Kleiner Bruder, große Schwester oder mittendrin: Wo auch immer man sich in einer Geschwisterkonstellation wiederfindet, die Menschen, mit denen man aufwächst, hinterlassen in der Regel nachhaltige Spuren. Spuren, die in der erziehungswissenschaftlichen Forschung lange vernachlässigt wurden. „Die Beziehung zu unseren Geschwistern ist die längste Sozialbeziehung, die wir im Leben haben dürfen. Und die Erfahrungen, die wir in frühen Lebensjahren mit unseren Geschwistern machen, sind prägend für das ganze Leben“, erklärt der katholische Theologe und Pädagoge Anton Bucher. Der gebürtige Schweizer lehrt Religionspädagogik an der Universität Salzburg und hat sein jüngstes Werk genau dieser Beziehung gewidmet. In seiner Monografie „Geschwister: liebend, streitend, prägend. Fakten zur längsten Beziehung im Leben“ gibt er einen Überblick, wie Geschwisterbeziehungen im Wandel der Geschichte er- und gelebt wurden, und fasst aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse aus Psychologie und Pädagogik zusammen. „Es war der Versuch, soweit möglich, einer Gesamtdarstellung“, so Bucher gegenüber der „Tagespost“. „Erst in den letzten Jahren ist die Geschwisterforschung intensiviert worden und das war auch wirklich notwendig. Der Fokus lag immer wieder auf der Interaktion zwischen Eltern und Kindern, aber Geschwister verbringen mit ihresgleichen vielfach mehr Zeit als mit ihren Eltern.“
Eine Beziehung zwischen extremen Polen
In Deutschland wachsen nach wie vor die meisten Kinder mit mindestens einem Geschwister auf. Der Anteil der Einzelkinder ist dabei „anders als häufig vermutet (…) in den letzten 20 Jahren nicht gestiegen“, konstatiert das Statistische Bundesamt. „Die Anzahl von kinderreichen Familien (drei Geschwister und mehr) nahm sogar geringfügig zu“, ergab Buchers Recherche, die er im Buch darlegt. „Am häufigsten war und blieb die Familie mit zwei Kindern, die auch das Ideal der meisten Bundesbürger*innen ist.“
Bucher selbst empfindet die Verbindung zu seinen eigenen fünf Geschwistern als überwiegend sehr positiv und bis heute eng. Auch unter seinen sechs inzwischen erwachsenen Kindern beobachtet er „wohlwollende, freundschaftliche, sich unterstützende Beziehungen“, erzählt er der „Tagespost“. Das ist nicht selbstverständlich, wie sowohl ein Blick in die Geschichte als auch in die aktuelle Forschungslage zum Miteinander von Geschwistern zeigt.
Es ist eine Beziehung zwischen den extremen Polen von gegenseitiger Unterstützung, Vertrautheit, lebenslanger Freundschaft und Konkurrenz, Ablehnung, bis hin zu Missbrauch und Gewalt. Die überwiegend positive Konnotation von Geschwisterlichkeit, die heute vorherrscht, hat sich laut Bucher erst nach der industriellen Revolution entwickelt. „Wir dürfen nicht vergessen, wie viel Rivalität es in ärmlichen Verhältnissen auch gegeben hat. Wenn noch einmal ein Kind kam in einer Familie, fühlten sich die anderen wirklich bedroht“, beschreibt Bucher einen Aspekt der Herausforderungen unter Geschwistern. Zu der Sorge um die Knappheit materieller Ressourcen kommt dabei, bis heute, immer wieder die Angst vor dem Verlust der elterlichen Zuwendung.
