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Verwandt durch die Liebe

Stefanie und Johannes sagten zu ihren Pflegekindern in dem Moment ,Ja', in dem sie zu ihnen kamen. Ein Zeugnis über Beziehungsaufbau, Sehnsucht – und die göttliche Gnade.
Geschwister in der Natur
Foto: Imago | Am wichtigsten ist für Kinder, bedingungslos geliebt zu sein. Das haben Johannes und Stefanie ihren beiden mittlerweile adoptierten Kindern immer versichert.

Als Johannes und Stefanie* heirateten, waren sie Mitte 20. Bald erfuhren sie, dass sie keine Kinder bekommen würden. Zumindest keine leiblichen. „Dieser Gedanke hat uns richtig ratlos gemacht“, blickt Stefanie zurück. „Wir überlegten uns, was wir mit unserem Leben machen wollten.“
In ihrem Einfamilienhaus fühlt man sich direkt willkommen. Im Garten blüht der Lavendel und zum Kaffee stehen Kekse auf dem Esstisch. Daneben liegt die Hochzeitszeitung von Marie – ihres ersten Kindes, das sie ursprünglich als Pflegekind aufnahmen. Wunderschön sei die Hochzeit vor gut einem Monat gewesen, schwärmt das Ehepaar.

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„Mit Kindern kannten wir uns gut aus, weil wir bei den Pfadfindern immer wieder Kindergruppen geleitet hatten“, fährt Stefanie fort. Ein Kind aufzunehmen, konnten sie sich gut vorstellen und kontaktierten das Jugendamt. Die ersten Berührungspunkte seien frustrierend gewesen: „Genießt erst mal euer Leben, ihr seid ja noch nicht einmal 30“, riet man ihnen dort. „Viele Frauen möchten Karriere machen und vielleicht mit Mitte 30 eine Familie gründen. Bis sie feststellen, dass sie keine Kinder bekommen können, sind sie fast 40“, erläutert Stefanie. Erst nach zwei Jahren Wartezeit nahm das Jugendamt ihren Wunsch ernst – und wollte „alles“ wissen, wie sie und ihr Mann sich erinnern: Etwa, ob ihre Beziehung tragfähig sei und wie sie wirtschaftlich stünden.

Als Kleinkind Gewalt erlebt

„Das Jugendamt versuchte, uns bestmöglich auf ein Pflegekind vorzubereiten“, erklärt Johannes. Bei Marie befürchtete man Schlimmstes, da sie als Neugeborene einen Drogenentzug durchmachte. Außerdem hatte ihre leibliche Mutter eine ansteckende Krankheit. Schon als Kleinkind erholte sie sich jedoch vollständig und es blieben keine Schäden.

Anders lief es bei ihrem Pflegebruder, der drei Jahre nach Marie zu ihnen kam: Tims Fall sei harmlos, er sei lediglich verwahrlost, habe vermutlich Gewalt in der Familie erlebt und im Mutter-Kind-Heim gewohnt, teilte das Jugendamt Stefanie und Johannes damals über den Dreijährigen mit. „Doch sobald er da war, folgte eine Katastrophe der nächsten“, erinnert sich seine Mutter.

Sie schlägt die Hochzeitszeitung auf. Darin sieht man Marie und Tim als Kleinkinder, wie sie sich lachend die Zähne putzen. „Das ist eins ihrer ersten gemeinsamen Bilder“, meint Stefanie. Es ist jedoch nicht repräsentativ für den Seelenzustand des Jungen: „Tim war von seinen ersten drei Lebensjahren hochtraumatisiert. Er hat schlimme Gewalt und Missbrauch erlebt. Das kann er bis heute nicht verarbeiten, trotz aller Liebe und therapeutischer Unterstützung. Er hat kein Gespür dafür, welchen Menschen er trauen kann und welchen nicht. Wir hatten hier deswegen sogar Polizeieinsätze.“

„Die Kinder wollten unbedingt zu uns gehören"

Egal, wie viel Schlimmes er anstellte, Tim habe getragen zu wissen, dass er zu Stefanie und Johannes gehört. „Dass wir ihn lieben und er uns, egal was passiert. Wir haben zu ihm in dem Moment ‚Ja‘ gesagt, in dem er zu uns kam. Auch bei einem leiblichen Kind weiß man nie, wie es sich entwickelt“, sind seine Eltern sich einig.

