Schnelllebigkeit der Gesellschaft und dem Immer-erreichbar-Sein. Bewusstes Atmen hilft. Wer sich auf sanfte Weise entschleunigt, nimmt den Augenblick viel intensiver wahr. Dazu braucht es kein Coaching.

Wassern und Steinen wohnen große Symbolkräfte inne. Wasser steht für den Fluss des Lebens, die Reinheit, den Wandel, eine treibende Kraft. Das Plätschern beruhigt, schafft eine kontemplative Aura. Steine in verschiedensten Anordnungen – von Bodenmustern bis hin zu Felsblöcken – versinnbildlichen die Beständigkeit und Kraft der Natur. Sie ruhen in sich, sind das Rückgrat und die „Knochen“ der Landschaft, spirituelle Ankerpunkte, unvergänglich. Es gibt übrigens besondere Stein- oder Trockengärten, in denen Kiesel mit ihren Wellenmustern den Ozean darstellen und größere Steine die Berge. Ein prägnantes Beispiel ist der Steingarten des Ryoanji-Tempels in Kyoto.

Garten Japan
Foto: Andreas Drouve | Steinbrücke und der Palast am See, Shikinaen Royal Garden, Insel Okinawa, Süd-Japan.

Brücken fallen gleichermaßen tiefere Bedeutungen zu. Überquert man eine Bogenbrücke, ist es, als würde man über die geschwungene Bahn des Regenbogens von einer Welt zur anderen gehen, vom Diesseits ins Jenseits. Zickzack-Brücken verlangen nach verstärkter Aufmerksamkeit bei jedem Schritt. Sie verlaufen, wie der Pfad des Lebens, nicht geradlinig.

Gleichheit und Ungleichheit spielen eine wichtige Rolle. Symmetrien vermischen sich mit ausgestreuten Asymmetrien. Yuka Endo, die in Tokio in der Tourismusbranche beschäftigt ist, sieht dies mit der Idee des „Wabi-Sabi“ verbunden, dem japanischen Konzept der Wahrnehmung von Schönheit: „Die Schönheit findet man in der Unvollkommenheit und Einfachheit.“ Mittendrin fühlt sie sich „sehr wohl“, wie sie sagt.

Auszeit in Oase des Grüns

Im Millionen-Moloch Tokio nehmen Yuka und ihr Mann Kento, ein Augenarzt, gerne eine Auszeit in einer Oase des Grüns. So wie in den Hama-rikyu Gardens. Dort schwimmen sie sich aus dem städtischen Strudel frei. Dort gewinnen sie Abstand vom Job und den Hochhauskulissen, saugen den Duft von Nadelbäumen ein. Eine Kiefer ist über 300 Jahre alt. Bis 1946 war der Garten der Familie des Kaiserlichen Hofes vorbehalten. „Ich fühle mich so entspannt und ruhig, wenn ich durch solch einen Garten spaziere“, sagt Yuka.

Der zentrale See verströmt Stille. Er wird mit Meerwasser aus der Bucht von Tokio gefüllt. Wer am See ins Teehaus mit den Tatami-Matten will, tauscht – wie allseits üblich im Land der aufgehenden Sonne – die Schuhe am Eingang gegen bereitstehende Schlappen.

Die Zahl der Gärten in Japan ist unüberschaubar. Manche Grünanlagen sind mit Tempeln verbunden, andere pure Landschaftskunst. Manche kosten Eintritt, andere sind frei zugänglich. Fest steht: Wo immer man hinkommt, ziehen Gärten wie magisch hinein. Es scheint, als würde man von unsichtbaren Händen geleitet, von stummen Signalen. Der Faszination der raffinierten Kompositionen kann man sich nicht entziehen. Die Gestalter haben ganze Arbeit geleistet – und die Pflege durch professionelle Gärtner ist nicht hoch genug zu würdigen. Das ist in Tokio und Kyoto nicht anders als in Hiroshima. Dort stehen die Gärten am Fluss für die Rückkehr zur Normalität des Lebens in der 1945 durch den Atombombenabwurf vernichteten Stadt.

Wer in den Süden Japans reist, streift auf der Insel Okinawa durch den Shikinaen Royal Garden, ein Erbe des alten Königreiches Ryuku. Es ist, als beträte man ein Landschaftsgemälde, in dem man selber eine winzige Rolle spielt. Gajumarubäume mit ihren ineinander greifenden Astwerken stehen Modell. Wurzelwerke breiten sich krakengleich aus. Der Weg führt durch einen Zauberwald zum Teich, zum wiederhergestellten Palast in Holzarchitektur, über Steinbrücken, zu einer glasklaren Quelle. Eine Brise fährt durch japanische Sagopalmfarne und Katappenbäume. Ein Stillleben folgt aufs nächste. Jedes Bild löst einen Impuls aus. Jede Ansicht ist ein Arrangement, das Herz und Seele berührt. Sieht so das Paradies aus? „Werde wieder wie ein staunendes Kind, das die Welt entdeckt“, lautet ein Sinnspruch aus Tibet, der auch hier gilt.

Yuka aus Tokio verrät ihren Lieblingsplatz: den Garten des Kunstmuseums Adachi im Südwesten Japans. „Ein Garten ist wie eine lebendige Leinwand“, heißt es dort. Wie wahr. Die Anlage harmoniert mit den benachbarten Bergen, setzt jeden Tag ein neues Gesicht auf. In Rankings landet dieser Garten immer weit oben, doch er wird getoppt von den drei berühmtesten Gärten des Landes, die das japanische Fremdenverkehrsamt herausstellt: erstens von Kenrokuen in Kanazawa, der sechs Merkmale des perfekten japanischen Landschaftsgartens auf sich vereint, also Weitläufigkeit, Abgeschiedenheit, Kunstfertigkeit, Althergebrachtes, fließendes Wasser und weiten Blick. Zweitens von Kairakuen in Mito, einer der ersten Gärten, der nicht nur für Fürst und Hof, sondern auch der Bevölkerung zugänglich war. Und drittens von vom eingangs erwähnten Korakuen, seit Anfang des 18. Jahrhunderts ein traditioneller Wandelgarten in Okayama – und genau dorthin geht es noch einmal zurück.

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Wenn sich der Spätherbst über den Korakuen Garden legt, stößt der Zauber in neue Dimensionen vor: durch das Farbspiel des Ahornlaubs und die Illuminationen am Abend, die für kleine Konzerte perfekte Schauplätze abgeben.
Die Beleuchtungen in der zweiten Novemberhälfte verschlagen den Atem und steigern die Empfindsamkeit. Wer nach Einbruch der Dunkelheit unter angestrahlten Ahornbäumen sanfte Flötenklänge und andächtige Stille erlebt, schmilzt regelrecht dahin. Da wird jeder zum Romantiker. Da fühlt man sich tief berührt und merkt, dass sich tatsächlich die Tore zum Glück geöffnet haben.


Der Verfasser ist freier Autor und Journalist. Er lebt seit vielen Jahren in Spanien und ist auf die Themen Reise, Religionen & Kulturen spezialisiert.

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Andreas Drouve

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