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Jakob – „Fersenhalter“ und Gottesstreiter 

Die große Verheißung ist in ihrer Erfüllung oft mit Mühsal und Rückschlägen verbunden. 
Im oberfränkischen Trumsdorf findet sich diese Malerei aus dem 18. Jahrhundert mit dem träumenden Jakob und der Engelsleiter.
Foto: Wiki Commons | Im oberfränkischen Trumsdorf findet sich diese Malerei aus dem 18. Jahrhundert mit dem träumenden Jakob und der Engelsleiter.

Kein Prophet, kein Heiliger, jedoch einer der Erz- und Stammväter des Volkes Gottes – und nicht nur das, sondern sogar dessen Namensgeber, da er selbst nach einem nächtlichen Kampf diesen neuen Namen empfangen hatte: Israel („Gottesstreiter“). Ein Name als Programm. Das Leben mit Gott ist kein Wellnesspfad, vielmehr ein Kampf des Geschöpfes mit seinem Schöpfer. Aalglatt ist niemand im Alten Testament; hier wird von Menschen mit Ecken und Kanten berichtet und von Prüfungen, die niemand vorhersehen kann und deren Ausgang im besten Fall das Resultat einer Symbiose zwischen Gott und Mensch sein kann. 

Doch auch Jakob hat klein angefangen – als „Fersenhalter“, wie sein Name ebenfalls gedeutet wird. Bei der Geburt hielt er sich an der Ferse seines um weniges älteren Zwillingsbruders Esau fest, um das Licht der Welt erblicken zu können. Die Auserwählten Gottes sind von ihrem Anbeginn an, also schon im Mutterleib, in gewisser Weise anders als alle anderen. Keineswegs besser, aber eben „anders“, wie auch Gott der ganz Andere ist. 

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Das Bewusstwerden dieses Andersseins wächst wohl erst langsam im Laufe des irdischen Daseins in der Seele solcher Menschen: einerseits durch das, was ihnen widerfährt, und andererseits durch die Art und Weise, wie sie darauf reagieren. Denn ein Auserwählter weiß vor allem, dass er nichts ist ohne Gott und alles auf den Schöpfer zurückzuführen und auf diesen hingeordnet ist. Er wächst von Bewusstseinsstufe zu Bewusstseinsstufe näher an Gott heran und muss dabei immer wieder die jeweils vorhergehende loslassen, um für die nächste vollkommen verfügbar zu sein – wie in Hermann Hesses berühmtem Gedicht „Stufen“: „Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe bereit zum Abschied sein und Neubeginne … und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, und schließlich: „Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Jakob hat dies wohl am eigenen Leib erfahren, lange vor Hesse. Doch die Essenz des Seins ändert sich auch in Jahrtausenden nicht, so sehr das Geschöpf sich bemüht, die Dinge nach eigenem Gutdünken zurechtzubiegen. 

Jakob war von Anfang an ein „Schlauer“. Er war der Liebling seiner Mutter, während der Vater Isaak – jener, der dem Engel, der ihn vor dem Opfertod bewahrte, sein Leben verdankte – den erstgeborenen Bruder Esau bevorzugte, unter anderem deshalb, weil dieser gerne Wildbret aß. Dennoch verzichtete Esau später sogar unwiderruflich auf sein Erstgeburtsrecht – für das sprichwörtlich gewordene Linsengericht. 

Vielleicht ein Ahne der Veganer von heute? Obwohl er Wildbret mochte? Es ist nicht immer alles logisch in der Bibel. Auch darin ist sie ein Spiegel des menschlichen Lebens. Jedenfalls war Esau die Befriedigung eines kurzfristigen Bedürfnisses wichtiger als die Aussicht auf eine langfristige Berufung – eine weitverbreitete menschliche Schwäche, die auch mit vielen Missständen der Gegenwart ursächlich verbunden ist. Jakob erschlich sich seine Stellung im Leben und sogar den väterlichen Segen – mit Hilfe seiner Mutter Rebekka –, indem er die Blindheit seines Vaters ausnutzte und diesem vorspiegelte, er sei Esau. Kein Grund für Gott, ihn zu verwerfen. Im Gegenteil: Gott bleibt ihm treu, bleibt der Leuchtturm seines Lebens. Auch wir dürfen also trotz unserer unwiderstehlichen Neigung zur Sünde und unserer inneren Widersprüche auf Gnade hoffen, ohne die wir nichts sind und nichts vermögen.   

Die Himmelsleiter als Weg nach oben 

Rebekka schickt Jakob zu ihren Verwandten nach Haran, um ihn vor möglichen Nachstellungen seines Bruders Esau zu schützen. Auf dem Weg dorthin hat Jakob während einer Rast einen außergewöhnlichen Traum. Er sieht eine Leiter zum Himmel, auf der Engel auf- und niedersteigen und an deren Spitze er den Herrn selbst erblickt, der sich als Gott seiner Väter zu erkennen gibt und Jakob Land und zahlreiche Nachkommen verheißt, wie zuvor schon seinem Großvater Abraham. Oben und unten sind durch diese Leiter verbunden. Gott steht über allem und ist doch seinen Geschöpfen nahe. Die Engel sind jene Boten, die diese Verbindung aufrechterhalten. Jakob wird weitere Stufen auf dem Weg der Vorsehung erklimmen und dabei Gottes Beistand auch in durchaus materiellen Belangen erfahren. 