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Marie war eineinhalb Jahre alt, als sie zu Johannes und Stefanie kam. „Es gab eine lange Anbahnungsphase. Wir trafen uns immer wieder mit den Bereitschaftspflegeeltern. Bis Marie schließlich ganz bei uns blieb“, blickt Stefanie zurück. Diese „Noteltern“ – damit werden Paare bezeichnet, die ein Kind zu sich nehmen, wenn gerichtlich noch nicht entschieden ist, was mit ihm passieren soll – seien übrigens auch vor einem Monat zu Maries Hochzeit gekommen. „Wir hatten großes Glück – und Gnade“, blicken Johannes und Stefanie zurück. Marie gewöhnte sich schnell an sie und sei pflegeleicht gewesen. Belastend war hingegen der Sorgerechtsprozess im Hintergrund. Hätte sich die Situation der leiblichen Eltern stark verbessert, hätten sie Marie wieder zurücknehmen können. So etwas kommt vor, auch noch nach mehreren Jahren, die das Kind in der Pflegefamilie verbracht hat. „Die leiblichen Eltern entscheiden immer einige Dinge mit. Auch das Jugendamt begleitet die Familie intensiv. Auslandsreisen mit den Kindern mussten wir zum Beispiel dort anmelden“, sagt Johannes.

Beide Kinder hätten sich eng an sie gebunden und würden sich untereinander gut verstehen. Wenn Stefanie und Johannes von Marie und Tim erzählen, wird schnell deutlich: Sie sprechen von ihren Kindern – nicht von ihren Pflegekindern. Wer Marie und Stefanie kennt, merkt ein bisschen, wie ähnlich die beiden artikulieren und sprechen. „Die Kinder wollten unbedingt zu uns gehören. Natürlich flogen hier auch die Fetzen, wie in jeder Familie. Aber nach außen hielten wir zusammen. Da wurde die Zugbrücke hochgefahren“, sagt Stefanie. Tim lehnt seine leiblichen Eltern ab, obwohl er bis zur Volljährigkeit verpflichtet war, sie sehr regelmäßig zu treffen. Marie ignoriert ihre leiblichen Eltern; schreibt ihnen vielleicht zum Geburtstag oder an Weihnachten eine Nachricht.

„Beide wollten adoptiert werden – als ob man damit alles heilen könnte“, erzählt Stefanie. Um in Deutschland ein Kind adoptieren zu können, müssen die leiblichen Eltern dem zustimmen. Weder bei Marie noch bei Tim war das der Fall. „Tim hat auch immer unseren statt seinen Nachnamen auf seine Schulhefte geschrieben“, fährt Stefanie fort. Der Lehrer habe ihn dann wieder durchgestrichen. „Richtig so“, finden seine Eltern. „Ich habe ihm gesagt: „Tim, das ist deine Lebensrealität. Du kannst vor ihr nicht weglaufen. Ich verstehe, dass du ganz zu uns gehören möchtest und das tust du auch. Aber dein Name ist nun mal ein anderer“, erzählt Stefanie. Sie hätten immer mit „offenen Karten“ gespielt und den Kindern die Lage erklärt. „Viele Pflegeeltern tun so, als ob man eine ganz normale Familie sei. Natürlich ist dieser Impuls da. Aber man darf die Realität nicht verdrängen. Das muss aufgearbeitet werden. Auch Marie und Tim hatten diese Sehnsucht nach Normalität und haben dieses ‚Wir sind Familie‘ sehr intensiv zelebriert.“

