Rügen ist keine Weltanschauung – dafür taugen andere Inseln vor deutschen Küsten besser –, sondern ein Kontinent. Von Meer umspülte weite Erdmasse, keine Metropole. Dabei übertrifft sie, der Fläche nach, die deutsche Hauptstadt. Im Herbst, jenseits der Ferien, kehrt auf den Dutzende Kilometer langen Sandstränden im Osten und im Südosten Ruhe ein, Ruhe auch deshalb, da der Wind oft kontinental gemäßigt bläst, anders als an der Nordsee. Im Sommer indes ist an Einkehr angesichts von 6,7 Millionen Übernachtungen (2025) kaum zu denken auf Deutschlands größter Insel.
In der kalten Jahreszeit verteilen sich die Besucher über das von Halbinseln und Landzungen, Flach- und Steilküste mit einem der weltweit urtümlichsten Buchenwälder, beträchtlichen Hügeln und also auch Tälern geprägte Eiland, das seit 90 Jahren durch einen Damm über den zwei Kilometer breiten Strelasund mit dem Festland verbunden ist. Vor knapp 20 Jahren kam die Strelasundquerung hinzu, die die alte, im Sommer chronisch verstopfte Verbindung entlastet.
Bis 1936 gelangten seinerzeit schon angeschwollene Touristenströme allein per Fähre meist von Stralsund, der ältesten Stadt Pommerns und Gründungsmitglied der Hanse, auf die Insel. Vom Festland übergesetzt wurde nach Altefähr, dem kleinen Fischerdorf im Südwesten Rügens. Von dessen Hafen aus oder von einer Anhöhe vor der Kirche eröffnet sich dem Betrachter ein unverstellter Blick auf die markante Stralsunder Stadtsilhouette mit Speichern, Ozeaneum und den Hauptkirchen. Deren mächtigste, St. Marien, ist bis zu einem Blitzeinschlag 1647 mit dem damals 151 Meter hohen Turm das höchste Gebäude der Welt gewesen; seither sind es 104 Meter. Ob man mit Ausschau von dessen Brüstung eine Rügenreise beginnt oder beschließt, bleibt persönlichen Vorlieben überlassen.
Ist der Strelasund überquert, verliert sich zunächst schnell das Inselgefühl, denn in jede Himmelsrichtung erstrecken sich Felder, Wälder, Hügel, kleine Dörfer. Weites Land. Binz heißt das Ziel, das Ostseebad der Insel. Mehr als 40 Kilometer sind von Altefähr zurückzulegen, bis Kap Arkona im Norden 60. Das nach Übernachtungen größte Seebad Rügens hat 5.300 Einwohner und liegt wie auf einem Kreuz mit Verästelungen am Meer, nach Norden der Blick auf Mukran mit dem Hochseehafen und Sassnitz, nach Süden der Buchtausläufer, hinter dem sich Sellin mit der malerischen Seebrücke verbirgt. Die zurückgenommene Position bietet Schutz. Der Sandstrand ist breit und zieht sich kilometerweit hin bis Prora mit einer vorzüglich ausgebauten Promenade. In Nord-Süd-Richtung ist das Städtlein von prächtiger Bäderarchitektur geprägt, die sich in zweiter Reihe fortsetzt, neben dem eindrucksvollen Kurhaus Hotels und Logierhäuser aus alter Zeit.
Erst durfte man nicht draußen baden
Von West nach Ost ist es die Hauptstraße, die vom Schmachtersee, einem Binnengewässer, bis zur Seebrücke reicht. Dort legen Ausflugsdampfer ab. Mit 370 Metern Länge ist die Seebrücke nach jener in Sellin die längste der Insel. Sie taugt für tägliche Gänge, besonders nach Einbruch der Dunkelheit, wenn die Uferbebauung in festliches Licht getaucht ist. Empfohlen sei einer der geführten Ortsrundgänge unter dem Motto „Binz um 1900“, der Einblick verschafft in den aufstrebenden Bädertourismus. So viel vorweg: Das Bad in der See war zunächst verpönt, Meerwasser wurde über Leitungen in Badehäuser geführt und dort, angewärmt, in Wannen verabreicht.
Über die Insel hinaus bekannt ist das „Seebad der Zwanzigtausend“. „Kraft durch Freude“, eine Organisation der nationalsozialistischen Deutschen Arbeitsfront, wollte im nahen Prora ein Erholungszentrum errichten, den „Koloss von Rügen“: 4,5 Kilometer lang, acht Blöcke mit Gastronomie, Kino, Tanzsälen, Schiffsanleger. Mit gewaltigem Aufwand gingen Tausende von 1936 bis 1939 ans Werk. Bei Kriegsausbruch kam es zum Abbruch der Arbeit, doch die Rohbauten waren weit fortgeschritten. Drei Blöcke sind nach dem Krieg beseitigt worden, die fünf verbliebenen beherbergten bald die größte Kaserne der DDR, zunächst der Volkspolizei, später der NVA. Sowohl eingesperrte Großgrundbesitzer waren da schon weg als auch die nach ihnen einquartierten Heimatvertriebenen. Der von der Bundeswehr aufgegebene Standort, einst entworfen vom Kölner Architekten Clemens Klotz, der seinem Namen ein steinernes Abbild schuf, ist ab 2004 blockweise verkauft worden. In den denkmalgeschützten Komplex zogen Hotels, Ladengeschäfte, Lokale; Eigentumswohnungen entstanden. Ein Dokumentationszentrum informiert zur Geschichte.

