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Sexualerziehung beginnt im Alltag

Wahrheit ohne Scham, Reinheit ohne Prüderie, Freiheit ohne Beliebigkeit, Liebe und Verantwortung – ein Erfahrungsbericht aus einer Großfamilie.
Vater mit Kindern
Foto: Imago/Westend61 | Eltern sind die wichtigsten Erzieher ihrer Kinder – auch in Fragen der Sexualität. Eine offene Atmosphäre hilft dabei, denn Kinder spüren schnell, ob ihre Eltern verlegen oder entspannt reagieren.

Beim Anblick des Bauches der Mutter, die mit dem zweiten Kind schwanger ist, fragt oft das Erstgeborene: „Was ist da in Mamas Bauch drin?“ Antwort: „Ein Baby, ein Geschwisterchen.“ Frage: „Und wie kommt es da hin?“ Da wird es interessant. Der eine oder andere wird hier nun mit einer gewissen Verklemmtheit ringen. Doch alles kann man erlernen, und dazu möchte der vorliegende Text Mut machen. 

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Ohne den Anspruch zu haben, das Thema der Sexualerziehung der Kinder umfassend darzustellen, soll dies ein kleiner Parforceritt sein, bei dem versucht werden soll, einige Punkte unserer eigenen Erfahrung als Eltern darzustellen. Beim Thema „Sexualerziehung“ denken viele an den Sexualakt – tatsächlich geht es zu gegebener Zeit auch darum, aber bei Weitem nicht nur.

Mit der Frage des Kindes, wie denn das Baby in den Bauch der Mama gelangt, beginnt bereits die Sexualerziehung: mit einem ruhigen Gespräch, ohne auszuweichen. Tatsächlich sind diese Fragen, die gerne zur Unzeit gestellt werden – und sei es nur in der Hoffnung, so am Abend noch etwas länger wach bleiben zu können – eine Chance, ein Geschenk. Die Sexualerziehung der Kinder beschränkt sich aber nicht nur auf das Gespräch in diesem Moment, sondern ist eine jahrelange Begleitung im Alltag. 

Kein Problemfeld, sondern eine Gabe

Die Sexualität ist nicht ein Problemfeld, sondern eine wunderbare Gabe Gottes. Die römisch-katholische Kirche hat in ihrem Lehramt vieles über die menschliche Sexualität gesagt. Besonders hilfreich und inspirierend hat sich für uns dabei die Theologie des Leibes des heiligen Johannes Paul II. erwiesen: Der Mensch hat nicht einen Leib, sondern er ist Leib, verleiblichte Seele oder beseelter Leib, der auch auferstehen wird und deswegen nicht beliebig ist. Der menschliche Leib spricht eine Sprache, die im Lichte der Berufung des Menschen gelesen werden muss.

Die vollmenschliche Liebe ist auf Hingabe und Fruchtbarkeit hin angelegt und umfasst sowohl den natürlichen als auch den übernatürlichen Teil des Menschen. Jeder Mensch ist eine Person und damit der höchste Wert im geschaffenen Universum. Ich darf den anderen nicht als Objekt benutzen, er ist und bleibt immer Person und Subjekt. 

Die Eltern sind die ersten und wichtigsten Erzieher ihrer Kinder. Das bedeutet, dass ich mich als Vater oder Mutter weiterbilden muss. Denn unsere Elternschaft ist nicht nur eine leibliche und intuitive, obwohl das nicht gerade wenig ist, sondern auch eine geistige, zu deren Ausbau und Vervollkommnung wir eingeladen und aufgefordert sind.

Ziele in der Sexualerziehung sind daher Wahrheit ohne Scham, Reinheit ohne Prüderie, Freiheit ohne Beliebigkeit, Liebe und Verantwortung.
Hinsichtlich der Fragen, die uns die Kinder stellen, ist unser Grundsatz: Fragen werden beantwortet – ehrlich, altersgerecht, ohne Überinformation. 
In der frühen Kindheit (circa eins bis sechs Jahre) entdecken die Kinder ihren Leib ohne moralistische Aufladung. Die Geschlechtlichkeit als Mann und Frau, als Junge und Mädchen, ist relativ klar.

