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Zwei Wege zur Überschreitung des Menschen

KI ist in aller Munde, geistig durchdrungen wird sie bisher kaum. Der Philosoph Jan Juhani Steinmann reflektiert die Grenzen der Künstlichen Intelligenz.
IFA 2025 Berlin
Foto: Imago/NurPhoto | Simuliert höchstens den Verstand, nicht aber die Vernunft: Ein KI-basierter Roboter bei der IFA-Messe 2025 in Berlin.

Die Auswirkungen der Künstlichen Intelligenz (KI) – auf den Arbeitsmarkt, die tägliche Kommunikation und das Selbstverständnis der Menschen – sind heute schon gewaltig, auch wenn wir erst am Anfang dieser grundstürzenden Entwicklungen stehen. Hier tut gerade aus katholischer Perspektive eine mutige Stellungnahme, eine Unterscheidung der Geister, not. Mit der „Kritik der künstlichen Vernunft“ des Philosophen Jan Juhani Steinmann liegt nun eine Untersuchung vor, auf die sich alle weiteren Debattenbeiträge beziehen sollten und an der sie sich messen lassen müssen.

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Die gegenwärtige digitale Transformation ist aus der Sicht Steinmanns eine der größten Herausforderungen dieses Jahrhunderts, ja der gesamten Menschheitsgeschichte. Der Autor schreibt, auf die Gabe des Prometheus anspielend: „Ein ungestümes Feuer wurde dem Menschen hier in die Hand gegeben, das er kaum zu bändigen weiß.“ Steinmann versucht sich nun an einer gedanklichen „Bändigung“ der disruptiven Energien der digitalen Transformation, indem er – wie es von jeher das Geschäft des Denkens war – grundlegende Unterscheidungen trifft. Es ist ihm um Kritik zu tun im Sinne einer Unterscheidung der natürlichen Vernunft des Menschen von der künstlichen Vernunft des Digitalen. Die zentrale Frage, deren Beantwortung alle Unterscheidungen dienen sollen, lautet: Sind die Entwicklungen der künstlichen Vernunft vereinbar mit dem christlichen Glauben, dienen sie ihm vielleicht sogar – oder sind sie ihm abträglich?

Ein erstes Ergebnis, zu dem Steinmann gelangt, greift wiederum auf die klassische Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft zurück. Die Vernunft kann intuitiv das Ganze erfassen, während der Verstand analytisch zerteilt und logisch folgert. Nur das letztere Vermögen könne die KI imitieren. Das eigentlich Menschliche, die Vernunft oder „das Noetische“, entziehe sich hingegen einer funktionalen Nachahmung.

Ungeachtet dieser Tatsache wird die digitale Transformation von der Ideologie des Transhumanismus begleitet, die eine Überschreitung des Menschen durch technischen Fortschritt anstrebt. Steinmann bezeichnet diese Ideologie als das „Paradigma der Trans-Humanität“. Dieses Paradigma kontrastiert er – in einer weiteren Unterscheidung – mit dem klassischen „Paradigma der Humanität“, wie es die „maßgebenden Menschen“ (Jaspers) verkörperten und in kulturprägender Form initiierten – Menschen wie Sokrates, Buddha, Konfuzius und Jesus.

Der christliche Gedanke der Theosis, also der Vergöttlichung des Menschen, wie er besonders in der Ostkirche verbreitet ist, führt Steinmann zu einem dritten grundlegenden Paradigma: dem „Paradigma der Theo-Humanität“. Auch dieses Paradigma verheißt eine Überschreitung des Menschen, aber nicht durch technischen Fortschritt, sondern allein durch Gottes Gnade: „Das Christentum lehrt nicht die Selbstvergottung, sondern die Vergottung in und durch Gott, aufgrund der göttlichen Gnade der Teilhabe an Gott.“

Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidungen ergibt sich wie von selbst die Aufgabe, das „Paradigma der Trans-Humanität“ vom „Paradigma der Humanität“ sowie vom „Paradigma der Theo-Humanität“ abzugrenzen – stets eingedenk, dass das erstgenannte Paradigma durchaus im Einklang mit dem Gedanken der Theosis steht, wenn es eine Überschreitung des Menschen anvisiert. Eine Kernfrage lautet: „Ist das Digitale in all seinen Ausprägungen eine Intensivierung der Möglichkeiten zur Sünde?“ Diese Frage wird im Zuge der Abgrenzungen von Steinmann grundsätzlich bejaht. Die Gefahren der KI bestehen darin, dass der Mensch kognitiv degeneriert, unfrei und zerstreut wird, sich mit bloßem Schein umgibt und unfähig wird, das Licht des Göttlichen, in dem er seine eigentliche Bestimmung finden könnte, noch wahrzunehmen.

Steinmanns Werk ist in zwölf „Menetekel“ („Warnzeichen“) unterteilt, die stets ein genuin christliches Verständnis der Welt und des Menschen dem „Paradigma der Trans-Humanität“ entgegenstellen. Christlich sei nicht der Wille zur Macht, sondern der Wille zur Fruchtbarkeit. Die Technik sei zu bejahen, wenn sie der größeren Ehre Gottes dienen und den Dienst am Menschen fördern könne. Konsequent gedacht, sei das Christentum sogar „der einzig wahre, weil einzig wirklich radikale Transhumanismus“, da nur die Vergöttlichung den Menschen wirklich von sich befreien könne.

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Steinmanns Buch ist grundlegend, aber es birgt auch Abgründe und Dunkelheiten, besonders dort, wo seine Sprache sich im Poetischen ergeht. Das ist vom Autor durchaus intendiert, denn nur das Abgründige und Dunkle kann Steinmann zufolge dem „Paradigma der Theo-Humanität“ gerecht werden. Gleichwohl wird hier eine Beurteilung für den Leser schwierig. Vermutlich kann erst das Kommende erweisen, ob die Neologismen und gewisse Volten Steinmanns nur bedeutungsschwanger sind oder wirklich fruchtbar für ein christliches Denken der Zukunft. „Wer es fassen kann, der fasse es!“


Jan Juhani Steinmann: Kritik der künstlichen Vernunft. Vorspiel eines Anathemas, Rückersdorf üb. Nürnberg: Lepanto, 2025, 462 Seiten, Klappenbroschur, EUR 29,50

Der Rezensent ist promovierter Philosoph. Er arbeitet als freier Autor und Lektor.

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