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Norbert Bolz: Betrachtungen zur richtigen Entfernung

Der bekannte Medien-Experte und Religionsphilosoph Norbert Bolz sinniert in einem Beitrag für die „Tagespost“ über das Miteinander während Corona-Zeiten.
Die richtige Entfernung in Coronazeiten
Foto: Sebastian Gollnow (dpa) | Die richtige Entfernung.

 „Das Corona-Virus hat aus “social distancing” ein Allermundewort gemacht. Es geht dabei ja um die 1,5 bis 2 Meter, die wir voneinander Abstand halten sollen. Das ist auf Dauer genau so unerträglich wie das Gegenteil: Menschen, die uns buchstäblich auf den Leib rücken. Wenn man zwei Meter Abstand von jemandem hält, signalisiert man normalerweise, dass man keinen Kontakt möchte. Wenn man jemandem auf den Leib rückt, ist man aufdringlich und unverschämt. Anthropologen haben herausgefunden, dass 50 bis 75cm die richtige Entfernung für zwei Menschen sind, die miteinander kommunizieren möchten. Diese richtige Entfernung zeigt sich als Ungezwungenheit im Umgang miteinander.“

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Pathos der Distanz

Bolz weiter: „Allerdings verträgt sich die soziale Geste des Distanzierens schlecht mit den Usancen der Massendemokratie. Nur ein Außenseiter wie Nietzsche konnte deshalb noch vom Pathos der Distanz sprechen, um Rangordnung und Hierarchie zu fordern. Aber auch die Amerikaner, die sich alle gleich beim Vornamen nennen und zunehmend auch auf äußerliche Statussymbole verzichten, achten doch ganz instinktiv die natürliche Distanz. Macht üben sie nicht durch Rangordnung sondern durch Hackordnung aus.“

Der Prominente ist der Eminente

Die natürliche Distanz nach Belieben unterschreiten zu können, so der bekannte Wissenschaftler, sei ein Ausdruck von Macht. „Das wird besonders sichtbar in den Drohgebärden der Kriminellen, die sich dann Aug’ in Aug’, Stirn an Stirn gegenüberstehen. Aber auch das Gegenteil ist ein Ausdruck von Macht: die anderen sich nicht nahen zu lassen, den Zugang zum Machthaber zu erschweren. Den Grenzwert dessen bildet die Unnahbarkeit des Herrn – eine Qualität, die man früher Aura oder Charisma genannt hat. Heute kennen wir das nur noch von den Superstars der Unterhaltungsindustrie und den Spitzenpolitikern. Der Prominente ist nämlich immer auch der Eminente.“


DT/mee

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