Dies geschieht beispielsweise, wenn ein Baby gewickelt wird und nun das andere Geschwister feststellt, dass bei den Genitalien des Babys scheinbar etwas fehlt oder zu viel ist. Nachdem wir zu Beginn dem Irrtum verfallen waren, die Geschlechtsteile irgendwie verniedlichend zu benennen, war uns doch immer etwas unwohl. Die Verwendung der anatomisch richtigen Begriffe war letztlich eine Hilfe, auch wenn wir uns erst einmal daran gewöhnen mussten. Penis oder Vagina sind die richtigen Begriffe, so wie Kopf oder Hand. Dies ist keinesfalls Schamlosigkeit, sondern vermittelt dem Kind eine Sicht von „Wahrheit ohne Scham“ auf den menschlichen Leib.

Als Mann und Frau erschuf er sie

In dieser Entwicklungsstufe der Kinder haben wir einfache Wahrheiten vermittelt: Gott hat uns als Mann und Frau erschaffen. Die Babys entstehen aus der Liebe von Mama und Papa. Ein in allen Altersstufen wichtiger Aspekt, der schon hier zum Tragen kommt, ist eine Atmosphäre der Offenheit – dass eben über alles gesprochen werden kann. Dafür müssen sich die Eltern „wappnen“, denn die Kinder merken schnell, ob die Eltern verlegen oder entspannt sind. Zugegeben, es ist eine gewisse Herausforderung, wenn ein kleines Kind in Anwesenheit von Verwandten oder Gästen bei Kaffee und Kuchen die Besonderheiten der menschlichen Geschlechtlichkeit erörternd vorträgt. Ohne Humor geht es nicht, und wir sind überzeugt: Er ist etwas Göttliches.

Das Aufwachsen in einer großen Familie mit Geschwistern ist ein großer Vorteil. Die Kinder erleben Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit (zu was sind denn die weiblichen Brüste alles gut?), kleine Babys im Alltag. Die leibliche Fruchtbarkeit wird konkret sichtbar und die Gespräche über die Themen „Warum wächst Mamas Bauch?“, „Warum braucht das Baby Milch?“ entstehen organisch in der Familie. Die Familie wird selbst zum ersten Lehrbuch der Sexualität.

Ab circa sechs Jahren beginnen die Kinder, hinsichtlich der Leiblichkeit bewusstere Gespräche mit den Eltern zu führen, die Liebe wird langsam interessanter, die Themen werden vielfältiger. Das Kind bemerkt körperliche Veränderungen, sei es an sich selbst oder an den Geschwistern. In diesem Zusammenhang soll an dieser Stelle die Würde des Leibes angesprochen werden, die beinhaltet, dass dem Kind seine eigene Intimsphäre zukommt. Das drückt sich beispielsweise in der räumlichen Trennung der Geschlechter aus. Einzelzimmer sind bei großen Familien vermutlich eher selten, aber die Geschlechter müssen getrennt werden. Alle Badezimmer haben Schlüssel, ebenso übrigens das Schlafzimmer der Eltern. Wir ordnen dies unter „Reinheit ohne Prüderie“ ein.

Weiterhin werden in dieser Phase der Vorpubertät (circa sechs bis zwölf Jahre) Verliebtsein und Liebe ein Thema – den Unterschied zwischen beiden ist es wichtig zu erklären. Das Alter ist auch angemessen für die Einführung der Wahrheit, dass die Sexualität zwischen Mann und Frau die Sprache des Leibes der totalen Hingabe an den anderen ist. Es ist bedeutsam, den menschlichen sexuellen Akt in jeder Erklärung immer in die Liebe zwischen Mann und Frau einzubetten. Diese grundlegende Liebe und das Wohlwollen zwischen den Eheleuten sind für das Kind aus seiner Erfahrung heraus selbstverständlich, deswegen versteht es das Konzept meist relativ klar: dass nämlich der sexuelle Akt nur in der Ehe, in der sich die Eheleute Unauflöslichkeit, Treue, Fruchtbarkeit und Bedingungslosigkeit der Liebe versprechen, vollkommen gelebt werden kann.

Diese vier positiven Werte kann und sollte man dem Kind mit einfachen Worten erklären. Die Worte zur Beschreibung des Aktes selbst sollten so gewählt werden, dass sie zwar beschreiben, aber weder die Fantasie noch das Gefühlsleben des Kindes zu sehr in Anspruch nehmen. Beispielsweise kann man davon sprechen, dass in dem Moment der Liebe zwischen Vater und Mutter der Mann den Penis in die Scheide der Frau „legt“. Dies ist eine sanfte Beschreibung der Handlung, die auch die Freiwilligkeit der Annahme und ein zärtliches Handeln andeutet.

