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Baustelle Pubertät – Verstehen statt verzweifeln

Wenn das eigene Kind plötzlich auf Contra geht: Was Teenager brauchen und wie Eltern die emotionalen Stürme begleiten können.
Baustelle Pubertät – Verstehen statt verzweifeln
Foto: phone11alex@gmail.com via imago

Wutentbrannt steht die zwölfjährige Emma vor ihrer Mutter und stampft mit dem Fuß: „Du bist so doof. Alle in meiner Klasse haben TikTok auf ihrem Handy. Nur ich nicht. Ihr gönnt mir einfach nichts.“ Sie dreht sich um und verzieht sich mit knallender Tür in ihr Zimmer. Solche und ähnliche Situationen erleben viele Eltern, wenn ihre Kinder in die Pubertät kommen.

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Plötzlich sind aus den gut gelaunten Kindern, die gerade noch die Nähe der Eltern gesucht haben, junge Teenager geworden, die lautstark für ihre Rechte eintreten und dabei hin und wieder sehr verletzend werden können. Nicht selten geraten Eltern in solchen Momenten aus nachvollziehbaren Gründen in Stress. Manche resignieren und bleiben sprachlos zurück, andere gehen in Gegenwehr und sagen ihren frechen Teenagern mal richtig die Meinung. Eine belastete Beziehung ist die Folge. Aber das muss nicht sein.

Entwicklung zu mehr Autonomie

Viele Brennpunkte können in den Teenagerjahren entschärft werden, wenn Eltern verstehen, welchen großen Veränderungsprozess junge Menschen durchlaufen und welche Bedürfnisse sie haben. Jugendliche haben ein großes Bedürfnis nach Freiheit und Selbstbestimmung – und wollen von ihren Eltern nicht mehr wie kleine Kinder behandelt werden. So erobern sie sich immer mehr neue Räume, in denen sie das Sagen haben.

Diese Entwicklung zu mehr Autonomie und mehr Distanz zu den Eltern ist ein wichtiger und gesunder Prozess, weil junge Menschen so zu eigenständigen Persönlichkeiten werden. In der Praxis bedeutet das, dass Eltern in den Teenagerjahren ihre Grenzen mehr und mehr weiten müssen. Es ist okay, wenn die Jugendlichen beispielsweise nicht mehr zu jedem Verwandtenbesuch mitgehen, sondern sich lieber mit Freunden treffen wollen.

Auch sollten sie in einem angemessenen Umfang selbst entscheiden dürfen, welche Klamotten sie tragen, welche Musik sie hören oder wie der Ordnungszustand ihres Zimmers ist. Solange keine ethischen Grenzen verletzt werden, das soziale Miteinander nicht beeinträchtigt wird und ein Mindeststandard von Hygiene eingehalten wird, sollten sie ihren eigenen Stil entwickeln dürfen.

Pubertät als Lebenskrise

Dieses abgrenzende Verhalten bedeutet aber nicht, dass die Nähe zu den Eltern keine Rolle mehr spielt. Der Kinderarzt und Entwicklungspsychologe Remo H. Largo bringt es auf den Punkt: „Jugendliche brauchen Erwachsene, die ihnen vertrauen und Freiheiten gewähren, gleichzeitig aber als verlässliche Ansprechpartner da sind, wenn sie Halt suchen.“

Unsicherheit, die Suche nach Orientierung, Selbstfindung und auch Selbstzweifel prägen die Teenagerjahre, die nicht wenige Jugendliche als Lebenskrise empfinden. Gerade deswegen brauchen sie den sicheren Hafen, in dem ihr Liebestank aufgefüllt wird und in den sie in ihrem Abnabelungsprozess jederzeit zurückkommen können.

Dieser sichere Hafen muss keine heile, perfekte Welt sein, in der alles nur harmonisch verläuft. Natürlich darf und wird es hier auch Auseinandersetzungen und Wutausbrüche wie die von Emma geben. Damit solche Konflikte aber nicht ständig eskalieren oder die Familienatmosphäre vergiften, müssen alle miteinander einen respektvollen Umgang einüben – sowohl die Eltern als auch die Teenager.

