Feuilleton

Michael Hesemann: Pius XII. hatte Mord an Hitler abgesegnet

Der bekannte katholische Historiker Michael Hesemann („Der Papst und der Holocaust“) berichtet im Interview mit der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ von seinen neuen Forschungseinblicken zu Papst Pius XII.
Pius XII.
Foto: Piper | Papst Pius XII. hat die Handlungsfreiheit der Katholiken im Widerstand gestärkt.

Hesemann sagt: „Wir können jetzt nachweisen, dass er nicht nur in drei öffentlichen Ansprachen gegen die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden protestierte, sondern dass er auch in mindestens 40 diplomatischen Interventionen immer wieder versuchte, Deportationen zu verhindern oder zumindest aufzuschieben. Diese richteten sich zumeist an Hitlers Vasallenstaaten und waren teilweise sogar erfolgreich. So verzichteten Bulgarien und Rumänien ganz auf eine Auslieferung der Juden an die Nazis, in Ungarn ließ der Staatschef die Deportationen einstellen. Insgesamt verdanken mindestens 960000 Juden diesen Bemühungen ihr Leben!“

Retten, nicht reden

„Die öffentlichen Proteste“, so Hesemann weiter, „endeten erst im September 1943, als die Deutschen Italien besetzten und der Vatikan umzingelt war. Pius XII. wusste, dass Hitler den Befehl erteilt hatte, den Vatikan zu stürmen und ihn nach Deutschland zu verschleppen, sollte er noch einmal gegen die Verfolgung der Juden protestieren. Sein eigenes Leben war ihm egal, er hatte seine Rücktrittserklärung vorbereitet. Aber ohne einen funktionierenden Vatikan hätte er den Juden nicht mehr helfen können. Damals versteckte er im Vatikan und in über 200 römischen Klöstern um die 4500 Juden. Die Deutschen duldeten das stillschweigend, solange der Papst nach außen hin Schweigen bewahrte. So wurde 'Retten, nicht reden' zu seinem Motto. Stilles, effizientes Handeln statt lauter Proteste, die nur zur Eskalation und zu Vergeltungsaktionen der Nazis geführt hätten.“

Pius-Pakt mit Hitler? Fakenews!

Dass Pius einen Pakt mit Hitler gegen den Kommunismus geschlossen habe, wie oft kolportiert wird, bezeichnet Hesemann als Fakenews. Schon im Oktober 1939 habe Papst Pius XII. „eingewilligt, mit dem deutschen Widerstand zusammenzuarbeiten und später die Pläne, Hitler zu ermorden, abgesegnet. Leider scheiterten sie. Aber bitte, wann hat es das zuletzt gegeben, dass ein Papst an einer Verschwörung zum Sturz eines Staatsoberhauptes beteiligt war – zuletzt in der Renaissance! Das zeigt doch überdeutlich, für wie gefährlich er Hitler hielt, dass er sogar einen Tyrannenmord befürwortete.“

DT

Michael Hesemann zu Pius XII. – Lesen Sie das ganze Interview in der Ausgabe der „Tagespost“ vom 18. Oktober 2018.

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