Wer beim sogenannten Geschwisterneid stehen bleibt, übersieht jedoch die unzähligen bereichernden Faktoren, die ein Aufwachsen mit Geschwistern für den Einzelnen bedeutet. Bucher fasst, um die Thematik unter allen relevanten Gesichtspunkten abzubilden, Ergebnisse aus einer beachtlichen Vielzahl an internationalen Studien zusammen. Diese belegen den Einfluss der Geschwisterbeziehung weit über die Kindheit und Adoleszenz hinaus. Sozialkompetenzen, emotionale Reife, motorische Fähigkeiten und lebenspraktische Unterstützung bis ins hohe Alter – Geschwister ermöglichen, so schreibt er im Buch, „einzigartige soziale Erfahrungen“ und können kostbare Wegbegleiter in allen Lebensphasen sein.
Trotz aller Sachlichkeit von Buchers Ausführungen wird, wer selbst Geschwister hat, gelegentlich bei der Lektüre schmunzeln müssen, vor allem, wenn es um gängige Geschwisterstereotypen und deren wissenschaftliche Einordnung geht. Denn auch wenn die „empirische Forschung zu den Effekten der Geburtsreihe belegte, dass diese vernachlässigbar gering sind, weil so viele andere Faktoren auf das Aufwachsen von Geschwistern einwirken“ – ganz bedeutungslos ist es nicht, an welcher Stelle einer Geschwisterfolge man steht. Tatsache in jedem Fall ist, dass Geschwister voneinander „enorm profitieren können“.
Bucher geht in seinen Ausführungen jedoch nicht nur auf familiendefinierte Geschwister, darunter auch Halb-, Stief- und Adoptivgeschwister, ein, sondern auch auf ein übergeordnetes Konzept von Geschwisterlichkeit. Sowohl das Judentum als auch die antike Philosophie kannten den Gedanken einer geschwisterlichen Verbundenheit, die sich nicht auf Verwandtschaftsverhältnisse stützte, sondern sich auf die religiöse Zugehörigkeit oder schlicht das Menschsein berief. Mit der christlichen „philadelphia“ (Bruderliebe) entstand schließlich, so führt er im Buch aus, ein noch „breiteres Fundament für eine umfassende Brüderlichkeit“. Ab dem 18. Jahrhundert schließlich entwickelte sich der Gedanke der Brüderlichkeit auch außerhalb religiöser Einheiten, etwa bei den Freimaurern, die sich als „Brüder“ anredeten und „brüderliche Liebe“ zu ihren Pflichten zählten.
Träumen wir von einer einzigen Menschheit?
„Sehr, sehr hohen Respekt“ hat Bucher in diesem Zusammenhang vor Papst Franziskus, wie er der „Tagespost“ anvertraut. In der Einleitung der Enzyklika „Fratelli tutti“ aus 2020 schreibt der Papst: „Träumen wir als eine einzige Menschheit, als Weggefährten vom gleichen menschlichen Fleisch, als Kinder der gleichen Erde, die uns alle beherbergt, jeder mit dem Reichtum seines Glaubens oder seiner Überzeugungen, jeder mit seiner eigenen Stimme, alles Geschwister“. „Das ist für mich immer noch die große Vision unserer Menschheit, zu einer wirklich universalen Geschwisterlichkeit zu finden“, so Bucher gegenüber dieser Zeitung. „Eine tiefe Verbundenheit und Solidarität“, ergänzt er, „die angesichts der vielen aktuellen Spaltungen, Trennungen, Konflikte und Kriege umso notwendiger ist.“
Auch auf familiärer Ebene betont er die Kostbarkeit positiver Geschwisterbeziehungen. „Es gibt bei vielen Menschen viele Änderungen in sozialen Nahbeziehungen, auch Brüche. Ein Geschwister kann da vielfach der bleibende Fels in der Brandung sein – über ein ganzes Leben hinweg.“
Ob nun liebend oder streitend – prägend sind Brüder und Schwestern in jedem Fall. Wer sich für faktenbasierte Details dieser besonderen Sozialbeziehung interessiert, der wird in Buchers Zusammenstellung finden, was er sucht.
Anton A. Bucher: Geschwister: liebend, streitend, prägend. Fakten zur längsten Beziehung im Leben. Münster: Waxmann, 2026, 244 Seiten, EUR 29,90
Die Autorin ist Sonderpädagogin und freie Autorin.
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