 Rationale Entscheidungen eingechränkt möglich

Teenagern fällt dies oft noch schwer, weil die Gefühle Achterbahn fahren. Gerade waren sie noch in bester Stimmung, und auf einmal kann ein kleiner Auslöser zu heftigen Reaktionen führen – und diese bekommen meistens die Eltern zu Hause ab. Entscheidend ist nun, wie sie darauf reagieren. Ein erster wichtiger Schritt ist, dass sich Eltern durch die Emotionen und Kraftausdrücke nicht persönlich angegriffen fühlen.

Die verletzenden Äußerungen sind in erster Linie ein Ausdruck eines inneren Konfliktes, in dem sich der Teenager befindet. Emma möchte selbstbestimmt ihr Handy nutzen, sie will über die aktuellen Trends informiert sein und sie will TikTok nutzen, weil alle in ihrer Klasse die App haben. Hier zeigen sich ihre Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Selbstbestimmung. Stößt sie nun an eine Grenze, führt das zu hoher Frustration. Dieser Frust kommt in den Teenagerjahren meistens ungefiltert heraus, weil der Teil des Gehirns, der für rationale Entscheidungen und Frustrationstoleranz zuständig ist, eine große Baustelle und nur eingeschränkt funktionstüchtig ist.

„Mehr als alles hüte dein Herz“

Haben die Eltern das im Hinterkopf, können sie meistens souveräner und gelassener reagieren. Emmas Mutter kann einen Moment innehalten, durchatmen und sich innerlich zusprechen, dass ihre Tochter sie nicht wirklich blöd findet. Im Buch der Sprüche finden wir die alte Weisheit: „Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus“ (Sprüche 4, 23).

Das, was Eltern in ihren Herzen tragen, und dazu gehören auch ihre Gedanken, hat Einfluss darauf, wie sie reagieren. Innere Sätze wie „Emma ist gerade aufgewühlt. Sie fühlt sich beschränkt. Sie braucht meine Begleitung“ werden zu ganz anderen Reaktionen führen als Gedanken wie „Wie kann dieses Kind so respektlos mit mir reden? Jetzt werde ich ihr mal zeigen, wo es lang geht.“

Verständnis, Respekt und Wertschätzung

Ist Emmas Mutter innerlich stabil und hat sich auch ihre Tochter beruhigt, kann sie an Emmas Zimmertür klopfen und das Gespräch suchen, indem sie zunächst Verständnis zeigt. „Ich merke, du bist richtig sauer. Ich kann verstehen, dass es dich ärgert, dass du kein TikTok hast.“ Noch ist das nicht der richtige Zeitpunkt dafür, große Erklärungen abzugeben. Erst mal geht es nur darum, die Gefühle zu reflektieren und in Beziehung zu gehen.

Auf dieser Grundlage kann dann etwas später gemeinsam überlegt werden, wie Emma ihren Frust in Zukunft weniger verletzend zum Ausdruck bringen kann. Auch die Handyregel kann noch mal diskutiert und abgewogen werden, aber erst, wenn Ruhe in die Beziehung gekommen ist. Eltern brauchen im Alltag nicht zu verzweifeln, wenn es mal hoch hergeht. Stattdessen können sie diese Situationen als eine Chance sehen, ihre Kinder in vielen Gesprächen darin zu begleiten, sich zu reifen und konfliktfähigen Persönlichkeiten zu entwickeln.

Dabei sind Verständnis, Respekt und die Wertschätzung von Bedürfnissen entscheidende Schlüssel. Ist die Haltung der Eltern von diesen Werten geprägt, wird es für Emma leichter sein, die Grenzen der Eltern zu akzeptieren, und die Mutter kann gelassener dem nächsten emotionalen Ausbruch entgegensehen. Denn die gehören zur Pubertät einfach dazu.


Die christliche Organisation „team-f“ gehört zur evangelischen Allianz und bietet Seminare zu verschiedenen Themen an.

Zum Thema Pubertät: www.team-f.de/veranstaltungen/6495 Die Autorin leitet den Fachbereich Familie und Beziehung von „team-f“. Die Diplom-Pädagogin ist verheiratet und hat drei Kinder.

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