Von Prora aus lohnt die Weiterfahrt nach Sassnitz (8.900 Einwohner) mit Abstecher in den Wald vor Mukran. Von einem Parkplatz ist der Weg auf ein eher unscheinbares Areal ausgewiesen, übersät mit Farn, Wacholderbüschen und Stechpalmen zwischen Feuersteinfeldern. Durch eine Serie gewaltiger Sturmfluten gelangten die Steine vor 3500 Jahren von der Küste ins Landesinnere.
Skywalk auf dem Königsstuhl
Dass es sich auch bei dem nahen Sassnitz um eine Perle der Bäderarchitektur handelt, erschließt sich nicht an der mit knapp anderthalb Kilometern längsten Außenmole Europas, sondern auf den zweiten Blick im Umfeld der Seebrücke. Jahrelang verfallen, ist diese seit 2025 saniert. Von hier aus lässt sich der traumschöne Steinstrand gen Norden abschreiten oder über einen der Stiche hinauf in die Altstadt wandern. „Nach Rügen reisen heißt nach Sassnitz reisen“, schrieb Theodor Fontane, der sich bei einem Aufenthalt zum Roman „Effi Briest“ inspirieren ließ. In der Stadt liegen Niedergang – die einst wichtige Fischerei ging zugrunde und auch die Fährverbindungen nach Schweden wurden eingestellt, was zu Arbeitsplatzverlust und Leerstand führte – und Aufschwung nah beieinander.
Ein Abstecher zu „Dahlmanns Bazar“, einer Buchhandlung für Inselliteratur mit Café und Feinkostregalen, taugt als Beispiel unternehmerischen Mutes im Kleinen mit dem Versuch, anspruchsvolle Lesungen jenseits großer Zentren auf die Beine zu stellen. Keine Viertelstunde ist es mit dem Wagen zum Parkplatz für Königstuhl und Victoriasicht, neben Kap Arkona landschaftliche Hauptsehenswürdigkeiten der Insel. Die Kreidefelsen liegen im Nationalpark Jasmund. Der Königstuhl verfügt, seiner wasser- und frostempfindlichen Substanz wegen, seit drei Jahren über einen Skywalk. Die Zutrittsgebühr ist happig, die Aussicht auf Meer und Küste malerisch. Es grüßt Caspar David Friedrich. Für die nahe Victoriasicht fällt keine Gebühr an. Der spätere Kaiser Wilhelm I. taufte den Aussichtspunkt auf seine Schwiegertochter.
Die schönste Jahreszeit auf Rügen: der Herbst
Wohin noch? Unsere Erfahrungen sind die Frucht von 20 Jahren. Auf zum Kap Arkona! In Putgarten steht das einstige Ferienhaus von Brecht und Helene Weigel. Vitt, das Fischerdorf in der Nähe, bekannt seit den Uferpredigten des Pastors Kosegarten. Nach Hiddensee – Ausstieg für Generationen von Künstlern, Schriftstellern, Schauspielern wie Asta Nielsen, Gerhart Hauptmann, Gret Palucca. Letztere ruhen auf dem Friedhof von Kloster, Überfahrt von Schaprode. Jüngst lief ein Dokumentarfilm über Rügens ehrwürdigste Tochter im Kino. Auch die Selliner Seebrücke lohnt, auch wenn die berühmten Szenen in Loriots „Papa ante portas“ nicht dort, sondern in Ahlbeck auf Usedom gedreht wurden. In der Inselhauptstadt Bergen besteige man den Ernst-Moritz-Arndt-Turm mit gläserner Kuppel. Putbus, die Planstadt des Wenden-Fürsten Malte, lockt mit Theater, Cafés und Schlosspark. Hier lässt sich die Dampfbahn „Rasender Roland“ besteigen, die in die östlichen Seebäder oder nach Lauterbach fährt – von dort Transfer auf Vilm, einen weiteren Rügen-Trabanten, Biosphärenreservat, Vogelschutzgebiet und einst abgeriegeltes Urlaubsidyll des DDR-Ministerrats – die Honeckers wohnten in Haus 2.
Wir brechen hier ab, müssen es, raten zum Aufbruch. Rügens schönste Jahreszeit ist der Herbst. Die katholische Infrastruktur, in der der Fläche nach größten Pfarrei Deutschlands, kann sich mit ihren Kirchen in Bergen, Garz, Binz, Sellin, die auch liturgisch betreut werden, durchaus sehen lassen. Hier trifft die kleine Schar Alteingesessener, oft Nachkommen von Heimatvertriebenen, auf Zuwanderer aus West und Süd, hinzu kommen Kurgäste und Touristen. Alle werden von Pfarrer Bernhard Scholtz und wackeren Ehrenamtlern beglückend betreut.
Der Autor ist ehemaliger Zeitungsjournalist und betreibt ein Geschäft für alte Bücher und Grafiken im Schatten des Bautzener Doms.
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