Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Tschechiens Oskar Schindler

Die Autobiografie des Erziehers Premysl Pitter zeugt von beeindruckender christlicher Nächstenliebe.
Biographie von Premysl Pitter
Foto: IN | Premsyl Pitter erhielt den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Literatur kann der Anfang zur Lebenswende sein: Als junger Mann bekehrte sich der tschechische Erzieher und Humanist Premysl Pitter (1895–1976), nachdem Tolstois Volkserzählungen ihm den christlichen Glauben nähergebracht hatten: „Ich besorgte mir ein Neues Testament, um mich zu überzeugen, dass sich Tolstoi die Auszüge aus den Evangelien nicht ausgedacht oder etwas hinzugefügt hatte. Ich las und staunte. Welch eine Tiefe, welch eine Schönheit!“

Seiner Wendung hin zum Christentum folgte segensreiches Handeln über Jahrzehnte. Als älterer Mann erkannte Pitter, was dadurch möglich geworden war, indem er schrieb: „Ich glaube nicht an den Zufall. Ich muss an die Vorsehung glauben, die die Entwicklung der Welt, der Menschheit und eines jeden von uns lenkt.“ Er zitierte in diesen Zeilen den Gründer und ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomás Garrigue Masaryk, aber Pitter sprach vor allem sein eigenes Schicksal an.

Rätselhaft dem Tod entronnen

Die schweren Gefechte im Ersten Weltkrieg überlebte er, während fast alle um ihn herum starben. Daraufhin entfloh er dem Kriegswahnsinn, wurde jedoch aufgegriffen und inhaftiert. Der Hinrichtung entkam der Desertierte. Warum, blieb ihm selbst ein Rätsel. Während ein anderer Geflüchteter erschossen wurde, stellte der Militärrichter Pitter lediglich einige Fragen, dann ging es zurück an die Front. Er desertierte ein zweites Mal und entging der Exekution durch einen plötzlichen Angriff des Feindes, der Panik auslöste und ihn befreite.

Während des Zweiten Weltkriegs, als 1941 die Deportationen der Juden aus Prag begannen, verwandelten Premysl Pitter und sein Team ein Erholungsheim außerhalb der Stadt in ein Versteck für jüdische Kinder. Zudem versorgten sie jüdische Mitbürger mit Lebensmitteln. Zwei Jahre passierte ihnen nichts, obgleich viele Menschen von diesem Tun wussten. Dann wurde Pitter in das Gestapo-Hauptquartier vorgeladen – doch auch diese gefährliche Situation überstand er unversehrt. War es sein Mut, die einfache Wahrheit auszusprechen und ein Mitfühlen im anderen zu wecken?

Dem Leiter der Abteilung für die Liquidierung der Juden – einem Dr. K. – antwortete er auf dessen Vorwürfe, dass er Juden helfe: „Aber vom menschlichen Standpunkt aus werden Sie es wohl verstehen.“ Nach einer langen Stille durfte Pitter schließlich gehen und kehrte in das Kinderheim zurück: „Ich öffnete die Tür zu jenem Zimmer, in dem ich mich vor kurzem von meinen Freunden verabschiedet hatte. Immer noch saßen sie zusammen, versunken in stillem Gebet. Sie sahen mich an, als wäre ich eine Erscheinung.“

Hunderte Kinder vor Hungertod und Gewalt bewahrt

Vielleicht geschah die Errettung dieses Einzelnen, um Hunderte andere Menschenleben zu retten: Pitter und seine Helferin Olga Fierz haben jüdische und deutsche Kinder während und nach dem Zweiten Weltkrieg aus Konzentrations- und Internierungslagern vor Hungertod und Gewalt bewahrt, vor ihren Verfolgern versteckt, sie liebevoll versorgt und so vieles zum Guten gewendet. Kein Kind soll verloren sein, war die Devise, und sie schloss auch die Nachkommen jener ein, die zur Tätergeneration gehörten.

Im Prag der Nachkriegszeit verschaffte sich Premysl Pitter Zugang zu den Internierungslagern für Deutsche und berichtete den Behörden über die katastrophalen Zustände. Sein Einsatz führte dazu, dass elternlose und kranke Kinder in seinen Erholungsheimen aufgenommen wurden. Dort erfuhren die deutschen Kinder etwas, das in jener Zeit alles andere als selbstverständlich war: Sie wurden mit Menschlichkeit, Fürsorge und uneingeschränkter Solidarität behandelt. Selbst von den jüdischen Jugendlichen, die ihre Familien durch die Nazi-Herrschaft verloren hatten: „Das Verhalten unserer Juden war ein beschämendes Beispiel von Großmut für die „christliche“ Welt ringsum. Eine Welt, die sich vom Drang nach Vergeltung betören ließ und so viele neue Leiden hervorrief.“

Geschichte mit Potenzial zur Verfilmung

Für sein Engagement geriet Pitter jedoch selbst unter Druck und musste sich wiederholt gegen den Vorwurf wehren, mit seiner Hilfe feindliche Kräfte zu begünstigen. Auch unter den Kommunisten geriet er wiederholt in Gefahr. In einer dramatischen Flucht verließ er 1951 sein Heimatland, wieder musste er vor einer drohenden Verhaftung fliehen. Aufgrund seines Gesundheitszustandes wäre der Weg in die Zwangsarbeit einer Reise in den Tod gleichgekommen. Im Exil warteten neue Aufgaben, im Lager „Valka“ bei Nürnberg versah Pitter soziale Dienste in einem Lager für Ostflüchtlinge. Zusammen mit Olga Fierz ging er dann in die Schweiz, wo er nach dem Zusammenbruch des Prager Frühlings tschechische Emigranten betreute. Im Jahre 1964 erhielt er den israelischen Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“.

Diese persönliche Geschichte, die auch ein Stück europäischer Geschichte ist mit bislang wenig ausgeleuchteten Nischen wie der Beschreibung der Barackenstadt „Valka“, ist großartig zu lesen. Die Neuauflage von Pitters Autobiografie ist ein Projekt der Münchner Ackermann-Gemeinde, des Prager Pitter-Archivs und der Autorin Sabine Dittrich. Die Mischung aus bewegenden Schilderungen tatsächlicher Ereignisse, gelebter Menschlichkeit und beeindruckenden Zeugnissen christlicher Nächstenliebe besitzt das Potenzial zur Verfilmung. Aber welcher Regisseur könnte das glaubhaft umsetzen?


Premysl Pitter: Unter dem Rad der Geschichte: Autobiografie, Neufeld Verlag, 173 Seiten EUR 18,–

Die Rezensentin ist freie Journalistin und Buchautorin.

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