Das Erwachen des Geschlechtstriebes in der Pubertät (13 bis 17 Jahre), die Umstellung des Hormonhaushalts und eine damit verbundene beeinträchtigte Fähigkeit zur Mentalisierung – also die Fähigkeit, das eigene Verhalten sowie das anderer Menschen durch innere Zustände wie Gedanken, Gefühle, Wünsche und Absichten zu verstehen – machen diesen Entwicklungsabschnitt besonders herausfordernd. Die Erziehung in der Geschlechtlichkeit muss hier betonen, dass der Mensch eine Person ist, die nie nur Mittel zu einem Zweck sein darf, sondern immer auch ein Ziel in sich ist. Der Wert der Geschlechtlichkeit muss sich unter dem Wert der Person einordnen, er darf nicht ihren Platz einnehmen. Was bedeutet dies? Das sich-auch-leiblich-zum-anderen-Geschlecht-hingezogen-Fühlen ist ein Ausdruck des Gerufenseins zur Hingabe an eine Person des anderen Geschlechts, nicht zur Benutzung derselben. Die Theologie des Leibes spricht hier von der „Dimension des Geschenks oder der Gabe“. 

Erziehung zur menschlichen Freiheit ist zentral

Das Erlernen der Tugend der Keuschheit, die mit der Fähigkeit der Selbstbeherrschung verbunden ist – die eine Erziehung zur menschlichen Freiheit ist – ist hier zentral. Dies betrifft nicht nur die Geschlechtlichkeit, sondern jeden Aspekt des zwischenmenschlichen Lebens. Das muss mit jedem Kind neu besprochen werden, denn jedes ist anders, eine eigene Person mit einer eigenen, einzigartigen Innerlichkeit. Keuschheit hat in unserer heutigen Welt auch viel mit Pornografie und Social Media zu tun. Beide sind übrigens in sich recht ähnlich: Es wird ein Bild gezeigt, das der Wahrheit nicht entspricht, denn es zeigt viel zu wenig. Die Innerlichkeit wird vollständig verschwiegen, die Bilder sollen Umsatz generieren und spielen mit dem Geschlechtstrieb und der Identität und verletzen die Kinder in diesem Alter besonders einfach und tiefgreifend, gerade in ihrem Ringen um den eigenen Selbstwert. 

Um dem Jugendlichen die Innerlichkeit angesichts der sexuellen Reize zu erklären, haben wir es als recht hilfreich gefunden, die Person des anderen Geschlechts in einen Kontext zu stellen, der die Person im anderen zum Vorschein bringt. Beispielsweise ist eine wohlgeformte, ansprechende junge Frau immer eine Tochter, möglicherweise eine Schwester, möglicherweise eine Mutter. Ob sie nun in der U-Bahn sitzt oder sich lasziv auf irgendwelchen Bildern oder in Videos räkelt. Dies stellt den personalen Charakter in den Vordergrund und zeigt die Geschlechtlichkeit als einen, aber nicht den höchsten, Wert. 

Kind mit schwangerer Frau
Foto: Imago/Cavan Images | „Wie kommt das Baby in den Bauch?“ – Mit dieser Frage beginnt bereits die elterliche Sexualerziehung. Sie ist jedoch kein einmaliges Gespräch, sondern ein fortlaufender Prozess, der Kinder und Jugendliche über die ...

Sofern ein Jugendlicher in dieser Zeit Probleme hat, das richtige Maß oder die Selbstbeherrschung zu erlernen (was recht normal ist), dann ist es hilfreich, ihm in Vier-Augen-Gesprächen (Vater und Sohn oder Mutter und Tochter) die Motivationen hinter seiner Handlung sichtbar zu machen. Kein Moralismus, sondern Verständnis, denn die Sexualität ist nie Selbstzweck. Auch in der reinen Biologie nicht, nebenbei. Auch die Fähigkeit der Selbstbeherrschung ist nicht Selbstzweck, sondern die Fähigkeit zur „Freiheit ohne Beliebigkeit“.  Der Begriff Keuschheit klingt leider nach Verklemmtheit und Spaßbremse, wobei das Gegenteil der Fall ist. Nur der Mensch, der sich selbst beherrschen kann, ist frei zu lieben.