Kind: Geschenk Gottes und Aufgabe

Jeweils mit 18 Jahren ließen Marie und Tim sich von Johannes und Stefanie adoptieren. „Kurz davor beschäftigten sich beide ausführlich mit ihrer Herkunft. Das war ein intensiver Aufarbeitungsprozess“, erinnert sich Johannes. Dass die beiden Kinder durch ihre Herkunftsfamilien eine ganz eigene Geschichte und Identität mitbringen, die nicht biologisch mit der ihrer Adoptiveltern verbunden ist, „das ist ganz tief in ihnen drin“, erläutert er. „In den 70er- und 80er-Jahren hat man so etwas verschwiegen. Wenn es dann doch herauskam, löste es bei vielen eine Identitätskrise aus. Viele Menschen sind dann als Erwachsene darunter zusammengebrochen.“

Als Marie gut bei ihnen angekommen war und sich die gerichtliche Lage allmählich beruhigt hatte, fing das katholische Ehepaar an, über ihre Taufe nachzudenken. „Erfahrene Pflegeeltern rieten mir, erst mal nichts zu tun, um die leiblichen Eltern nicht wieder aufzurühren. Wir hätten erneute Diskussionen um das Sorgerecht riskieren können“, sagt Stefanie. „Wir sagten dann immer halb im Spaß: Wir haben überall Weihwasser stehen, für die Nottaufe.“ Mit viel Aufwand erkämpften sie sich schließlich doch die Erlaubnis.

Nun deuten Johannes und Stefanie glücklich auf ein kleines Foto von der vierjährigen Marie, strahlend, im Taufkleid und mit einer Kerze in der Hand. „Das Taufkleid war eigentlich ein Erstkommunionkleid, für ganz kleine Mädchen“, erinnert sich Stefanie. „Als wir uns für Tim die Taufgenehmigung einholten, ließen wir gleich mitunterzeichnen, dass wir ihn im katholischen Glauben erziehen können und er weitere Sakramente empfangen darf“, sagt sie. Drei Wochen, nachdem die Unterschriften vorlagen, waren die Kinder getauft.

Religiös motiviert, Pflegeeltern zu sein

Stefanie und Johannes sehen nicht nur ihre Kinder, sondern auch ihren katholischen Glauben als Geschenk – und Stütze. „Als Christen sind wir klar im Vorteil: Wir nehmen das Kind als Geschenk und Aufgabe an und wollen die Wirklichkeit nicht verbiegen“, erklärt Johannes. Ihren Glauben konnten sie an beide Kinder weitergeben. „Kinder sind Menschen, die kann man nicht steuern. Da gehört die Portion Gnade dazu“, merkt Johannes an. „Die Kinder haben gemerkt, wir versuchen, unser ganzes Leben vor Gott zu stellen. Dass wir Pflegekinder aufgenommen haben, hat natürlich eine religiöse Dimension. Auch, wie sehr wir beim Jugendamt darauf drängten, dass Marie und Tim die Sakramente empfangen dürfen – das hat ihnen gezeigt: Der Glaube ist uns wirklich wichtig“, sagt Stefanie.

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Marie ist begeisterte Pfadfinderin. Mit Tim fliegen sie in zwei Wochen nach Fatima. Es ist eine Dankeswallfahrt, dafür, dass er nach schwerer Krankheit pünktlich zur Hochzeit seiner Schwester gesund geworden ist. Stefanie schlägt die Hochzeitszeitung nun wieder zu. Auf dem Cover sind Marie und ihr Mann zu sehen, im Hintergrund die Landschaft, in der Marie groß wurde. Stefanie hat Tränen in den Augen, als sie sagt: „Dass unser kleines Pflegekind nun geheiratet hat, das ist für uns wunderschön. Wir wünschen ihr so sehr, dass alles so wird, wie sie selber es gerne hätte.“

*Sämtliche Namen wurden von der Redaktion geändert.

Themen & Autoren
Elisabeth Hüffer

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