Das ereignisreiche Leben nimmt seinen Lauf. Als Jakob bei Laban ankommt, begegnet er an einem Brunnen, an dem gerade Labans Vieh getränkt wird, dessen Tochter Rahel. Er verliebt sich sofort in sie und bittet bei seinem Onkel um ihre Hand. Dieser willigt ein, verlangt jedoch, dass Jakob sieben Jahre dafür arbeiten soll. Diese Begegnung weist auf geheimnisvolle Weise bereits auf das Neue Testament voraus. Jakob ließ später an anderer Stelle einen Brunnen graben, der als „Jakobsbrunnen“ bekannt wurde und an dem viele Jahrhunderte später Jesus der Samariterin begegnen und ihr jenes Wasser anbieten wird, das den geistlichen Durst endgültig zu stillen verheißt. 

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Als die sieben Jahre um sind, wird Jakob jedoch selbst betrogen – so, wie er einst seinen Vater betrogen hatte: Laban unterschiebt ihm für die Hochzeitsnacht seine erstgeborene Tochter Lea. Für Rahel muss Jakob weitere sieben Jahre arbeiten. Heute ist es nicht mehr üblich, sich die Ehe mit einer Frau zu „erarbeiten“, ebenso wenig wie mit mehreren Frauen zugleich eine Ehe einzugehen. Auch Engel werden heute vielfach ins Reich der Fabelwesen verwiesen, obwohl dies vielleicht gar nicht so vernünftig ist, wie es manchem erscheinen mag. Dennoch deuten die großen Geschichten des Alten Testaments nicht selten geheimnisvoll auf den erst durch das Neue Testament endgültig geoffenbarten Christus hin. Insofern erweisen sie sich als prophetisch – als Verbindung mit der tieferen Wahrheit des Menschseins und mit einer nicht an Zeit und Raum gebundenen Essenz der Schöpfung. 

Am Jabbok ereignet sich die Geburt Israels 

Die Bibel erzählt keine idealen Lebensläufe, sondern Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind. Mit einem Schuss Aufrichtigkeit kann sich der Mensch in ihnen wiedererkennen. Offen – vor allem für das Wort Gottes – werden wir oft in jenen Momenten, in denen wir uns im eigenen Leben nicht mehr auskennen und nach einem gangbaren Ausweg suchen. Es sind Augenblicke, in denen wir uns möglicherweise erstmals die entscheidenden Fragen stellen: Wer sind wir? In welcher Welt leben wir? In welcher Welt wollen wir leben? Und was können wir dazu beitragen, unsere Vorstellungen mit der Realität in Einklang zu bringen? So gleiten wir auf eine Bewusstseinsebene, auf der uns die biblischen Figuren nicht mehr ganz so fremd erscheinen. 

All dies mag in eines der folgenschwersten Ereignisse in Jakobs Leben eingeflossen sein: den nächtlichen Kampf am Fluss Jabbok mit einem unbekannten Wesen – vielleicht einem Engel, vielleicht Gott selbst –, dem Jakob standhält. Das Ringen dauert bis zum Morgengrauen und bleibt ohne Sieger. Jakob fordert einen Segen und erhält ihn. Zugleich bekommt er erstmals seinen neuen Namen: Israel – „der Gottesstreiter“. Die Geschichte dieses Volkes macht diesem Namen alle Ehre. Mit Gott zu leben heißt auch, mit Gott zu streiten, ja sogar mit Gott zu ringen, ohne sich auf irgendwelchen Lorbeeren auszuruhen. Bei Matthäus (10,34) sagt Jesus selbst: „Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ 

Ereignisse und Worte, die unsere Vorstellung von Gott gehörig durcheinanderwirbeln mögen, vielleicht aber auch erkennen lassen, dass nichts von dem, was auf Erden geschieht, als Beweis dafür gewertet werden kann, dass es keinen Gott gibt. Die quälendste Frage für jeden Gläubigen bleibt wohl jene, wie es möglich ist, dass ein allmächtiger Gott so viel Böses in der von ihm geschaffenen Welt zulässt, dass Gewalt, Lüge und Betrug so oft die Oberhand zu behalten scheinen. Irgendwie müssen wir Menschen lernen, mit dem Bösen umzugehen, das wir nicht endgültig zu besiegen vermögen – zumal es in seiner eigenen Logik liegt, stets als das Gute erscheinen zu wollen. Dieser Sieg bleibt Christus am Kreuz vorbehalten, den wir rein intellektuell kaum vollständig nachvollziehen können, an den wir aber im Vertrauen auf Gott glauben dürfen. 


Der Autor ist Schauspieler und Sprecher.

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