Beim Erlernen von Selbstbeherrschung bedarf es der richtigen Zielsetzung: Es geht dabei um das Erringen wahrer Meisterschaft: „Du wirst Meister Deiner selbst. Du bestimmst, wohin die Reise geht – nicht der Geschlechtstrieb.“ Gerade die Väter sind hier besonders befähigt und gefordert, in Hinblick auf die männlichen Jugendlichen, die aufgrund der leichteren optischen Beeinflussbarkeit oft stärker mit dem Thema der Selbstbeherrschung zu ringen haben. Für die weiblichen Jugendlichen geht es dabei oft mehr um die Beherrschung der Gedanken, der Emotionen und Gefühle, die zur Übersteigerung neigen. 

Sehr hilfreich für das Erlernen der Selbstbeherrschung sowie für den Selbstwert ist Sport, regelmäßiges Training. Nicht zuerst im sportlichen Wettbewerb mit anderen, sondern im Überwinden der eigenen Grenzen, in der Erfahrung, zu was unser erstaunlicher Leib in der Lage ist. Gerade der Herausforderung, vom Ansehen der anderen abhängig zu sein, und dem übermäßigen Konsum von Online-Angeboten wird hier wirksam begegnet und die körperliche Selbstwahrnehmung gefördert. Regelmäßiger Kontakt mit der Natur ist ebenso gesund wie hilfreich, denn dies ist die analoge Wirklichkeit, die in ihrer göttlichen Schönheit ein Gegengewicht zur digitalen Reizüberflutung darstellt.

Vertrauensbasis ist große Hilfe

Mit dem Jugendlichen bereits zuvor eine tragfähige Vertrauensbasis aufgebaut zu haben, ist in diesem Alter dann eine große Hilfe, um gute Gespräche mit ihm führen zu können. So können die Eltern vom Jugendlichen als vertrauenswürdig, liebevoll und klug wahrgenommen werden, auch wenn sie zeitweise als unmöglich und peinlich erscheinen mögen.

Die jungen Erwachsenen über 18, die gelernt haben, die Sexualität in ihre Person zu integrieren, sind bereits auf einem guten Weg. Nun ist es hilfreich, der Dynamik einer menschlichen Beziehung in ihrer geistigen und leiblichen Komponente vollkommen Rechnung zu tragen und dem jungen Erwachsenen bewusst zu machen: Eine enge, exklusive Zweierfreundschaft mit einer Person des anderen Geschlechts führt häufig früher oder später dazu, dass sich mindestens einer der beiden in den anderen verliebt. Dies folgt aus dem Geschlechtstrieb und der Ausrichtung des Menschen auf die Hingabe und sollte uns nicht verwundern. Weiterhin zeigt die Erfahrung, dass eine solche Beziehung auf den Vollzug der leiblichen Vereinigung ausgerichtet ist und diese auch anstrebt

 Nicht einfach wird es dann, wenn man – bezogen auf den Lebenslauf – eine solche Beziehung sehr früh eingeht, ohne dass in einem menschlichen Zeitraum eine verantwortbare Eheschließung möglich ist. Erstreckt sich die Zeit der Verlobung über einen zu langen Zeitraum, fühlen sich die jungen Erwachsenen, um mit Bilbo Beutlin aus „Der Herr der Ringe“ zu sprechen, wie zu wenig „Butter auf zu viel Brot verstrichen“.

Die Leiblichkeit des Menschen als „Leibseele“ wird nicht beachtet, wodurch unkeusches Verhalten wahrscheinlicher wird. Daher ist es oft klüger, mit dem Eingehen einer festen Beziehung zu warten. Denn Verliebtsein und Liebe sind nicht dasselbe: Während ersteres ein intensiver, oft flüchtiger Zustand ist, wächst echte Liebe langsam und braucht Zeit, Reife und die richtigen Lebensumstände. Wer wartet, schützt sich davor, über lange Zeit hin- und hergerissen zu sein zwischen dem, was das Herz begehrt, und dem, was verantwortlich gelebt werden kann.

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Es kann daher wertvoll sein, sich zunächst in einer offenen Freundschaft innerhalb eines größeren Kreises zu begegnen – ohne Druck, ohne Exklusivität, aber mit echtem Interesse füreinander. Abschließend soll bemerkt werden, dass die Meisterschaft seiner selbst, die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung und zur Hingabe es dem Menschen erst ermöglichen, auch im sexuellen Bereich ein „guter Liebhaber“ zu sein. Und das ist doch auch ein erstrebenswertes Ziel für uns alle.


Der Autor ist Maschinenbauingenieur, akademischer Referent für die Theologie des Leibes, verheiratet und Vater von zwölf Kindern.

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